Gehört und Gesehen - Get Lucky

18.09.2009Mark Knopfler

Mark Knopfler

Get Lucky

Universal Music (2009, CD)

Mark Knopfler schwelgt in Erinnerungen. Der Gitarrist und Songschreiber präsentiert auf seinem neuen Album „Get Lucky“ Schnappschüsse aus seiner Kindheit und Jugend, die er in Glasgow und Newcastle verbrachte. 50er-, 60er-Jahre. Das waren andere Zeiten, na klar, aber im Rückblick wohl auch spannende und prägende Zeiten für den Künstler. Lässt man sich näher auf die Songs ein, folgt man den Texten, kommt das einem verträumten Hinabtauchen in die Vergangenheit gleich.

Zu schönen Melodien in ruhigen Arrangements schlägt Mark Knopfler ein Buch mit ausgewählten Kapiteln seines Lebens, seinen Erfahrungen als junger Mensch auf, der sein Einkommen vorübergehend mit verschiedenen Gelegenheitsjobs sicherte, der mit Lkw durch die Lande getrampt ist, immer mit einem Auge in Richtung der großen Metropole London schauend.

Während man die Songs im gewohnt folkig-bluesigem Singer-Songwriter-Style auf sich wirken lässt, blättert man im Booklet und liest einige persönliche Erklärungen Knopfler´s zu den Hintergründen, zu seinen Inspirationen. Und irgendwie ist man jetzt auch drin in den beschriebenen Szenarien aus jener Zeit.

Den Songs und den Texten zu lauschen, sich die Szenen und Charaktere vor dem geistigen Auge vorzustellen, kann eine schöne, beruhigende aber auch traurige Angelegenheit sein. Sich dem Album zu widmen ist ähnlich, als würde man Mark Knopfler irgendwo auf dem Land in einem einfachen Haus zu einem gemütlichen Plausch treffen, bei Kerzenschein, Rotwein und kleinen Häppchen. Im Hintergrund zischt das Kaminfeuer, auf die kleinen Butzenfenster gehen winzige Regentröpfchen nieder.

Schön, dass man hier zunächst einmal im Warmen ist und sich nur diesem speziellen Moment hingeben kann. Abschalten vom turbulenten Alltag in dessen Reizüberflutung man oft die kleinen und schönen Dinge übersieht, der keine Zeit lässt sich zu erinnern, kaum Pausen bietet, seinen Gedanken nachzuhängen. Man hört dem Hausherren bei seinen kleinen Geschichten zu und verspürt dann plötzlich doch irgendwoher einen kalten Luftzug, der einen vorübergehend etwas frösteln lässt.

Während im Hintergrund ein Song wie „Remembrance Day“ erklingt, macht sich melancholische Frühherbststimmung breit in der man sich an einen ereignisreichen Sommer zurückerinnert und gleichzeitig weiß, dass dieser für immer vorbei ist. Die lieben Menschen, die man dort möglicherweise auf fernen Reisen kennen gelernt hat, sieht man vielleicht niemals wiede. Einige Songs fühlen sich nach Abschied nehmen an, blicken noch einmal zurück aber nicht mehr weit nach vorn.

Da dringt sie dann durch, diese rückblickende Wehmut in den Texten, im Gesang, im so markanten Gitarrenspiel. Nur wenige Gitarristen intonieren so ergreifend wie Mark Knopfler, können einzelne Töne, manchmal auch recht simple Melodien so eindringlich und nachhaltig zur Geltung bringen.

Das wird dem Kenner und langjährigen Verehrer des ehemaligen Dire-Straits-Masterminds keine neue Erkenntnis sein, ebenso wenig neu oder gar innovativ ist dieses neue Mark Knopfler Album.

Songstrukturen und Harmonien sind absolut vertraut, nach dem ersten flüchtigen Höreindruck könnte man zu dem (Vor-) Urteil kommen, der Musiker drehe sich im Kreis, habe keine frischen Ideen, wiederhole sich selbst, spule seine Songs herunter, nur das alles noch ein Stück weit gelassener und entspannter als auf früheren Alben. Virtuose Gitarrensoli für die Musikerpolizei schüttelt der Mann ebenfalls nicht aus dem Ärmel, es sind die Songs, die Stimmungen, die Erinnerungen, die hier eindeutig im Mittelpunkt stehen.

Wer „Get Lucky“ mal eben „so nebenbei“ auflegt und sich durch die ersten zwei, drei Songs oberflächlich durchzappt, kann schnell ein gewisses Gefühl der Ermüdung verspüren: Standards und Wiederholungen in gewohnt guter Qualität routiniert in Szene gesetzt: Oberflächlich betrachtet zieht Knopfler sein Ding durch wie immer. „Ich mache einfach immer weiter“, sagt er selbst. Das wirkt ehrlich und wahrhaftig.

Man muss bei diesem Album Lust haben auf den Künstler Mark Knopfler und seine Musik, die Songs sind weder der beste Begleiter im Autoradio auf der frühmorgendlichen Fahrt zur Arbeit noch für den Abend um sich für eine ausgelassene Party in Stimmung zu bringen.

„Get Lucky“ ist eine Platte, die man am besten in aller Ruhe für sich allein hört, die ein wunderschönes und zugeleich trauriges Erlebnis sein kann. Es ist eine Platte für den richtigen Moment, den jeder für sich finden muss. Wenn man das will. Wenn man das kann.


Andreas Haug
(7 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.markknopfler.com

Weitere oder ähnliche CD/DVD-Besprechungen:
Mark Knopfler - Privateering (2012)
© Copyright: Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Weitere Infos + Nutzungsbedingungen im Impressum
Zur Übersicht Zur Startseite