Gehört und Gesehen - Die offizielle Hearstory (Hörbuch)

11.07.2008Fury in the Slaughterhouse

Fury in the Slaughterhouse

Die offizielle Hearstory (Hörbuch)

Rockphone Records / Kapina Media (2008)

Ein zwei CDs umfassendes Hörbuch zum Abschied von Fury in the Slaughterhouse, das ist wirklich eine originelle Idee. Autor, Musikjournalist und Radiomann Uli Kniep zeichnet die mehr als 20-jährige Geschichte der in Hannover gegründeten und noch heute hier verwurzelten Rockband nach, viele Kommentare, Erzählungen von Bandmitgliedern und Wegbegleitern machen dieses Hörbuch über weite Strecken zu einer spannenden und sehr unterhaltsamen, zuweilen witzigen Angelegenheit, denn auch kleinere (und größere) musikertypische Anekdoten, wie sie in ähnlicher Form viele Bands und im Musikgeschehen Tätige erzählen könnten, kommen nicht zu kurz.

Besonders CD 1, die die Bandgründung, die ersten Schritte in der hannoverschen Musikszene und die ersten Jahre mit relativ schnellen Erfolgen bundesweit und in den USA dokumentiert, vermag zu fesseln.

Eingeschworene Fury-Fans und auch aktive Musiker, die Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger Bands gründeten und immer mit mindestens einem Auge voller Respekt zu den Furies schielten, sich oft motiviert fühlten, ihr eigenes Projekt mit Eifer voranzutreiben, weil es da ja eine Band gab, die sich aus dem alternativen und bodenständigen Rock´n Roll-Umfeld der hannoverschen Glocksee aufmachte, Erfolge mit bundesweiter Beachtung zu feiern und dabei immer das Credo der Band „mit den Jungs von nebenan“ und nicht das der hochnäsigen Rockstars, die plötzlich auf der Straße oder auf Parties niemanden mehr kennen, versprühte – was ihnen in ähnlicher Weise Sympathien einbrachte wie rund zehn Jahre zuvor der Band BAP- fühlen sich wahrscheinlich mit der ersten CD dieses Hörbuchs um 15, 20 Jahre in eine in der Retrospektive lieb gewonnene Zeit zurückgebeamt.

Für diese Menschen in der Hörerschaft dürfte das Hörbuch ein echter Genuss sein. Man setzt sich mit einem Bier, einer Flasche Wein in die Küche, schiebt die CD ein, macht vielleicht eine Kerze an und hört aufmerksam und manchmal mit einem Schmunzeln, was Uli Kniep, die Wingenfelder-Brüder & Co. alles so erzählen. Das ist so ähnlich, als würde man die Beteiligten in trauter Runde in der Kneipe treffen und alten Geschichten lauschen, der Gang auf die Toilette entfällt für längere Zeit, so spannend ist das zeitweise.

Die Anfangsjahre: Bandgründung, erste Fotos gleich mit Jim Rakete, ein großer Artikel im Stadtmagazin Schädelspalter, die fixe Erfindung des Bandnamens aus einer Bierlaune heraus, der sich auf Grund seiner zur Musik widersprüchlichen Assoziation schnell in den Köpfen der Leute festsetzte, Gigs in Kneipen wie dem Labor in Hannover oder dem Jugendraum in Langenhagen-Godshorn, die erste (Hit-)Single „Time To Wonder“ – Fury in the Slaughterhouse wurden schnell Stadtgespräch in Hannover. Die Ereignisse überschlugen sich, bald folgten Konzerte im Capitol, aber die Band zog es auch rasch aus ihrer Heimatstadt raus. So wie man sich eine unerschrockene Rock´n Roll-Band vorstellt, die mit sehr viel Herzblut, Überzeugung und Liebe zu ihrer Musik ihr Ding durchzieht, fuhr man auch mal eben nach Augsburg um dort vor fünf Leuten aufzutreten. Die Ochsentour eben. „Wir haben das einfach gemacht“, sagt Thorsten Wingenfelder.

Der Hörer erfährt, dass Fury in den ersten Jahren Unterstützung von BAP, insbesondere von Wolfgang Niedecken erhielt, die die damals junge Band auf ihre größeren Festivals einlud, wo man dann schnell vor 10.000-15.000 Leuten spielte. Dass hinsichtlich Plattenveröffentlichungen zunächst einige Steine im Weg lagen, wird nicht verschwiegen. Große Labels winkten zunächst ab. „Wir kamen eine Zeit lang einfach nicht an den Start“, erklärt Thorsten.

Viele, oft lustige Anekdoten im O-Ton der Bandmitglieder, involvierter oder befreundeter Musiker und Produzenten wie Jens Krause, Oliver Perau oder Mousse T. bereichern das Hörbuch: Die Bombendrohung an das Label Teldec, ein betrunkener Oliver Perau, der einen Song als special guest während einer Fury-Show im Capitol singen sollte, sich am Merchandise-Stand eine CD schnappte, den Text aus dem Booklet saugte um dann die Darbietung auf der Bühne zwar einigermaßen zu meistern, es aber mit seinem Beitrag nicht auf eine Live-Platte schaffte, weil Produzent Jens Krause das Material als „nicht mehr zu retten“ einstufte.

Perau erzählt, Krause hätte ihm auf Nachfrage erklärt, er hörte sich an wie ein betrunkener Seemann. Jens Krause erinnert sich zurück, wie der Fury-Hit „Radio Orchid“ entstand, dass er sich an Songfragmente von Thorsten Wingenfelder erinnerte und „Radio Orchid“ schließlich gemeinsam mit Thorsten bei sich daheim am verstimmten Klavier mehr oder weniger spontan an einem Abend fertig stellte. Nachts um eins wäre noch Kai spontan vorbeigekommen und hätte in der gleichen Nacht den Text geschrieben.

Man erfährt von einem in den Sand gesetzten Gig auf dem St.Gallen-Open-Air, von den sich an einer Hotelbar im Sauerland prügelnden Brüdern Wingenfelder, von einer Club-Show in den USA, wo Gitarrist Christof in charmanter Konversation mit der Bardame kräftig einem populären Wolfenbütteler Kräuterlikör zusprach, der das Fury-Konzert im Anschluss an vier bis fünf US-Supportbandss auf Grund einer gewissen Indisponiertheit Christof´s in Sachen Groove zu einem sehr kurzen Vergnügen machte. Aber das sind nur kleine Auschnitte aus der Vielzahl der Themen, die auf den Tisch kommen.

CD 2 gerät dann mit fortschreitender Spieldauer phasenweise auch schon mal etwas weniger spannend bis gar zäh. Oliver Kalkofe in seiner Rolle als Onkel Hotte kommt anno 2008 eher mit gebremstem Witz, Liedermacher und Song-Poet Heinz- Rudolf Kunze, besonders in Hannover seit Jahren inoffizieller Rekordhalter in Sachen Medienpräsenz und scheinbar zu kaum einem Thema um ein Statement, einen O-Ton verlegen, äußert sich zur Band und lässt es sich auch nicht nehmen, die CD mit einem Gedicht abzuschließen. Klaus Meine ist dann erwartungsgemäß auch mit einem Kommentar dabei, der aber der Geschichte, wie auch die Beiträge von Kunze, keine zusätzliche Würze oder gar Witz verleiht.

Na gut, das gehört wohl dazu. Hannover-Pflichtprogramm eben. Prominente Namen tragen sicher eher zur Verkaufsförderung des Hörbuches bei, als wenn noch Leute beispielsweise aus der Roadcrew der Band, Tourbegleiter oder Fanclubmitglieder zusätzlich aus dem Nähkästchen geplaudert hätten. Unspannend wäre das aber sicher nicht gewesen. Aber wie bringt es Fury-Drummer Rainer Schumann angesprochen auf das Ende der Band nüchtern auf den Punkt: „Irgendwann ist ja schließlich auch mal gut“.

Fazit: Ein unterm Strich mit sehr viel Liebe zum Detail gestaltetes Hörbuch mit für viele ideellem, essenziellem und bleibendem Wert.

www.fury.de
www.rockphone-records.de


Andreas Haug
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