Gehört und Gesehen - Imperfect Harmonies

28.10.2010Serj Tankian

Serj Tankian

Imperfect Harmonies

Serjical Strike / Reprise Records (2010, CD)

System Of A Down waren für mich damals so etwas wie eine Ohrfeige. So etwas hatte ich noch nicht gehört. Völlig fremdartig kamen sie daher, sehr brutal und trotzdem melodiös. Es war eine schöne Zeit. Waren schon die letzten Platten der Band für mich kaum noch hörbar, so wird es jetzt richtig schlimm. SOAD-Sänger Serj Tankian tobt sich auf seinem zweiten Solo-Album zwar musikalisch aus, bleibt aber dennoch in seinem Sound-Kosmos gefangen und wiederholt sich beständig. Der Überraschungseffekt ist dahin, was übrig bleibt kann kaum überzeugen.

Zugegeben, die Sound-Kulisse hat sich schon dramatisch geändert. Die Gitarren sind mehr oder weniger Geschichte, bei “Imperfect Harmonies” stehen elektronische Klänge und orchestrale Sounds im Vordergrund. Der Opener kommt daher schon überraschend, ist aber eigentlich kein guter Song. Die Melodien klingen eben leider immer gleich – und der Orchester-Sound wirkt nicht mächtig, sondern seltsam billig.

Textlich prangert Tankian ein weiteres Mal politische und gesellschaftliche Missstände an, und auch sein Lieblingswort “genocide” ist mit von der Partie. “Deserving?” dagegen ist ein waschechtes Liebeslied, zumindest vom Text her. Musikalisch ist auch diese Nummer irgendwie unappetitlich. Die Strophen sind ein weiteres Mal typische System-Of-A-Down-Strophen, der Refrain verkommt zur peinlichen Disco-Nummer. Gerade bei diesem Text wirkt das wiederum recht billig. Auch beim folgenden “Beatus”, einer Art Electro-Pop-Nummer, dreht sich mir der Magen um. Diese Stimme darf einfach keine kitschigen Lieder singen. Es folgt noch eine Handvoll Balladen, dann kommt die Single “Left Of Center”, naja, sprechen wir lieber nicht darüber.

Ich verstehe ja, dass System Of A Down nach all dem Erfolg mal eine Pause vertragen können. Und es ist auch klar, dass die Ruppigkeit des Debut-Albums so nicht reproduzierbar ist. Und ja, ich gestehe es einem Künstler ja auch zu, sich musikalisch weiterzuentwickeln. Aber das hier ist Kitsch der übelsten Sorte und geht überhaupt gar nicht. In diesem Sinne: “Fuck The System!”


Paul Schüler
(2 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.serjtankian.com
www.repriserecords.com
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