Gehört und Gesehen - Euphorie & Praxis

23.04.2010Kleemann

Kleemann

Euphorie & Praxis

ASR / Soulfood (2010, CD)

Die hannoversche Band Kleemann um ihren Namensgeber und Sänger Martin Kleemann kann bereits auf stolze zehn Jahre ihres Bestehens zurückschauen. Da trifft es sich gut, dass man sich im April 2010 mit einem neuen Studioalbum selbst ein Geburtstagsgeschenk machen kann. „Eingängiger deutschsprachiger Pop-/Rock mit fesselnden Texten“, so beschreibt die Band selbst ihre Musik oder auch als „Deutschrock – pur, markant und ehrlich“, Musik, die modern, aber alles andere als modisch daherkommen soll.

In die Abteilung „Rock“ mag man „Euphorie & Praxis“ nun nicht ohne weiteres einsortieren, denn so richtig rocken tut die Platte nicht, hier beißt und kratzt so ziemlich gar nichts und man eckt mit den elf Songs auch nicht wirklich an. Der Sound des Albums ist eher wohltemperiert, warm und rund. Die Instrumente sind zurückhaltend eingesetzt, das Klangbild wird in einigen Songs durch den Einsatz von Westerngitarren und Klavier zusätzlich ein wenig weich gemacht, ohne dass das Ganze ins Aalglatte abzurutschen droht. „Reifer und reduzierter“, liest sich das in der offiziellen Schreibweise. „Euphorie und Praxis“ hält Songs und Musik für Erwachsene im mittleren Lebensalter, so um die Ende 30 Anfang 40 bereit, Songs und Texte sollen im Mittelpunkt stehen, sich dem Hörer erschließen, wahrscheinlich hat man deshalb auf eine knallige Umsetzung verzichtet. Es geht den Künstlern offenkundig besonders um Inhalte, um das Vermitteln von Gefühlen und Stimmungen, nicht um eine knallbunte Sensationsverpackung.

Kleemann kommen mit geschmackvollen, schlüssigen Kompositionen daher, die obendrein gut durchhörbar sind und sich immer in einem gewissen Fluss befinden. Flotter, handgemachter Liedermacher-Pop für Erwachsene, für eine Hörerschaft, die es ansonsten wohl gern mit der Musik von Bands und Einzelkünstlern wie etwa Pur, Heinz-Rudolf Kunze oder auch Westernhagen (wenn der seine Balladen auspackt) hält. Besonders das farbenfrohe Pianospiel in Midtempo-Nummern erinnert vom Stil oft an das von der schwäbischen Band um Hartmut Engler & Co. Aber auch eine gewisse Nähe zum niveauvollen easy-going Schlager-Pop ist hier nicht von der Hand zu weisen. Die Hannoveraner bauen ihr musikalisches Grundgerüst auf der Basis von deutschsprachigem Rock-Pop, wie er in den Achtzigern und Neunzigern gespielt wurde, das Ergebnis ist dennoch trendunabhängig und dürfte auch dieses und die nächsten Jahrzehnte überdauern.

Kleemann sollten mit „Euphorie & Praxis“ ein breites Publikum abholen können, vor allem Musikhörer die einerseits unangestrengt zu verfolgende deutschsprachige Pop-Musik mögen, sich anderseits aber auch von reflektierenden Songtexten mit kritischen Ansätzen mitnehmen lassen möchten. Erwachsene, wie „du und ich“, die sich nach einem langen Arbeitstag auf Geschäftsreise abends auf dem Hotelzimmer einer x-beliebigen deutschen Metropole aus ihrem Business-Anzug schälen, die Minibar öffnen, den Krawattenknoten lockern und erstmal eine Runde Hochprozentiges herunterspülen und dabei über das eigene Leben, ihre Träume, die Gesellschaft, erfüllte Wünsche und verpasste Chancen sinnieren.

Man mag es sich vor seinem geistigen Auge vorstellen: Martin Kleemann und Westernhagen morgens um halb vier in einer schicken Bar. Der eine (Westernhagen) singt „Ich bin wieder hier“, der andere (Kleemann) ist „Am Ziel“.

Nicht neu oder besonders innovativ – dafür ehrlich und glaubwürdig.


Andreas Haug
(6 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.klee-mann.de

Weitere oder ähnliche CD/DVD-Besprechungen:
Kleemann - Land des Lächelns (2006)
Kleemann - Kleiner Held (2002)
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