Gehört und Gesehen - The Union

28.10.2010Elton John + Leon Russel

Elton John + Leon Russel

The Union

Universal Music (2010, CD)

Elton John, der in den letzten Jahrzehnten einer sehr großen Hörerschaft mit vielen sehr auf gefällige Radiotauglichkeit und kommerziellen Erfolg ausgerichteten Songs, die oft zu großen Hits wurden, ein Begriff ist, schlägt mit diesem Album eine deutlich andere Richtung ein. Zurück zu den Wurzeln, zum Kern unterschiedlicher Spielarten von Rock, Rock´n´Roll, Blues, Country und Gospel.

„The Union“ entstand in zwei Jahren Studioarbeit gemeinsam mit Elton Johns Vorbild, dem ebenfalls seit Jahrzehnten renommierten Pianisten und Songschreiber Leon Russel. Mit im Boot waren unter anderem Top-Produzent T-Bone Burnett und hochkarätige Studiogäste wie unter anderem Neil Young, Brian Wilson, Jim Keltner, Booker T., Grace Jones, Paul McCartney oder Stevie Nicks.

Das lässt ein Weltklasse-Album besonderer Qualitätsgüte vermuten und was die Qualität der Kompositionen, der musikalischen Umsetzung und der sehr roughen, organischen Produktion betrifft, so muss man vor allen Beteiligten den Hut ziehen. Dass hier kein 08/15 Durchschnittsprodukt auf den Markt geworfen wird, war bei den Protagonisten und Mitwirkenden dieser Liga auch zu erwarten.

Interessanter ist hier zu erfahren: Was haben Elton John, Leon Russel & Co. in den zwei Jahren Studioarbeit auf den Zettel gebracht und wie sind sie anno 2010 künstlerisch wie musikalisch unterwegs?

Die Songs, das ganze Album kommen einem einzigen Rückblick gleich, man bewegt sich konsequent in der Vergangenheit, pflegt Traditionen, poliert Songstrukturen und Harmonieabläufe, dass die Hände unter der sich langsam auflösenden Watte zu schmerzen beginnen. Diese Platte hätte so auch in den späten Sechzigern oder frühen Siebzigern erscheinen können, einige Songs die Elton John und Leon Russel hier spielen hätten auch gut ins Programm des berühmten „The Last Waltz“-Konzert von The Band gepasst, die ihr Abschiedskonzert in den Siebzigern mit vielen Gastbeiträgen zelebrierten.

Es dreht sich immer ums Gleiche: Amerikanischer Classic- Rock, Blues, bluesige Balladen, flotte Country-Blues-Nummern, alles wohl temperiert, sehr gesetzt gespielt und im Produktionsprozess dezent mit Bläsern, Chören, Orgel oder Slide-Gitarre unterlegt. Die Grundstimmung dieses sehr erwachsenen, beinahe überreifen Albums ist durchaus als melancholisch zu bezeichnen. Das ist Musik für Erwachsene im deutlich fortgeschrittenen Alter, für wirklich ältere Semester die sich möglicherweise schon den Herbst ihres Lebens fühlen und dazu sehr traditionelle, alte Musik benötigen, gespielt von hochkarätigen Künstlern, die nur noch zurück statt nach vorne schauen.

Wenn sich Elton John und Leon Russel wehmütig auf ihren –zugegeben sehr gehaltvollen- Balladen ausbreiten und ausruhen, dann hat man den Eindruck, als würden ältere Herren in einem dicken Ledersessel bei einem teuren Tropfen ihr Leben Revue passieren lassen. Man befindet sich quasi auf der ultimativen Zielgeraden, die Sonne schickt sich an, endgültig hinter dem Horizont eines weiten Landes zu versinken, Abendstimmung macht sich breit und man kann nicht sicher sein, ob es noch einen nächsten Morgen geben wird.

Wenn keine Balladen gespielt werden, dann zuckelt man mit dezentem Pianospiel und zarten Gitarren durch gefällige Country-Blues-Rock´n´Roll-Nummern, die gut zum Feierabendbier im angestammten Blues-/Classic-Rock-Schuppen passen können. Aber auch dort bleiben die reifen Herrschaften unter sich. Das ist nett, charmant mehr aber auch nicht.

Hörer die in vielen Generationen der Rock-und Pop Musikgeschichte und in unterschiedlichen Genres zu Hause sind, kann dieses permanente, beinahe penetrante Rumfischen in der Vergangenheit entsetzlich langweilen, da können gesetzt und reif auch als lasch und lahm empfunden werden. Andere empfinden es so, wie den sehr maßvollen monatlichen Genuss eines uralten und sündhaft teuren Whiskeys. So verhält es sich auch mit diesem Album.


Andreas Haug
(5 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.eltonjohn.de
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