Gehört und Gesehen - Love It To Life

29.04.2010Jesse Malin and The St. Marks Social

Jesse Malin and The St. Marks Social

Love It To Life

Sideonedummy Records / Cargo (2010, CD)

Viele Angehörige des (Möchtegern-)Feuilletons sind Misanthropen. Sie sind beseelt von der Vorstellung, dass sie schon alles Wesentliche wissen, alles zur Erkenntnis Notwendige erlebt und eine ungefähre Vorstellung davon haben, wie es in Zukunft auf diesem lauschigen Planeten zugehen wird: Es kann sowieso alles nur immer schlimmer werden. Wenn solche Zeitgenossen ins Spielcasino gehen, dann nur aus folgendem Grund: Sie möchten den Beweis dafür erbringen, dass der Mensch eigentlich nicht gewinnen kann. Und sie haben natürlich immer recht, denn: Früher oder später verliert jeder – im Mindesten sein Leben. Eigentlich überflüssig zu erwähnen, dass sich auch der Autor dieser Plattenbesprechung einer derart kulturpessimistischen Weltsicht zugeneigt fühlt.

So ist es eigentlich schon als Ironie des Schicksals zu bezeichnen, wenn ein Kritiker dieser Couleur „Love It To Life“ zu hören und zu rezensieren bekommt. Denn: Jesse Malin ist einer dieser unkaputtbaren, waschechten Rock ’n’ Roller, die allzeit bereit sind, die Ärmel ihrer vom harten US-amerikanischen Rocker-Leben verwaschenen Jeansjacke hochzukrempeln, gegen die Widrigkeiten des Alltags anzusingen und ihrer Hörerschaft Mut zuzusprechen. „Verzweifelter Optimismus“ heißt hier die Devise: Nicht umsonst sang Malin vor drei Jahren gemeinsam mit keinem Geringeren als dem Obertrostspender von Gottes Gnaden, Bruce Springsteen, ein Duett („Broken Radio“) ein – und es ist sicher auch kein Zufall, dass sich Genrekollegen wie Ryan Adams oder Brian Fallon (The Gaslight Anthem) zu Gastauftritten fürs neue Album einfanden.

Jesse Malin setzt dabei auf Altbewährtes: Zehn Songs im überwiegend punkrockig-folkigen Singer/Songwriter-Gewand laden zum Mitsingen und Mittanzen ein – sei es am Lagerfeuer in freier Wildbahn oder am brennenden Ölfass vor postindustrieller Kulisse. Zahlreiche Stücke verfügen über beachtliche Ohrwurmqualitäten – allen voran der etwas an die besseren Zeiten des britischen Folkpunk erinnernde Opener „Burning The Bowery“, der geradlinige Rocker „Burn The Bridge“ oder die nachdenklich-getragene, von südamerikanischen Tanzklischees beinahe parodistisch überzeichnende Hymne „Lowlife In A High Rise“.

„Love It To Life“ ist eigentlich ein gutes Album: Jesse Malin und seine Band The St. Mark Social verstehen zweifelsohne ihr Handwerk und beweisen ein bemerkenswertes Gespür für hymnisch-melancholische Melodiebögen. Kein Song fällt aus dem Rahmen - es gibt nicht einen einzigen schwachen Track. So etwas lässt sich wohl mit Fug und Recht als „grundsolide“ bezeichnen – Bruce „Allmächtig“ Springsteen wäre sicher zufrieden; und das völlig zurecht. Es gibt nur ein Problem: Jesse Malins klagend-melancholische Gesangslinien muten auf Dauer etwas monoton an, die Gitarrenarrangements - insbesondere das vorwiegend am traditionellen Punk orientierte Riffing - nicht weniger. Und auch das künstlerische Credo, das in der Platteninfo ausgesprochen treffend mit „Egal, wie schlimm es auch immer wird – Du bist nicht allein“ charakterisiert wird, ist nicht gerade als avantgardistisch zu bezeichnen. Und erst recht ist es ganz sicher nicht unstrittig – zumindest für Misanthropen und Zyniker. Die traurige Empirie in Gestalt von horrenden Arbeitslosenzahlen, Krieg und Krise gibt ihnen dabei zweifelsohne recht.

Was also bleibt, ist ein zwiespältiger Eindruck. Aber - bei aller Kritik – ganz gewiss kein schlechter.


Peter Garvens
(7 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.jessemalin.com
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