Gehört und Gesehen - Backspacer

25.09.2009Pearl Jam

Pearl Jam

Backspacer

Universal Music (2009, CD)

18 Jahre ist es her, dass Pearl Jam mit ihrem Multi-Platin Debüt „Ten“ für ganz viel Furore sorgten, seinerzeit tobte die Grunge-Welle auf ihrem Höhepunkt, Nirvana rockten, Pearl Jam und andere auch, Schlabber-Cord- und Jeans-Hosen plus Flanellhemden und großzügiger Haupthaarbewuchs waren bei den Grunge-Anhängern. Musikalisch gab´s oft schwer rollende Rockgrooves, röhrend-beißende Gitarren und Sänger die sich mehr als nur die Seele aus dem Leib sangen und schrien…

Und jetzt, 2009, nicht gerade das Jahr, wo Grunge-Rock im damaligen Gewand besonders hohen Stellenwert besitzt, kommen Peal Jam mit einem nagelneuen Album namens „Backspacer“ auf den Markt. Ahja, nun reihen sich auch einige der um 1990 herum neuen und hippen Bands plötzlich in die Riege der Classic-Rock-Veteranen ein und beschwören alte Zeiten….?!? Denkste!!! (Drei, wahlweise auch mehr, Ausrufezeichen).

Pearl Jam haben den teilweise hippiesken Auftritt von vor 18 Jahren in jeder Beziehung abgelegt und präsentieren sich auf „Backspacer“ als äußerst ausgeschlafene, hochgradig inspirierte, top-fitte und zeitgemäße Rockband. Nix von wegen Retro oder Revival. Pearl Jam rocken im hier und jetzt, so, als hätten alle Bandmitglieder eine monatelange Wellness-Kur für Körper, Geist und Seele hinter sich.

Eddie Vedder & Co. rocken mit einer Leichtigkeit und Vitalität nach vorn, dass es auch nicht eingeschworenen Fans ganz viel Spaß macht, vorausgesetzt man fühlt sich zwischen Riff-Rock und melodiösem, tanzbaren Power-Pop-Rock amerikanischer Prägung daheim. Die Gitarren klingen frisch wie ein knackiger Salat im Frühling, im Ansatz irgendwo zwischen The Kinks und Rolling Stones und schließlich natürlich Pearl Jam, Eddie Vedder ist exzellent in Form, die Rhythmusfraktion spielt total auf den Punkt und legt, besonders zu Beginn des Longplayers, ein richtig feines Tempo vor.

Zwölf Songs in nur 36 Minuten. Auch so geht es mal. Wer will denn immer 15 oder mehr Tracks verteilt auf über 60 Minuten Spielzeit hören? „Backspacer“ ist straff, präzise, tight, Pearl Jam konzentrieren sich auf das Wesentliche, die Songs, halten sich nicht mit Jam-Parts auf, überschüssiger Ballast wurde gar nicht erst an Bord genommen. Die Band vermittelt den Eindruck extremer Spiel-und (möglicherweise) auch Lebensfreude. Den Herren von Pearl Jam macht das offendkundig richtig Spaß, was sie da tun.

Für die überdurchschnittlich ansprechende, sehr, sehr gute Produktion zeichnet Brendan O´Brien, ein ganz großer Name in der US-Rockszene, verantwortlich, der in jüngerer Vergangenheit unter anderen auch Acts wie Bruce Springsteen unter den Fingern hatte. Und das spürt man auch. Im Opener „Gonna See My Friend“ gehen Pearl Jam mit der Energie der E-Street-Band an den Start. Gerade in diesem Song könnte man meinen, der High-Energy-Drummer Max Weinberg säße am Schlagzeug.

Gemeinsam mit Brendan O´Brien haben Pearl Jam ihren Sound kräftig entstaubt und mit klarem Wasser nachgespült.

„Backspacer“ ist ein Rock-Album, das richtig gute Laune macht, es wäre eigentlich ein schöner Soundtrack für den Frühlingsbeginn, so könnte es ein Mittel gegen Herbstmüdigkeit oder ähnliche Unpässlichkeiten sein.

Wem Pearl Jam vor 18 Jahren relativ egal waren, wer die Musik damals so nebenbei mitnahm ohne sich besonders dafür zu begeistern, sollte mal beide Ohren auf dieses neue Album spitzen und sich auch das zeitgemäße, bunte und kreative Cover-Artwork anschauen. Auch wer von E-Gitarren und Rockmusik in letzter Zeit Ermüdungsbeschwerden davontrug, sollte mal reinhören.

Aber Vorsicht: Man könnte sich in dieses Album und die Band verlieben.


Andreas Haug
(9 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.pearljam.com

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