Gehört und Gesehen - West Coast Seattle Boy – The Jimi Hendrix Anthology

14.12.2010Jimi Hendrix

Jimi Hendrix

West Coast Seattle Boy – The Jimi Hendrix Anthology

Legacy Recordings / Experience Hendrix LLC (2010, 1CD+1DVD)

Nun gut, von Jimi Hendrix sind in den letzten Jahren nicht gerade wenige Compilations oder Best-Of-Alben sowie Live-DVDs erschienen. Vor einigen Monaten hatte man auch zwischenzeitlich auf irgendwelchen Dachböden als verloren geglaubte und zuvor noch nie veröffentlichte Originalaufnahmen aus Spät-Sechziger-Studiosessions entdeckt, aufbereitet und in den Handel gebracht.

Mit entsprechend gebremstem Enthusiasmus wurden CD und DVD von „West Coast Seattle Boy-The Jimi Hendrix Anthology“ in die jeweiligen Player geschoben. Die Frage, die sich bei solchen Veröffentlichungen stellt ist: Braucht man anno 2010 nun wirklich noch neu aufbearbeitetes Bild-oder Tonmaterial des im September 1970 jung verstorbenen Gitarren-Genies?

Beim Hören der CD und Schauen der DVD möchte man zu dem Schluss kommen: Ja, eindeutig, ja! Diese CD/DVD-Veröffentlichung ist interessant, spannend, kurzweilig und liebevoll aufgemacht. Das unterstreicht schon das geschmackvolle Booklet mit historischen Fotos und Informationen darüber, wann, wo mit wem und unter wessen Regie die Originalaufnahmen einst entstanden sind.

Der Sound der re-masterten Aufnahmen ist schlichtweg großartig. Brillant, von jeglichem dumpfen klang befreit, druckvoll aber dennoch warm analog kommen Klassiker aus den Alben „Are You Experienced“, „Axis: Bold As Love“ und „Electric Ladyland“ aus den Boxen. Erstmals auf dieser CD veröffentlicht sind Hendrix´Coverversionen des Bob-Dylan-Songs „Tears Of Rage“ oder Lieder wie „Hear My Freedom“, „Hound Dog Blues“ oder „Lonely Avenue“.

Überaus geschmackvoll und spannend ist die 90-minütige Dokumentation „Voodoo Child“ auf der DVD. Der Film entstand unter der Regie des mehrfachen Grammy-Preisträgers Bob Smeaton. Smeaton präsentiert den Werdegang des Ausnahmemusikers in Hendrix´ eigenen Worten, vorgetragen im Audiokommentar von Parliament-/Funkadelic-Legende Bootsy Collins. Der Zuschauer erfährt, wie sich Hendrix von der Pike auf hochgespielt hat, zunächst unter anderem als Begleitmusiker in Bands von Rock´n´Roll-Stars wie Little Richard, wie er früh nach England ging und dort mit kurzfristig zusammengestellten Bandformationen auf die Bühne ging, wie er Bob Dylan im New Yorker „Village“ kennenlernte und sich postiv wunderte, wie jemand „der eigentlich nicht singen kann, den Mut aufbringt, das trotzdem zu machen und dabei so intensive, packende Texte vorträgt“.

Dass Hendrix in den 60er-Jahren zunächst seinen Militärdienst bei den Fallschirmjägern der 101.Airbourne absolvierte, eine US-Einheit, die maßgeblich den Weg für die Invasion der Allierten in der Normandie im zweiten Weltkrieg bereitete, wussten wahrscheinlich auch noch nicht alle Musikfans und man hat wohl Hendrix, wie man ihn später als Musiker kennenlernte, einen solchen Dienst nicht unbedingt zugetraut. „Glücklicherweise sei der Dienst vorbei gewesen, bevor der Vietnamkrieg richtig losging“, wird Hendrix in der Dokumentation zitiert.

CD und DVD sind ohne Einschränkungen absolut empfehlenswert.


Andreas Haug
(9 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.jimihendrix.com

Weitere oder ähnliche CD/DVD-Besprechungen:
Jimi Hendrix - Jimi Hendrix: Electric Church (2015)
Jimi Hendrix - Valleys Of Neptune (2010)
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