Gehört und Gesehen - Journey

14.01.2010Yosemite Rain

Yosemite Rain

Journey

Eigenproduktion (2009, CD)

Ein Album für Freunde anspruchsvoller Rockmusik, eine CD für Fortgeschrittene hat die aus Südbaden stammende Band Yosemite Rain mit „Journey“ eingespielt. Progressive Rock mit mehr oder weniger deutlichen Anklängen an Bands wie etwa Genesis, The Flower Kings oder Marillion steht bei Yosemite Rain auf dem Programm.

Vor allem Marillion wie sie auf ihren jüngsten Produktionen klingen, scheinen es Yosemite Rain angetan zu haben. Sänger Alex Hanafi, der laut Bio auf der Bandwebsite eigentlich gar keinen Progressive-Rock hört, klingt auf „Journey“ über weite Strecken wie der nicht existente Zwillingsbruder des überaus charismatischen Marillion Frontmanns Steve Hogarth. Die Ähnlichkeiten in der Intonation, im Stimm-Sound, in der dramaturgischen Ausarbeitung von Melodielinien sind frappierend. Auch viele Solo-Gitarren-Arrangements orientieren sich sehr stark an Marillion-Gitarrist Steve Rothery. So etwas hat man bislang kaum bis gar nicht gehört.

Nun kommen Yosemite Rain jedoch keinesfalls als Marillion-Tribute-Band rüber, sondern schaffen eigene, zuweilen sehr eigenwillige Kompositionen mit emotionalem Tiefgang, einer oft sehr melancholischen Grundstimmung, komplexen bis komplizierten Arrangements und häufigen, sehr kontrastreichen Breaks innerhalb der Songs. Das ist schon sehr anspruchsvoll, was die Band hier anbietet. Augenscheinlich verfügen die Musiker über sehr viele, meist recht originelle Ideen, die im jeweiligen Track untergebracht werden wollen. Progressive-Rock eben, Progressive-Rock aber, der nicht mit vertracktem und virtuosem Instrumentalgefrickel anzugeben versucht, Yosemite Rain sind eher feinfühlig und getragen unterwegs.
Inhaltlich soll das Album, so die Band, als eine musikalische Reise verstanden werden, es geht um Themen wie Trennung, Abschied nehmen, aber auch um spirituelle Weiterentwicklung und Neuanfänge.

Yosemite Rain präsentieren sich als künstlerisch sehr ambitionierte Band, die sich mit den sieben Tracks auf „Journey“ die Latte selbst sehr hoch legt. Oft zu hoch um mit Leichtigkeit drüberzuspringen. Die Band wählt in der Umsetzung der Kompositionen den schwierigen, den steinigen Weg, kommt spieltechnisch auch schon mal leicht ins Straucheln ohne aber letztlich auf die Nase zu fallen. Dem künstlerischen Mut zum Risiko gebührt in jedem Fall Respekt.

Der Progressive-Rock-Hörer wird gemeinhin zur Spezies der musikalischen Feinschmecker gezählt und wenn ein Prog-Rock-Menü angekündigt und aufgetischt wird, dann müssen hohe Maßstäbe erfüllt werden, damit der Gesamteindruck überzeugend und voll zufrieden stellend ist. In diesem Punkt wird es dann mit „Journey“ schwierig. Während das sehr ansprechende Artwork und Booklet auf ein professionelles, amtliches Produkt schließen lassen, ist die CD eher auf gutem Demo-Standard. In Eigenregie aufgenommen und gemischt, was man auch hört. Ein professionelles Tonstudio und ein ebensolcher Toningenieur oder gar ein Produzent standen ohrenscheinlich nicht zur Verfügung. Das hätte man der Band bei „Journey“ gewünscht. An professionellen Prog-Rock gewöhnte Ohren erfahren mit dieser Produktion nicht gerade eine Wellness-Behandlung, dem Hörer wird aber durchaus solide Hausmannskost serviert.

Dort wo professionelle Prog-Bands im Sound kraftvoll, flüssig, geschmeidig und mit spielerischer Leichtigkeit agieren, klingen Yosemite Rain auf „Journey“ meist hochkonzentriert hart arbeitend und teilweise noch ein Stück weit bemüht.

Nun sind die Jungs aus Südbaden aber keine Profis, für ein semiprofessionelles oder engagiertes Liebhaberprojekt geht die CD unterm Strich in Ordnung. Marillion-Fans werden wahrscheinlich auch weiterhin lieber Marillion hören, die Fans von Yosemite Rain dürften sich über „Journey“ sicher freuen.


Andreas Haug
(4 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.yrain.de
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