Gehört und Gesehen - Good Morning, How Did You Live?

01.04.2011Cryptex

Cryptex

Good Morning, How Did You Live?

SAOL / H´Art / Zebralution (2011, CD)

Mal eben ein Album zu machen, ein paar Songs im Studio einzuspielen und das Ganze auf CD zu bringen, dass man einen Tonträger für Veranstalterbemusterungen oder für den Verkaufsstand bei Konzerten hat; mit diesem Ansatz ist die Band Cryptex augen-und ohrenscheinlich nicht an „Good Morning, How Did You Live?“ gegangen.

Das aus Hannover und Salzgitter stammende Trio hat offenkundig einen Aufwand betrieben, wie man ihn sonst nur von großen, international renommierten Acts kennt. Nicht kleckern sondern klotzen war hier wohl die Devise. Bei Cryptex handelt es sich nicht um irgendeine Band, die aus Spaß an der Freud eine möglichst okaye Platte machen will, hier sind echte Künstler am Werk die vor Originalität und Kreativität nur so strotzen und ziemlich genau zu wissen scheinen, was sie wollen: Ein professionelles, überdurchschnittlich hochwertiges Gesamtkunstwerk abliefern.

Schon das sehr aufwendige, mit viel Liebe zum Detail gestaltete Artwork des im schicken Digi-Pack veröffentlichten Debütalbums inklusive des nicht weniger geschmackvoll aufgemachten Booklets ist schlichtweg umwerfend, der Inhalt, die Songs, die Musik auf dieser CD stehen dem in Nichts nach.

„Cryptex – der lächelnde Wahnsinn“ – wie die Medieninfo einleitet, kann man den Gesamtauftritt kurz, prägnant und voll zutreffend auf den Punkt bringen.

Über zwei Jahre haben Cryptex an diesem Album gearbeitet. Neben in der Rockmusik bekannten Instrumenten wie Schlagzeug, Bass, Keyboard und Gitarre haben Cryptex das opulente Werk –da wo es dem jeweiligen Song gut tut- mit unter anderem Bläsern, Streichern und Chören veredelt. Akustische Gitarren, Mundharmonika, zusätzliche Percussions kommen hier und da auch zum Einsatz. Von den ersten Ideen bis zur Fertigstellung hat sich „Good Morning, How Did You Live“ hör-und sichtbar als groß angelegtes Musikprojekt entwickelt.

Musikalisch sind Cryptex tief in den Siebzigern verwurzelt, sind aber deshalb noch lange keine typische Retro-Band. Es drängen sich Vergleiche in Hülle und Fülle auf, hört man die Songs und deren Arrangements.

Eine absolut treffende Beschreibung abzugeben fällt dennoch schwer. Hätten sich Cryptex 1968 gegründet, hätten sie wohl locker auf dem legendären Woodstock-Festival abgeräumt, die Jungs hätten in weiteren gemeinsamen Konzerten wohl sicher gut zu Acts wie Jethro Tull, den frühen Genesis, David Bowie, The Who, T.Rex oder ein wenig später zu Meat Loaf gepasst. Unter anderem an diese Bands und Einzelkünstler, wie die von Anfang bis Mitte der Siebziger unterwegs waren, vermag man sich beim Hören dieses Albums erinnert fühlen.

Cryptex selbst beschreiben ihren Stil als progressiven Folk-Rock. Rock, Alternative mit leichter Folk-Attitüde und Prog-Art-Rock alter Prägung.

Mit „Good Morning, How Did You Live“ legt die Band ein mitreißendes, sehr abwechslungsreiches, farbenfrohes und intensives Album vor. Die Musiker agieren über weite Strecken sehr expressiv und auf einem künstlerisch wie spieltechnisch sehr hohem Niveau. Songwriting, Dramaturgien, Arrangements – alles ist vom Feinsten.

Lediglich die Produktion, die Abmischung und das Klangbild insgesamt sind –an der heutigen Zeit orientiert – etwas gewöhnungsbedürftig. Es dürfte dem anspruchsvollen Hörer ein wenig an Brillanz, Druck und Transparenz fehlen. Tendenziell klingt das Ganze streckenweise etwas dumpf. Aber so ähnlich war das in den Siebzigern teilweise auch, wie etwa beim Queen- Album „Queen II“ aus dem Jahr 1974 in der Vinyl-Version oder beim Genesis-Klassiker „Nursery Cryme“ aus 1971.

Wie sich diese Bands im weiteren Verlauf ihrer Karriere entwickelt haben, ist allgemein bekannt. Wohin die Reise mit Cryptex geht und welche Wege sie nimmt, darf mit großem Interesse und Spannung weiter verfolgt werden.


Andreas Haug
(9 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.cryptexmusic.com

Weitere oder ähnliche CD/DVD-Besprechungen:
Cryptex - Madeleine Effect (2015)
Cryptex - Live At De Bousil (2012)
© Copyright: Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Weitere Infos + Nutzungsbedingungen im Impressum
Zur Übersicht Zur Startseite