Gehört und Gesehen - Es werde Nicht

22.09.2011Knorkator

Knorkator

Es werde Nicht

Tubareckorz (2011, CD)

Ein Witz ist schnell erzählt – und meist noch schneller vergessen: Er wird vorgetragen, es wird – sofern ein wenig humoristische Substanz vorhanden ist – gelacht. Und dann ist er Geschichte: Der Rezipient möchte ihn nicht unbedingt nochmal hören - nichts ist langweiliger als eine bereits bekannte Pointe. Und damit sind wir schon beim Kardinalproblem von ‚der meisten Band der Welt‘, Korkator. Seit nunmehr gut eineinhalb Jahrzehnten ‚verwöhnen‘ die drei schrägen Berliner ihr geneigtes Publikum mit textlichen Ergüssen wie dem folgenden:

„Ich bin der viertbeste Kirschkernweitspucker von Köpenick – Du nicht! / Ich habe ein Video von Star Trek 7 mit Regiekommentaren – Du nicht!/ Ich kenne jemanden, der jemanden kennt, der Napoleon kannte - Du nicht! / Ich bestimme den Todeszeitpunkt einer Wasserleiche am Geschmack – Du nicht!“

Beim ersten Hören mag zumindest ein morbid veranlagtes Gemüt über die Idee, den „Todeszeitpunkt einer Wasserleiche am Geschmack“ bestimmen zu können, amüsiert sein, aber: Spätestens beim dritten Hören stellt sich mehr oder weniger gepflegte Langeweile ein.

Nicht anders verhält es sich bei den längst zur Institution gereiften, auch auf „Es werde Nicht!“ reichlich dargebotenen Knorkator-Persiflagen auf die Niederungen des modernen Bestseller-Liedguts. Diesmal musste unter anderem der Kirmes-Techno-Gassenhauer „Faster Harder Scooter“ daran glauben. Auch hier stellt sich wieder die Frage nach dem humoristischen, geschweige denn musikalischen Mehrwert: Ein Musikstück, das bereits im Original unfreiwillige Satire ist, spricht letztlich für sich – es muss nicht mehr karikiert werden. Es bedarf keines Falsettgesangs oder eines Oktavenbass‘, um Scooter zu demontieren – das schaffen H. P. Baxxter und Co. auch ganz allein. Entsprechend schnell verflüchtigt sich jedes Amüsement.

Im Grunde entbehrt dieser naiv-debile Musik-Klamauk nicht einer gewissen Tragik, denn: Knorkators Problem war nie die musikalische Darbietung, handwerkliches Unvermögen oder sprachliche Einfallsarmut. Im Gegenteil: Der Knorkator-Mix aus NDH, Metal, Pop, Glam-Rock und Polka geht ins Tanzbein, und manch eine konzeptionelle Idee - in „Refräng“ beispielsweise erteilen Alf Ator und Co. eine nahezu visionäre Lehrstunde in Sachen Songwriting – mutet beinahe avantgardistisch an. Aber: Jedes Mal, bevor des Rezensenten Haupt sich in tiefer Demut zu verneigen gewillt ist, konterkarieren sagenhaft platte Reime und Stumpens zweifellos gekonnter, aber nicht minder nervtötender Falsettgesang jeden Wohlklang.

Vermutlich ist gerade diese sich dem Hit und der künstlerischen Reputation verweigernde Clownerie pure Absicht. Vielleicht wollen die Musik-Clowns einfach ihren traurigen Augenaufschlag kultivieren - und sich missverstanden fühlen; vielleicht ist ihnen einfach nur scheißegal, was andere - vor allem Musikkritiker – denken; vielleicht wollen sie einfach nur kindisch sein – und Witze mit kürzester Halbwertzeit reißen.


Peter Garvens
(6 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.knorkator.de
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