Gehört und Gesehen - In Love

09.09.2010Juli

Juli

In Love

Universal Music (2010, CD)

Das ist dann doch mal eine Überraschung, das neue Album der Band Juli. Ob es eine positive oder sich eher negativ anfühlende Überraschung ist, das müssen langjährige Fans der Giessener Band wohl selbst mit sich ausmachen. Juli präsentieren sich auf „In Love“ neu, vor allem was das Soundgewand und eigentlich auch der künstlerische Ausdruck in der Gesamtheit angeht. Wem beim Namen Juli gleich „Perfekte Welle“ oder „Geile Zeit“ in den Sinn kommen, der sieht sich mit Juli anno 2010 mit einem fast gänzlich anderen Musik-und Band-Thema konfrontiert. Juli – in Teilen relaunched- könnte man sagen.

In den Jahren 2004 und 2005 wurden einige Bands auf den Markt gespült, die, in der Kategorie „junger, frecher und frischer Gitarren-Rock-Pop mit weiblichem Gesang und deutschen Texten“ eingeordnet, die „Neueste deutsche (Rock)Welle“ anführten. Juli gehörten schon damals dazu und wurden gleich mal mit Silbermond in einen Topf geworfen. Dass beide Bands schon damals sehr verschieden waren, haben Medien eher ignoriert, dass sich diese und auch andere Bands, die seinerzeit zu Höhenflügen ansetzten, inzwischen als reife individuelle Künstlerpersönlichkeiten emanzipiert haben und jeder sein Feld auch weiterhin recht erfolgreich beackert und dabei auch neue Ländereien erschließt, ist bemerkenswert.

Juli kommen mit „In Love“ als Pop-Band feiner, teilweise anspruchsvoller Ausrichtung daher. Das klassische Handmade-Rock-Pop-Fundament mit Schlagzeug, Bass und Gitarre wirkt –wenn überhaupt- äußerst dezent im Hintergrund, zeitweise überhaupt nicht. Juli haben sich für einen eher elektronischen Sound entschieden: Samples, elektronische Beats, Sequenzer- Bass und zuweilen sehr geschmackvolles Effektgetüfftel. Dies wirkt auf diesem Album nicht stumpf, sondern locker-leicht und insgesamt im Zusammenwirken mit echten Instrumenten und dem höchst charismatischen Gesang von Eva Briegel überaus kunstvoll und ästhetisch.

Moderner, gefühlvoller und sehr gut produzierter Deutsch-Pop im Deluxe-Format. Was das Songwriting angeht, ist die Band im Grundsatz ihrer Linie treu geblieben: Harmonien und Gesangslinien klingen nach Juli, was aber nicht bedeutet, dass man auch mal in Richtung Pop-Chanson geht wie in „Ich bin in Love (Paris)“. Ein typischer Gitarren-Rock-Pop-Song, wie man ihn auch früher von der Band kannte ist „Immer wenn es dunkel wird“. „Eisenherz“ ist eine der typischen Juli-Pop-Balladen, geprägt von leichter Melancholie, Sehnsucht und Romantik.

Die aktuelle Single „Elektrisches Gefühl“ animiert zum Gute-Laune-Bekommen und vielleicht auch zum Tanzen, irgendwo in einer angesagten Szene-Disco, egal ob indie- oder chic angehaucht. Dieser Track lässt ein wenig Erinnerungen an die Band Ideal wach werden, besonders was die Gesangsrhythmik in den Strophen angeht. Ob es hier beim Komponieren und Produzieren einen Austausch mit Anette Humpe oder deren Schwester Inga (von 2raumwohnung) gab?

Apropos: Juli dürften mit „In Love“ wohl viele Fans aus dem Umfeld von Bands wie 2raumwohnung oder auch MIA abholen und sich so vielleicht auch ein neues Publikum erschließen.

Den Anhängern von bodenständigen Gitarre-Bass-Schlagzeug-Gesang-Produktionen, denen die „Perfekte Welle“ oder ähnliches noch über den Kopf schwappt, könnte es mit „In Love“ ähnlich gehen wie den Fans der Band Queen im April 1982. Als Queen mit „Hot Space“ um die Ecke kamen, waren viele ob des Disco-Stils und –Sounds auf der ersten LP-Seite regelrecht schockiert, andere fanden das neu, abwechslungsreich und spannend.

Nun sind Juli mit ihrem dritten Album in ihrer Karriere noch nicht ansatzweise dort wo Queen vor gut 28 Jahren waren, die Ausgangssituation scheint aber sehr ähnlich: Es geht ums Ausprobieren, neue Wege zu finden, weiterzukommen und auch mal anzuecken und mit Altbewährtem zu brechen, selbst auf die Gefahr, dass langjährige Fans mit neuen Sounds ein paar Bauchschmerzen haben. Das zeugt von hohem Selbstbewusstsein und künstlerischer Reife der Band.


Andreas Haug
(8 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.juli.tv

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