Gehört und Gesehen - Last Look At Eden

24.09.2009Europe

Europe

Last Look At Eden

earMusic / Edel (2009, CD)

Die Herren von Europe sind einige der Bands, die unter dem ebenso witzigen wie zutreffenden Begriff „Hair Metal“ in den 80er Jahren ihre größten Erfolge feierten. Hits wie „The Final Countdown“ sind heute noch eine beliebte Einleitung zum „Runterzählen“ am Sylvesterabend um danach auf das neue Jahr anzustoßen. Schmachtfetzen wie „Carrie“ trieben damals so manche Dame in die Arme von Frontman Joey Tempest – zumindest in deren Träumen. Wild gelocktes, toupiertes Haupt- und oft auch Brusthaar gehörte damals zum guten Ton im Hard Rock, Metal- oder Glam-Rock Bereich, genauso wie kernige Kerle die bei gefühlvoll gesäuselten Liebeserklärungen auch mal ihren weichen zeigen durften - also Kern meine ich.

Dass es die Schweden überhaupt noch gibt, war mir bis zum Erscheinen der aktuellen Cd „Last Look At Eden“ überhaupt nicht bekannt. Ausnahmegitarrist und Hauptsongschreiber John Norum hatte sich damals zum Höhepunkt der Karriere von der Band getrennt und das war eigentlich mein letzter Stand zum Thema Europe. Nun ist Norum wieder mit an Bord und man schickt sich an, die aktuelle Musikwelt zurück zu erobern.

Gleich zu Beginn muss man feststellen, dass dieses Unterfangen aus verschiedenen Gründen leider zum Scheitern verurteilt ist. Gerade eine Band wie Europe ist durch ihren speziellen Sound einfach zu verwurzelt mit einer Poser-Hard-Rock Mentalität, die mit dem Einläuten der Grunge Dekade Anfang der Neunziger auf das Sterbebett gelegt wurde. Man versucht zwar mit viel Biss und Energie alte Europe Melodien mit modernen Elementen zu vermischen, aber wirklich überzeugend ist das nur selten. Der Opener kommt bombastisch daher, mit fetten Streicherparts und harten Gitarrenriffs, ungewohnt eckig und unmelodisch und wahrscheinlich hätte man bei jeder anderen Band auch „Hurra“ gerufen, doch zu Europe passt diese musikalische Kutte einfach nicht. Am Besten funktioniert die Band, wenn sie das macht, was sie ausmacht.

Bei „Gonna Get Ready“ rockt man z.B. ziemlich cool durch den Busch und darf auch mal eine ruhige Bridge bringen, das funktioniert prima. „New Love In Town“ beschert uns ebenfalls das typische Europe-Schema. Eine Bombast Ballade mit Melodien, die man zwar schon tausendmal gehört hat aber in dieser Konstellation trotzdem gut klingen. Für Fans der Band sind diese Songs mit Sicherheit ein Höhepunkt dieser Cd. Mit „The Beast“ schließt sich dann leider der Kreis der guten Nachrichten. Hier darf noch mal breitbeinig der Kopf geschüttelt werden, was vielleicht albern aber wenigstens glaubwürdig ist. Leider sind die anderen Songs auf „Last Look At Eden“ ziemlich ideenlos und man muss schon ein ziemlicher Hardcore-Fan sein um manche Tracks nicht einfach durch zu skippen. Das ist oft altbacken und langweilig, das lockt nicht mal die Wollmäuse unterm Bett hervor.

Positiv zu erwähnen ist die Gitarrenarbeit von Mr. Norum, der so wirklich alles aus der Trickkiste zaubert was man auf und mit der Sechssaitigen so machen kann – vorausgesetzt man ist so gut wie der Schwede, beeindruckend! Stimmlich hat Joey Tempest seiner glockenhellen, engelsgleichen Stimme augenscheinlich einen Blues Anstrich gegeben. In vielen Parts klingt er nach einem jungen David Coverdale (Whitesnake) und auch der Groove der Songs erinnert oft an die modernen Kompositionen von Blues/ Hardrock Größen wie Deep Purple und Co. (z.B. „Catch That Plane“).

Da der Hardrock Markt nicht gerade besonders viele Neuerscheinungen zu bieten hat, werden die leicht angestaubten Vertreter dieser Zunft wahrscheinlich ihre Freude mit diesem Album haben können und müssen – einfach auch in Ermangelung von Alternativen. Ansonsten lohnt eine längere Auseinandersetzung nicht wirklich. Da spiel ich die Band lieber nur einmal im Jahr. Ist ja eh bald wieder Sylvester.

Fazit: Erstaunlich wenig Haare auf der Brust für ein Hard Rock Album. Für Fans aber brauchbar.


Jan Hagerodt
(5 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.europetheband.com
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