Gehört und Gesehen - Rockpalast: Blues Rock Legends Vol.3

26.02.2011Johnny Winter

Johnny Winter

Rockpalast: Blues Rock Legends Vol.3

MIG (2011, DVD)

Seit geraumer Zeit veröffentlich Made In Germany Music aus Hannover (MIG) historische Konzerte der Rockpalast-Nächte der 70er-und 80er-Jahre auf DVD. Zu den wirklich historischen Rockpalast-Shows zählte die Rocknacht vom 21. auf den 22.April 1979, zu der die Grugahalle in Essen erstmals mit 10.000 Besuchern restlos ausverkauft.

Neben der Patti Smith Group und der J.Geils Band spielte der schon damals legendäre Blues-Gitarrist Johnny Winter. Einen besonderen Charme hatten die Rockpalast-Nächte unter anderem deshalb, weil eine gehörige Portion Improvisation, Flexibilität und Lockerheit in der Durchführung der Veranstaltung typisch war. Straffe Zeitpläne gab es nicht. Johnny Winter sollte in der Rocknacht im April 1979 ursprünglich 80 Minuten auftreten, dem kurz vor der Show geäußerte Wunsch seitens des Tourmanagers, Winter wolle zwei Stunden spielen, wurde kurzerhand entsprochen.

Improvisation war auch beim Gig von Johnny Winter selbst ein zentrales Thema. Schon beim über elfminütigen Opener „Hideway“ lieferte das Trio um Johnny Winter an der Gitarre, John Paris am Bass und Bob Torello am Schlagzeug eine Art Blues-Rock-Jam-Session ab, in deren Verlauf die pure Spielfreude der drei Musiker ein ums andere Mal aufblitzte. Im Mittelpunkt natürlich die intensiven bis manchmal exzessiven Gitarrensoli die Winter seiner Explorer-Gitarre, die an einen Kofferverstärker angeschlossen war, entlockte.

Bei dieser Show wurde nicht Song an Song gereiht präsentiert, alles war in einem stetigen Fluss mit viel Raum für instrumentelle Freiheiten und spontane Einfälle. So war es kaum ein Wunder, dass „I´m Ready“ mit knapp sechs Minuten Spielzeit der kürzeste Song des Abends war. „Mississippi Blues“ wurde über 17:39 Minuten ausgebreitet, das Schlagzeugsolo von Torello durfte mehr als 10 Minuten andauern, „Suzie Q“ zelebrierten Winter & Co. 13:36 Minuten. Zu Chuck Berry´s „Johnny B.Goode“ enterte eine bis dahin enthusiastisch im Publikum feiernde Patti Smith die Bühne um mit Johnny Winter mitzutun, war dann allerdings schnell wieder zurück im Publikum. Soviel „Session“ sollte es dann wohl doch nicht sein.

Zu einigen Songs tauschte man die Instrumente: Winter spielte den Bass, während Paris mit einer schwarzen Stratocaster demonstrierte, dass er auch der Gitarre packende Soli entlocken kann. Sound und Bildqualität sind sehr ansprechend und bringen das Flair legendärer 70er-Jahre-Rock-Konzerte ins heimische Wohnzimmer.

Für Fans von Blues, Blues-Rock und Boogie dürfte dieser Rockpalast-Mitschnitt größtes Kino bedeuten, für aktive Musiker, besonders für Gitarristen schönes Anschauungsmaterial, wie sich zeitweise völlig losgelöste Vollblutmusiker ihren Instrumenten hingeben und dabei gleichzeitig das Bandzusammenspiel quicklebendig halten. Das Rockpalast- Konzert von Johnny Winter, John Paris und Bobby Torello ist das Gegenteil von routiniert „Programm abliefern“, es lebt von der Spielfreude, dem Gefühl und den Freiräumen der drei Musikern und nicht zuletzt von der Atmosphäre in der ausverkauften Essener Grugahalle.

Ob nicht der ein oder andere Song, das ein oder andere Solo etwas kürzer gehalten nicht auch ihren Reiz gehabt hätten, steht dabei auf einem anderen Blatt.


Andreas Haug
(8 / 10 Pkt.)

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