Gehört und Gesehen - Headliner der Herzen

16.07.2010Excrementory Grindfuckers

Excrementory Grindfuckers

Headliner der Herzen

Eigenvertrieb (2010, CD)

Glaubt man der hannoverschen Ausgabe von Deutschlands vermutlich auflagenschwächster Tageszeitung „Grind“, dann sind die Hannoveraner Excrementory Grindfuckers „Deutschlands peinlichste Band“. Das Blatt, das sich selbst als „Unnachahmlich“, „Übertrieben“ und „Unterirdisch“ bezeichnet, wirft den fünf Musikern unter anderem „Grindcore-Betrug“ vor. Fast jedes Bandmitglied wird von dem mit 6,66 Euro Einzelverkaufspreis wenig preisgünstigen „Grind“ an den Pranger gestellt. So wie etwa Sänger Rufus, der –als Grillmonster geoutet- angeblich gerne Kuscheltiere röstet. Ein teilweise unkenntlich gemachtes Porträtfoto zeigt Drummer Christus bei einem vom „Grind“ unterstellten Aufenthalt auf einer Sexspielzeugmesse bei Braunlage.

Das ist schon mal in medialer Hinsicht sehr starker Tobak, das Album „Headliner Der Herzen“ setzt da aber noch einiges drauf. Die Excrementory Grindfuckers haben auch auf dieser Produktion nicht mit ihrer schier grenzenlosen Kreativität gegeizt und insgesamt 37 Tracks auf knapp 80 Minuten CD-Spielzeit verteilt. Wer nun glaubt, die musikalischen Eskapaden zeichneten sich durch musikalisch wie lyrisch indifferentes Geknüppel, Gesäge, Gegrunze und sonstiges Getue aus, irrt gewaltig. Das sub-subkulturelle Gesamtkunstwerk Excrementory Grindfuckers serviert wüst und siedend heiß allerlei individuell und oft rasend- schnell Verarbeitetes aus Metal, Extrem-Metal, Reggae, hymnischem Punk-Rock, Glam-Rock, Electro-Noise-Disco, Rock´n´Roll und bombastischem orchestralem Gothic-Metal.

Verfolgt man die Texte im Booklet bekommt man einen nahezu umfassenden wie schonungslosen Blick auf das zuweilen arg verzerrte Weltbild der Excrementory Grindfuckers gewährt. Dem Nachbarn wird mit der neuen Stereoanlage gedroht, harte Männer spielen „Schnick Schnack Schnuck“, man erfährt Näheres über den „Penispropeller“ oder über „Flummi, Das Reh“. „Is This The Real Grind?“ fragt die Band in „Bohemian Schnapsidee“ und warnt in „Und jetzt schön Crack“ offenbar vor dem Konsum dem Betäubungsmittelgesetz unterliegender Substanzen, denn das von Exrementory Grindfuckers in diesem Song beschriebene Szenario stimmt nachdenklich: „Der Hund ist verendet, hat´s nicht geschafft / Vom giftigen Würstchen dahingerafft / Er starb als er mir vom Frühstück erzählte / Für das er die Teewurst vom Straßenrand wählte/…Crack! / Und jetzt schön Crack (…)“, heißt es im Liedtext.

Das besondere Talent der Excrementory Grindfuckers, Hits zu schreiben, offenbart sich auch auf diesem Album auf besonders spektakuläre Weise. Ist man in der Musikindustrie der Meinung, ein Song mit Hitambitionen, müsse spätestens nach zirka 20-30 Sekunden den Ohrwurmrefrain ausspucken, schaffen die Hannover in dieser Zeit schon rund zwei komplette Songs. Gleich drei Titel auf diesem Album kommen mit einer Gesamtspielzeit von 0:12 Minuten aus: „Schlussmachgrund“, „A++“ und „Gynäkologie“. Aber auch nahezu epische Werke beherrscht die Band: Das Eröffnungsstück „Wer Will Grindfuckers Hören?“ erstreckt sich über sage und schreibe 3:18 Minuten und das bereits angeführte „Bohemian Schnappsidee“ kommt auf eine sensationelle Laufzeit von 5:34 Minuten!

Dass das Boulevard-Blatt „Grind“ der Band trotz prominent platzierter Werbeanzeige für das neue Album in der Berichterstattung so in den Rücken fährt, wird in der hannoverschen Musik-und Medienszene vereinzelt mit Empörung zur Kenntnis genommen: Von einer musikalischen Dolchstoßlegende ist die Rede – zumindest an den Stammtischen der Stadt.

Die Frage von „Grind“ -„Grindcore endgültig am Ende?“- kann aus der Rockszene.de Redaktion zweifelsfrei mit „Nein“ beantwortet werden. Dies hier ist wahrscheinlich nur der Anfang eines neuen Kapitels in der undurchsichtigen Karriere dieser einzigartigen Musikgruppe aus Hannover.


Andreas Haug
(10 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.grindfuckers.de

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