Gehört und Gesehen - Direkt ins Blut (un)plugged

22.07.2011Wolf Maahn

Wolf Maahn

Direkt ins Blut (un)plugged

Electrola (2011, CD + DVD)

Anfang der 1990er-Jahre kam es mehr und mehr in Mode, dass Rockbands ihr Live-Programm ganz oder teilweise auch akustisch präsentierten. Ein Musik-TV-Sender lud in Serie international renommierte Bands in Studios ein und ließ die Musiker mit Instrumenten wie Akustik-Gitarren, Akustik-Bässen, Piano, Mandolinen, Akkordeon, Percussions und oft auch Streichern auftreten. Das hatte einen besonderen Reiz, Bands, die man sonst laut und elektrisch vollverstärkt von Shows in großen Hallen kannte, in diesem Rahmen musizieren zu sehen und zu hören.

Im Sommer 1993 spielte Wolf Maahn mit seiner damaligen Band an einem Tag gleich zwei halb-akustische Konzerte in einem Tonstudio bei Köln. Dort stand ein 9 x 9 Meter großer (kleiner) Aufnahmeraum zur Verfügung und neben der hochkarätig besetzten Band um die Gitarristen Helmut Krumminga und Axel Manrico Heilhecker, Bassist Volker Vaessen, Drummer Ralf Gustke und Gast-Violinist Ashley Reed fand sich noch ein rund 70-köpfiges Publikum ein.

„Direkt ins Blut (un) plugged“ erschien seinerzeit wenig später als Tonträger, jetzt, im Sommer 2011, gibt es den Titel als remastered CD plus DVD – die Konzerte wurden seinerzeit auch von einer Filmcrew aufgenommen. Auf dieser DVD sind zusätzlich einige Bonus-Features enthalten.

Halb-akustisch bedeutet in diesem Fall: Es kommt schon ab und zu eine E-Gitarre zum Einsatz – dezent über einen Kofferverstärker gespielt.

„Direkt ins Blut „(un) plugged“ kann deshalb zu den herausragenden Alben ihrer Art gezählt werden, weil Wolf Maahn und Band hier viele Stücke in sehr speziellen Arrangements spielen, die sich rhythmisch und von der Dramaturgie vom Original teilweise sehr deutlich unterscheiden. So ist aus dem Up-Tempo-Gitarren-Rocker „Fieber“ eine extrem-groovende Soul-Nummer mit Violine geworden. Hier sind deutlich hörbar (und auf DVD auch sichtbar) Vollblutmusiker am Werk, die Spaß und Spielfreude vermitteln. Überhaupt untermauern CD und DVD eindrucksvoll, dass Wolf Maahn & Co. vor allem in der Konzertsituation zur Höchstform auflaufen und das Publikum auf charmante Weise in die Show einbinden.

Ein Schmunzeln huscht einem lediglich beim Betrachten der DVD (im alten Bildformat 4:3) über die Lippen. Aus der Perspektive 2011 feuern die Musiker vom optischen Erscheinungsbild und sitzendem Stageacting einige klassische Rocker-Klischees ab. Nicht nur, dass zuweilen in bester Keith-Richards-Gedächtnis-Manier die Zigarette qualmend im Mundwinkel hängt, auch die vielfache Stirnband-Ausstattung innerhalb der Band erinnert daran, dass das Konzert 1993 stattgefunden hat. Axl Rose lies sich als special guest jedoch nicht mehr bei dieser feurigen Akustik-Session blicken, aber das war auch nicht geplant. Zum Glück.


Andreas Haug
(8 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.wolfmaahn.de

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