Gehört und Gesehen - Black As Chalk

16.10.2009Black As Chalk

Black As Chalk

Black As Chalk

Eigenproduktion (2009, CD)

Eine junge Band aus Göttingen debütiert mit einem Album. Black As Chalk heißt das Quartett, ein Name, der Hobby-Philosophen auf den Plan rufen könnte. Kreide ist doch weiß, sagt der Realist aus dem Hier und Jetzt. Ist Kreide wirklich weiß oder ist sie vielleicht doch schwarz? Ist sie vielleicht nur deshalb weiß, weil wir den Gegenstand als weißen Gegenstand wahrnehmen? So wird womöglich der Philosoph ansetzen und nach einigen Gläsern Rotwein in die Diskussionsrunde einwerfen, ob Steine eventuell leben…

Black As Chalk machen es dem Hörer mit ihrem Album nicht gerade leicht, sie spielen Musik, die sich wenig eignet, mal nebenbei hinzuhören und dabei Spaß zu haben. Die Band präsentiert sich als künstlerisch ambitioniert, will in tiefere Regionen vorstoßen, einen eigenständigen Sound und Stil entwickeln und bei allem den Hörer emotional abholen, sofern dieser in der entsprechenden Stimmung ist. Black As Chalk sind nichts für heitere Menschen mit einem sonnigen Lächeln und funkelnden Augen, eher schon für die reflektierenden, problembewussten Zeitgenossen, die sich über Gott und die Welt Gedanken machen, sich selbst suchen und noch nicht gefunden haben, die Sehnsüchte empfinden und diese auch intensiv ausleben. Ein „Moloch aus Moll“ prangt als Schlagwort auf der MySpace-Seite der Göttinger. „Ein Moloch aus Melancholie“ könnte man hinzufügen, Musik für eine Herbst-oder Winterstimmung mit kaum Sonne, gefrorenen Seen, mit Raureif bedeckten Feldern und mit zeitweise bedrückender Stille.

Das muss man mögen. Die Band agiert teilweise sperrig, fährt Indie-Pop und –Rock-Sounds mit einem gewissen Sixties-Touch. Charakteristisch für die Band ist der Einsatz des Klaviers, das über weite Strecken der Produktion im Vordergrund steht und für die speziellen Stimmungen in den Songs sorgt. Die vier Musiker sprudeln vor Ideen, spielen, komponieren und arrangieren ihre Interpretation von Indie recht individuell. Allein dieser Ansatz gibt die meisten Pluspunkte. Der Gesang von Julian Schima klingt dabei sehr vertraut in Richtung Alternative-Rock / Grunge amerikanischer Prägung. Die Mischung passt ganz gut, handwerklich sind alle zehn Songs ordentlich in die Spur gebracht. Die Räucherstäbchen können entzündet werden, der von Rotwein oder Problemen jeglicher Art schwere Kopf kann in die Hände gestützt werden und dann kann man gern mal ein wenig vor sich hin leiden und sich dem Moll-Moloch hingeben.

Dort wo Fans dieser Musik die Melancholie genießen, werden andere einen doch unbehaglichen Trübsinn spüren, vor dem geistigen Auge blasse Menschen durch den Herbstnebel stampfen sehen, Mantelkragen hochgeschlagen, Mundwinkel heruntergezogen, frierend. Nichts ist schön, nichts macht so richtig Spaß, Wehmut trifft Moll am Geländer der Brücke, von der man sich aber bitte hier nicht stürzen sollte. Das überlässt man dann doch der hübschen Protagonistin aus „Brave“, die im übertragenen Sinn sogar vom Mond gefallen ist.

Wer es nicht so mit diesen Klangfarben und diesem künstlerischen Ausdruck hält, kann bei dieser Musik auch nach mehrmaligen Durchhören der Platte zunehmend Langeweile verspüren, denn zuweilen dümpelt die Band durch ihre Songs, vermag oft noch nicht so richtig auf den Punkt zu kommen, ihre viele Ideen ideal zu sortieren. Da sind häufig grandiose Ansätze, ein toller Groove hier, eine tolle Melodie da, eine schöne Klavier-Figur dort, aber mit zunehmender Dauer versanden die meisten Songs dann recht schnell im Irgendwo und Nirgendwo. Stark begonnen, stark nachgelassen.

Da bleibt beim Hörer kaum etwas hängen außer einem komischen Gefühl der Unausgeglichenheit. Black As Chalk hinterlassen unterm Strich noch einen etwas unausgereiften Eindruck, man legt zwar schon einige frische und funkelnde Karten auf den Tisch, vermag aber noch nicht, da wo es nötig erscheint, mit Nachdruck gezielt die Trümpfe auszuspielen. Eine talentierte Band mit einem Album für Indie-Nischen und Liebhaber. Für ein größeres Publikum ist das in dieser Form eine noch etwas arg spröde bis schlappe Angelegenheit. Geschmackssache.


Andreas Haug
(4 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.myspace.com/blackaschalk

Weitere oder ähnliche CD/DVD-Besprechungen:
Black As Chalk - Modern Void (2012)
Black As Chalk - Halations (2010)
© Copyright: Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Weitere Infos + Nutzungsbedingungen im Impressum
Zur Übersicht Zur Startseite