Gehört und Gesehen - Rockpalast

19.11.2009Peter Rüchel

Peter Rüchel

Rockpalast

Edel:Rockbuch (2009, Buch)

Ein 256 Seiten starker Bildband über den Rockpalast, herausgegeben vom Erfinder und Macher dieses einzigartigen Live-Konzert-und –Festival TV Formats Peter Rüchel - das dürfte generationenübergreifend für Interesse sorgen.

Bei denen, die Mitte der 1970er-Jahre die ersten Rockpalast Fernsehaufzeichnungen in überfüllten Fernsehstudios mitverfolgten (damals nur über 30 Minuten), bei denen, die zwischen 1977 und 1986 die zweimal jährlich in der Essener Grugahalle stattfindenden Festival-Rocknächte erlebten, sei es vor Ort, am Fernsehgerät oder im Radio-Nachtprogramm und natürlich bei denen, die den Rockpalast mit den seit 1982 organisierten Loreley-Festivals oder noch später –ab 1987 - 2003 mit den Bizarre-Festivals verbinden.

Unzählige Top-Stars der internationalen Szene spielten im Rockpalast, teilweise noch zu einem Zeitpunkt ihrer Karriere, als größerer Starruhm noch nicht wirklich abzusehen war, wie beispielsweise U2 im Jahr 1981, als diese –der Bildband legt das offen- vor 300 zahlenden Gästen im Metropol in Berlin auf der Bühne standen. Im Jahr 2000 hatten Coldplay, auch das wird einem ins Gedächtnis gerufen, die etwas zweifelhafte Ehre, an einem Freitagnachmittag um 16 Uhr das Bizarre-Festival zu eröffnen. Die Musiker seien „not amused gewesen“.

Die Rockpalast-Gesichte hält auch allerlei kleinere Skandale und Anekdoten parat. So erinnert man sich an den seinerzeit umstrittenen Auftritt der Red Hot Chili Peppers 1985 auf der Loreley (die Sockennummer), an einen nicht mehr ganz nüchternen Mitch Ryder im Jahr 1979, an ein mehr als ausverkauftes Loreley-Festival 1983 mit 21.000 Besuchern auf dem die Stray Cats, U2, Joe Cocker und Steve Miller spielten. Daran, dass ZZ Top 1980, als das Intro zur Show lief, beinahe ihren Einsatz verpasst hätten und daran, dass das Konzept, Konzert-Nächte in Hallen live im Fernsehen zu übertragen, ursprünglich aus Frust von Musikverliebten entwickelt wurde, wie es Peter Rüchel beschreibt.

So saß er im Spätsommer / Frühherbst 1976 mit dem langjährigen Rockpalast-Regisseur Christian Wagner zusammen und stellte fest, dass es einfach zu wenig sei, einmal monatlich 30 Minuten Rockpalast aus einem Fernsehstudio heraus zu präsentieren. Das änderte sich am 23.Juli 1977 als die erste Rockpalast-Nacht (damals mit u.a. Little Feet) in der Essener Grugahalle über die Bühne ging.

Rory Gallagher, der für das Rockpalast-Team zu einem Freund geworden ist, trat allein fünf Mal auf, Grateful Dead und The Who waren zu Gast, The Police, Patti Smith, Johnny Winter, J.Geils Band, E-Street-Band-Mitglied Little Steven und viele, viele mehr, aber niemals, ja niemals Peter Rüchels absoluter Wunsch-Künstler: Bruce Springsteen. Albrecht Metzger´s badisch gefärbte englische Anmoderationen („German Television proudly presents…) sorgten zunächst für Schmunzler, wurden dann aber legendär, ebenso wie die spontanen, einfühlsamen Interviews des sympathischen und in Sachen Rockmusik äußerst versierten Moderators Alan Bangs.

Zur Anfangszeit der Rocknächte seien die Zustände nahezu paradiesisch gewesen, erfährt der interessierte Leser und Betrachter des Bildbandes. Für eine Produktion habe man eine Vorbereitungszeit von einer Woche gehabt und die Bands hätten als Probelauf vor leeren Hallen ihre kompletten Konzerte gespielt, die es oftmals richtig in sich gehabt haben sollen. Neben Peter Rüchel erinnern sich auch Produzenten, Bandbetreuer und Fotografen an Rockpalast-Veranstaltungen, außerdem haben BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken und Little Steven Gastbeiträge zum Rockpalast-Bildband geliefert.

Die sehr stimmungsvollen, sorgsam ausgewählten, vielfach großformatigen Fotos, ob nun „on stage“ oder ganz besonders aus Backstage-Situtionen sind oft von allerhöchster Qualität und transportieren soviel Atmosphäre, wie es „Behind-The-Scenes“-Material von heutigen DVD-Produktionen in dieser Form kaum transportieren können.

Einziger Kritikpunkt: Zuweilen muss man schon mal etwas munterer vor-und zurückblättern, denn des Öfteren sind erklärende Bildunterschriften nicht in der Nähe oder direkt unter den Fotos zu finden. Hier haben die Layouter offenbar der größeren Bilddarstellung den Vorzug gegeben.

Insgesamt ist der Bildband „Rockpalast“ ein wunderbares, hochwertiges Werk, eine einzigartige, geschmackvolle, charmante, aus persönlichen Blickwinkeln von Machern und Künstlern zusammengestellte Dokumentation eines der innovativsten und wichtigsten europäischen TV-Konzert und –Festivalereignisse die vor allem zu Anfang noch das waren, was man sich unter „richtig Rock´n´Roll“ vorstellt. Zeitpläne wurden hinten angestellt. Konzerte wurden gespielt, wie sie fielen und auskamen, mal kürzer mal deutlich länger.

Da mussten auch ZZ Top im April 1980 „durch“. Das Trio ging um 4 Uhr morgens auf die Bühne und musste/durfte um 5.30 Uhr noch Zugaben spielen. Das Fernsehteam des WDR übertrug bis zum bitteren oder lustigen Ende. Je nach Sichtweise. Ein Schwarzweiß-Foto zeigt die Musiker völlig geplättet nach der Show auf einem Bühnenelement liegend.

Natürlich transportiert dieses Buch auch ganz viel davon, was man aus heutiger Sicht als „Rock ´n´Roll“ Romantik bezeichnet, was für die damals Beteiligten nicht selten zu einem knüppelharten Knochenjob geriet.

Dieser Bildband ist besonders ein echter Tipp für alle, die in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern die Rockpalast-Übertragungen mitverfolgten, denen der Rockpalast-Nächte und Open-Air-Festivals und die dort auftretenden Bands zu jener Zeit sehr wichtige Begleiter waren. Aber auch die „Bizarre-Festival“-Generation, wenn man sie mal so nennen darf, kommt mit schönen Beiträgen und vielen Fotos auf ihre „Kosten“.

Der erste der nachfolgenden Links führt zur offiziellen, aktuellen Rockpalastseite des WDR, der andere zur inoffiziellen, privat betriebenen, inhaltlich und statistisch umfangreichen, chronologisch sorgfältig aufgestellten Rockpalast-Archiv-Seite


Andreas Haug
(9 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.rockpalast.de
www.rockpalastarchiv.de
www.edel.de
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