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In einem Interview auf Rockszene.de erzählen Living Concerts-Geschäftsführer Erik Gutschke und Dirk Sadlon wie es alles angefangen hat und was sich eine Konzertagentur für Herausforderungen stellen muss.

„Manchmal gibt es echte Überraschungen“

Dirk und Erik von Living Concerts im Interview

11.10.2014, Von: Hanna Rühaak, Foto: Hanna Rühaak

Bereits seit 15 Jahren ist der Veranstalter Living Concerts eine feste Größe in Hannover und holte im letzten Jahr beispielsweise momentan angesagte Größen wie Casper und Marteria in die niedersächsische Landeshauptstadt. Auf Rockszene.de erzählen die Geschäftsführer Erik Gutsche und Dirk Sadlon wie es mit Living Concerts angefangen hat und was sich eine Konzertagentur für Herausforderungen stellen muss.

Rockszene.de: Wie hat es damals mit Living Concerts angefangen?

Dirk: Die Firma wurde 1999 von Achim Brandau gegründet. Er war vorher schon in verschiedenen Läden wie zum Beispiel im Musiktheater BAD als Booker tätig. Dann hat er Living Concerts ins Leben gerufen und im Prinzip kleinere Konzerte und Partys im Flohzirkus und der Faust gemacht. Das war der Start der Firma. Das ist jetzt 15 Jahre her. In der Zwischenzeit ist viel passiert. 2000 hat Achim einen Expo-Auftrag für das Jam City bekommen...

Erik: Ja, das war in Kooperation mit der evangelischen Kirche. Es wurde ein Jugend-Camp für 800 Leute im Sportpark der Expo aufgezogen und da gab es auch ein großes Zelt, das bespielt werden sollte, um die Leute zu unterhalten und natürlich auch die Anwohner der Stadt.

Dirk: Das war auch der Zeitpunkt, zu dem Erik - der damals den WOM Ticketshop hatte - zusammen mit der Living Concerts GmbH, sprich Achim Brandau, zusammenarbeitete. Das war also der Startschuss für Erik bei Living Concerts.

Erik: Ende 2001 habe ich den Ticketshop verkauft und da die Zusammenarbeit mit Achim vorher so gut und fruchtbar war, habe ich gesagt „Komm, ich kann mir das hier gut vorstellen“ und ab da haben wir zusammengearbeitet. Dirk kam über das Projekt der Expo rein.

Dirk: Genau, wir hatten das Projekt auf dem Kronsberg, wo DJs aufgelegt und teilweise auch ein Mal die Woche Live-Bands gespielt haben. Und da hatte ich dann mit Achim kooperiert. So war die Verbindung meinerseits zu Living Concerts da. Wenn Erik auf Tourneen war, habe ich teilweise Produktionen übernommen und so waren wir quasi fast von Anfang an immer mit dabei.

Was hat sich seit der Gründung verändert? Ist es schwieriger, Veranstaltungen zu organisieren oder ist es dadurch, dass ihr jetzt größer seid, vielleicht sogar einfacher?

Erik: Es hat sich in sofern verändert, dass alles ganz klar professioneller geworden ist, was die Veranstaltungen angeht. Früher hat man die Deals mehr oder weniger auf einem Bierdeckel gemacht. Das ist heutzutage alles wesentlich professioneller. Weil natürlich auch das Live-Geschäft heutzutage sowohl für den Künstler als auch für die Agentur einen größeren Income erzielt, als zum Beispiel Plattenverkäufe.

Dirk: Und so ´99/2000 hat man kaum mit E-Mails gearbeitet. Da kamen die Konzertangebote noch per Fax. Es wurde auch viel mehr telefoniert, heute läuft ja fast alles über E-Mail und man hat gar nicht mehr diesen direkten Kontakt zu den Bookern. Ansonsten ist es wirklich einfach professioneller geworden. Selbst für einen 200er-Club hast du heute einen 12-seitigen Vertrag, was eigentlich totaler Schwachsinn ist, das kriegt man auch auf eine Seite. Grundsätzlich hat sich die Live-Szene auch gewandelt: Damals konnte man viel mehr örtliche Geschichten machen, was sehr gut angenommen wurde. Heute hast du diese ganzen Acts, die auf der professionellen Basis arbeiten und spielen, und dementsprechend sind die Preise auch höher. Früher hast du ein Punkrock-Konzert einer amerikanischen Band für 12 Mark gesehen, heute zahlst du dafür 20 Euro. Das hat natürlich auch etwas mit den Ansprüchen der Band und den Produktionskosten zu tun. Und die Leute achten mehr auf´s Geld und suchen sich die Shows gezielter aus.

Erik: So ist es auch bei den lokalen Geschichten: Damals konntest du für drei Mark eine relativ angesagte lokale Band sehen. Das könnte heute, durch die ganzen Kosten die man hat, gar nicht mehr funktionieren.

Wie ist Living Concerts aufgebaut? Hat jeder einen speziellen Bereich, den er betreut, oder macht jeder etwas in jedem Bereich?

Erik: Im Grunde genommen gibt es jetzt keinen vorgeschriebenen Bereiche. Es kristallisieren sich aber natürlich gewisse Schwerpunkte heraus. Dirk ist der Meister der Veranstaltungsdurchführung – wenn ich mir so einen Technik-Rider zum Teil angucke, dann weiß ich nicht so genau, was die manchmal wollen. Ich mache mehr Ticketing. Aber prinzipiell kann jeder alles machen.

Dirk: Als wir Geschäftsführer geworden sind, sind wir auch zum Ausbildungsbetrieb geworden. Seitdem haben wir auch immer einen Auszubildenden, den wir zwei Jahre betreuen, bis die Ausbildung zu Ende ist. Das ist auch eine große Änderung gewesen, nach der großen Achim-Ära.

Erik: Ja, Ende Oktober 2010 hatte er einen Schlaganfall, der dann auch so gravierend war, dass er es bis heute nicht geschafft hat, zurück ins Arbeitsleben zu finden – und er wird es auch nicht mehr schaffen. Anfangs dachte man natürlich noch, dass es mit Reha besser werden würde, aber nach einem halben Jahr zeichnete sich schon ab, dass es doch so gravierend war, dass das nichts mehr wird. Er kann bis heute nicht reden und dadurch wird natürlich alles andere sehr schwierig. Er lebt im betreuten Wohnen im Anna Stift und da wird sich grundlegend auch leider nichts mehr dran ändern.

Worauf muss man besonders achten, wenn man so große Veranstaltungen wie Casper, Marteria oder im nächsten Jahr Kraftklub durchführt? Wie sieht so ein grober Ablauf aus?

Dirk: Da wir im finanziellen Risiko stehen, ist es in erster Linie natürlich wichtig, dass man die Kosten im Blick hat. Wir sind ja schließlich ein Wirtschafts-Unternehmen und haben eine Verantwortung der Firma und unseren Mitarbeitern gegenüber. Der grobe Ablauf sieht im Prinzip so aus: Man bekommt gesagt „Band XY kommt auf Tournee, das würden wir gerne mit euch machen, der Zeitraum ist der und der. Habt ihr Interesse? Dann schickt mir bitte freie Termine.“ Dann diskutieren wir das Thema kurz, ob wir Potenzial sehen, dass da Leute kommen und wieviele. Dementsprechend sucht man sich dann eine Location aus und sucht freie Termine, die im Tour-Zeitraum liegen. Und dann geht es auch schon los mit der Bewerbung der Show, mit dem Ticketverkauf und bis zum Konzert werden dann die ganzen technischen Geschichten, die Wünsche der Band - zum Beispiel für das Catering - organisiert.

Erik: Genehmigungen, Personal und solche Geschichten.

Dirk: Und dann freut man sich – oder eben nicht, je nachdem wie der Ticketverkauf ist - auf das Konzert. Wenn dann der Produktionstag kommt, geht es ans Eingemachte.

Aber ihr macht ja schon ganz schön viele Konzerte. Wie kriegt ihr das zeitlich auf die Reihe?

Dirk: Wir machen etwa 100 Shows im Jahr, also so gesehen etwa jeden dritten Tag. Wenn man bedenkt, dass im Juli und August gar keine Shows gemacht werden, wird das alles noch ein wenig komprimierter. Da muss man ein gutes Zeitmanagement haben.

Ja, das macht Sinn. Gibt es denn eine Show, an die ihr euch besonders gerne zurück erinnert?

Dirk: Für mich gibt es relativ viele schöne Konzerte, da jetzt eins rauszupicken, wäre glaube ich etwas unfair gegenüber Gigs, die ich nicht nenne. Es gibt auch immer wieder Überraschungen, denn wir machen auch Konzerte, hinter denen wir musikalisch nicht unbedingt 100 %ig stehen. Manchmal gibt es da aber echt Überraschungen nach dem Motto „Hätte ich nicht gedacht, dass die Band so gut ist und so abgefeiert wird“. Oder wenn es auf dem Tonträger anders klang. Wir lassen uns gerne positiv überraschen und lassen uns auch gerne auf neue Sachen ein.

Erik: Aus dem letzten Jahr kann ich nur noch mal das Konzert von Marteria herausheben. Das hätte ich nie gedacht. Das ist eigentlich nicht so mein Ding, aber das, was er auf die Bühne bringt, ist echt überzeugend.

Dirk: Das ging sogar so weit, dass die Marteria-Platte Zuhause bei ihm lief (lacht). Manchmal wird man so tatsächlich auch zum Fan!

Habt ihr persönlich denn auch Kontakt zu den Künstlern?

Erik: Mal mehr, mal weniger. Je nachdem, wie sich das entwickelt. In der Regel sprichst du ja nicht direkt mit dem Künstler. Du hast die Agentur, den Tourmanager und manche Künstler sind halt sehr zurück gezogen, die kochen ihr Süppchen im Backstage und die siehst und hörst du nicht. Mit anderen trinkst du nach der Show noch mal ein Bier. Mal hat man einen engen Kontakt, mal weniger.

Dirk: Da ist es auch egal, wie groß ein Künstler ist. Es kann sein, dass du mit Künstlern, die 100 Leute ziehen, gar nicht sprichst und mit Künstlern, die 10.000 ziehen, total freundschaftlich unterwegs bist.

Wer wäre das zum Beispiel?

Dirk: Bei Erik die Sportfreunde.

Erik: Die Sportfreunde machen wir schon ewig. Man kennt sich, man schätzt sich, man scherzt.

Dirk: Bei mir gibt es da tatsächlich ganz viele. Ich hab bis jetzt schon 800 Konzerte oder so gemacht, ich wüsste gar nicht, wer da jetzt nicht so anhänglich war (lacht). Es gibt auch viele Künstler die mich nach dem Konzert teilweise in den Arm nehmen und sich tausend Mal bedanken. Das geht von jungen Bands bis hin zu eingesessenen Bands wie beispielsweise Incognito so.

Erik: Schandmaul ist auch seine sehr umgängliche Band.

Dirk: Bei Die Happy hat man auch immer direkt mit den Künstlern zu tun. Das ist schon angenehm.

Woran liegt es denn, dass in Hannover viele Bands gar nicht spielen, sondern eher in Städten wie Hamburg, Berlin und Köln?

Erik: Das sind zum Großteil die internationalen Künstler, die nur für vier Shows nach Deutschland kommen und da steht die Promotion im Vordergrund. Da spielen die dann ganz einfach in den Medienstädten.

Dirk: Zu den drei Städten kommt noch München dazu, das sind die vier Medienstädte.

Erik: Da kommt man leider nur schwer gegen an, weil der Plan des Managements ist, zum Beispiel 30 Europa-Shows zu spielen. Und da spielt man natürlich eher Hamburg, Berlin, London, Paris und wie sie alle heißen, als in Hannover dazwischen. Das ist einfach der Grund dafür.

Also kommen diese Angebote auch gar nicht rein?

Dirk: Nein.

Erik: Selbst die deutschen Agenturen haben da einen ganz klaren den Auftrag. Teilweise sind ja auch schon Promo-Termine festgesetzt.

Was macht ihr denn neben Living Concerts noch so? Bleibt da noch Zeit, irgendetwas anderes zu machen?

Erik: Die Schwerpunkte liegen ganz klar auf Living Concerts. Daneben haben Dirk und ich jeweils eine „Special Interest“-Firma. Bei mir ist es das Ticketing, wo ich halt versuche für Clubs, Agenturen, Künstler ein professionelles Ticketing abzubilden. Zum Beispiel für die Faust, die im Haus keine wirkliche Ticketing-Abteilung hat, weil es dafür einfach zu klein ist. Denen ermögliche ich, möglichst professionelles und gutes Ticketing zu bieten, was sie sich sonst nicht leisten könnten. Eine Spezialisierung ist, dass ich mich an niemanden wirklich gebunden habe, sondern mit allen führenden Anbietern einen Vertrag habe und individuell gucke, was für den jeweiligen Künstler oder Club am sinnvollsten ist. Das mache ich für die Faust, für Spider Promotion, betreue aber zum Beispiel auch den Desimo Spezial Club und hatte auch schon Sportvereine.

Dirk: Ich mache noch den LUX-Club, bis vor kurzem habe ich noch das 3Raum gemacht, den wir leider zu machen mussten, die Theater-Gastronomie im Bahnhof 1 und habe dann noch eine Gastronomie-Firma mit der ich Großveranstaltungen wie Fête De La Musique, das Fährmannsfest, Fest der Kulturen und solche Sachen mit abwickle. Ich mache sonst noch Konzert-Produktionen, nicht nur für Living Concerts, sondern auch für andere Veranstalter... Die Liste kann man ellenlang weiterführen. Ich habe auch eine Firma, über die wir die ganzen Master-Aufträge für die Rockpalast-Geschichten abwickeln. Das ganze läuft ja über MIG, die haben den gesamten Back-Katalog des Rockpalasts und da mache ich die ganzen Master-Aufträge.

Meine Güte, da habt ihr ja echt keine Freizeit mehr.

Dirk: Nein, das ist natürlich sehr viel und sehr zeitintensiv. Aber ich glaube, wenn es uns nicht auch Spaß machen würde, würden wir das auch nicht machen. Und man lernt ja zum Glück immer viele nette Menschen kennen, ob es Künstler sind, ob es Gäste sind, ob es Journalisten sind, wo ja auch tatsächlich sogar Freundschaften entstehen und das ist natürlich ein schönes soziales Umfeld. Und wenn man Musik gerne hat, sie liebt und viele Gleichgesinnte trifft, ist das einfach auch schön.

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