Gehört und Gesehen - 4

23.07.2010Rotor

Rotor

4

Elektrohasch Schallplatten / Sonic Rendezvous (2010, CD)

Die Berliner Band Rotor ist schon seit 1998 unterwegs und hat in der Undergroundszene mit drei Alben, mehreren EPs und diversen Live-Shows einen recht hohen Status in der Riege progressiv-psychedelischer Instrumental-Rockbands. Rotor gelten für einige Musikfans als innovativ und ja, all diejenigen die, bevor sie Rotor kennen lernten, zuvor noch nie bewusst Progressive-/Psychedlic-Rock der späten Sechziger und frühen Siebziger gehört haben, für die mag das tatsächlich alles sehr abgefahren klingen, was das Trio da auf Tonträger zaubert.

Wer es sich einfach machen will, schiebt das schlicht mit „4“ betitelte Album in den CD-Spieler, dreht laut und kommt nach kurzer Zeit womöglich zu dem Schluss: Das ist ja eigentlich so etwas, was man sich immer unter Kiffer-Musik vorgestellt hat. Vielleicht ist „4“ aber auch ein toller Soundtrack, wenn man ohne solches Rauchzeugs auskommen will, sich dennoch aber mal ordentlich aus dem Alltag auszublenden beabsichtigt.

Ein paar Raucherstäbchen, eine monströse Rotweinflasche in Korbhalterung, mit Tüchern verhängte Nachttischlampen, ein paar Leute, die ihre hippieske Haarpracht im Schneidersitz verharrend in unregelmäßigen Abständen durchschütteln und dazu die Musik von Rotor über einen Mono-Vinylplattenspieler der an ein Mono-Röhrenradio angeschlossen ist hingebungsvoll in sich aufsaugen.

Musikfans die auf solche Old-School-Szenerarien stehen, können sich konsequenter Weise das neue Rotor-Album auch als Vinyl-Schallplatte zulegen.

Die Band schiebt, drückt und groovt mit schweren Gitarren-, oft angezerrtem Bass-und Schlagzeug durch die Gegend. Alles klingt kompromisslos, dreckig, handgemacht, analog und fühlt sich nach exklusiven Underground-Keller-Clubs mit niedrigen Decken an, in denen die Luft brennt. Wenn Rotor auf leicht frickeligen progressiven Pfaden wandeln, dann geschieht das hier auf diesem Album nicht, um herausragende instrumentale und spieltechnische Fertigkeiten zur Schau zu stellen, Rotor setzen mit den neun Stücken auf „4“ offenbar mehr darauf, den Hörer zu fesseln, zu packen, mal durchzuschütteln, aber nicht so heftig, dass er aus dem Stoner/Psycho/Prog-Rock-Trance-Zustand vollständig erwacht.

Die Songs sind mit so geheimnisvoll-unheilvoll-befremdlich wirkenden aber neugierig machenden Titeln wie „Gnade Dir Gott“, „Karacho /Heizer“, „Drehmoment“ oder „Die Weisse Angst“ versehen.

„Für Fans von: Melvins, King Crimson, Soundgarden, Kyuss, Black Sabbath, Colour Haze” steht in der Medieninfo. Man mag noch Rush im Mitte-Siebziger-Soundgewand entfernt assoziieren, ansonsten passt das schon ganz gut. Halt –im Fall von Rotor- nur ohne Gesang, obwohl auf „4“ doch schon mal vereinzelt entfernt vokales Tun zu vernehmen ist.

Rotor und ihr Album „4“ sind sicherlich nicht die besten Begleiter für Wellness-Anwendungen wie Gesichtskosmetik, wer aber von seinem Zahnarzt zuvor längere Zeit mit Bohrern verschiedener Größen malträtiert wurde, sich im Anschluss abregen und gleichzeitig stimmungsmäßig aufbauen möchte, der könnte mit „4“ einen echten Freund zur Seite haben. Lautstärkeregler weit gen Anschlag gedreht, dann entweicht womöglich auch die Betäubung etwas schneller aus den Lippen.


Andreas Haug
(6 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.rotorotor.de

Weitere oder ähnliche CD/DVD-Besprechungen:
Rotor - Festsaal Kreuzberg (2011)
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