Gehört und Gesehen - Vices & Virtues

24.03.2011Panic! At The Disco

Panic! At The Disco

Vices & Virtues

Warner Music (2011, CD)

Auf Wikipedia wird Panic! At The Disco noch als “Alternative-Rockband” geführt, überhaupt ist im Zusammenhang mit diesem Grammy-ausgezeichneten Act aus Las Vegas von einer Rockband die Rede.

Das neue Album „Vices & Virtues“ zeigt Panic! At The Disco über weite Strecken von einer ganz anderen Seite. Aus der Band ist ein Duo geworden, das mit diesem Album eine neue Ära einläutet. Frontmann und Multiinstrumentalist Brendon Urie und Drummer/Percussionist Spencer Smith haben dieses Album in Zusammenarbeit mit den Produzenten Butch Walker und John Feldmann entwickelt und mit Rock hat das Ganze eher wenig zu tun.

Es finden sich zwar noch Rockelemente auf dem Album, mindestens aber die Tracks 2-6 von insgesamt zehn Titeln sind für Rockfans ein echter Flexibilitätstest. Wer Rock mit größtenteils handgemachter Musik assoziiert, wird hier heftig überrascht. Es dominieren Synthesizer, elektronische Beats, Samples, Streicher. Alles ist sehr üppig auf Größe produziert, es gibt viel Pop der hier und da auch mal ins Schlagerhafte driftet. Technoider Disco-Schlager mit „Ummta-Ummta“-Stampfbeat mit „Hey, Hey“-Shouts wie etwa bei „Hurricane“. Älteren Musikfans dürften da Pet Shop Boys, a-ha, Erasure oder gar die Musikgruppe Dschingis Khan in den Sinn kommen.

Nach dem noch angenehm rockig angehauchten Opener „The Ballad Of Mona Lisa“ wird dann in der Folge heftig synthetisch-elektronisch aufgefahren. Die Produktion ist phasenweise so dick, dass sie aufgeblasen wirkt wie ein riesengroßer Ballon, der in Kürze zu platzen droht. Böse Zungen mögen salopp von „Plastik-Mucke“ sprechen, für andere ist diese Musik womöglich eine hübsche, oberflächlich nette Hintergrundunterhaltung im Auto, was zum Abzappeln am Samstagabend in der Großraumdisco oder eine schicke Pausenmusik für die Halbzeit im Fußballstadion, besonders dann, wenn man sich im Winter mit einem Becher Glühwein in der Hand die Kälte aus den Knochen wippen möchte.

Man möchte sich festlegen: Für Fans handgemachter Pop-und Rockmusik ist rund die Hälfte des Album schwer verdaulich.

Für diese Musikfreunde dürfte sich das aber mit Track 7 -„Always“- schlagartig ändern. Wie aus dem Nichts kommt plötzlich ein schöner, warm klingender Song mit einer Akustikgitarre aus den Boxen. Mal endlich kein Geschepper und Geklapper im unterkühlten orchestralen Synthie-Gewand. Als scheinen Panic! At The Disco mit diesem Song einen Hebel umzulegen, folgen dann mit „The Calendar“, „Sarah Smiles“ und „Nearly Witches (Ever Since We Met…)“ Kompositionen, bei denen auch wieder verstärkt Gitarren zum Einsatz kommen und die Fans von kreativ-pfiffig inszenierter moderner Musik im Spannungsfeld von Indie-Disco und Elektro-Rock-Pop richtig Spaß bereiten könnten.

Insgesamt ist „Vices & Virtues“ ein mutiges Album mit harten Kontrasten, ein Album mit dem sich Brendon Urie und Spencer Smith keinesfalls bequem auf einem Sofa platzieren, wie auf dem CD-Cover dargestellt, sondern sich des Öfteren mal zwischen die Stühle setzen. Originell-Kreatives und pompöser Kitsch liegen eng beieinander.


Andreas Haug
(5 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.panicatthedisco.com

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Panic! At The Disco - Too Weird To Live, Too Rare To Die! (2013)
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