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Wandelt mit "Konfetti" derzeit auf Solopfaden: Kettcar-Sänger Marcus Wiebusch spricht im Rockszene.de - Interview über sein Solo-Album, Homophobie im Fußball, jugendliche Punk-Tage und politischen Protest.

Weg von Metaphern, hin zu klaren Sätzen

Marcus Wiebusch von Kettcar im Interview

15.04.2014, Von: David Sarkar

Während seine Band Kettcar derzeit pausiert, nutzt Sänger und Songschreiber Marcus Wiebusch die Zeit, ein Solo-Album vorzulegen, mit dem er im weiteren Verlauf des Jahres einige Konzerte, darunter auch in Hannover spielen will. Als Künstler wird Wiebusch oft als jemand wahrgenommen, der wirklich „was auf dem Herzen“ hat, seine Meinung äußert, sich positioniert. Jemand, den man gern auch als „echten Typ“ bezeichnet. Im Interview mit unserem Autor David Sarkar spricht Marcus Wiebusch über sein erstes Soloalbum, Homophobie im Fußball, jugendliche Punk-Jahre und politischen Protest.

Rockszene.de: Marcus, zwei Jahre nach dem vierten Kettcar-Album „Zwischen den Runden“ legst du am 18. April dein erstes Soloalbum „Konfetti“ vor. Wann hast du gemerkt, dass es Zeit ist eigene Wege zu gehen?

Marcus Wiebusch: Der Entschluss ist in mir gereift, als ich vor drei Jahren das Kettcar-Album aufnahm. Wir haben ein gutes Album hingelegt, aber innerhalb einer Band wird sehr viel über Musik diskutiert. Ich wollte mal wieder schneller, ursprünglicher und intuitiver Musik machen. Es war Zeit für was ganz Eigenes und für was Neues. Das bedeutet ja nicht, dass die Arbeit mit Kettcar besser oder schlechter war.

Wie hat die Band auf deinen Entschluss reagiert?

Zum Teil waren sie selber froh, weil wir einfach eine Pause brauchten. Aber zum Teil fanden sie es natürlich nicht so gut, und haben sich gefragt, ob wir nicht auch innerhalb der Band etwas Neues ausprobieren könnten. Schließlich galt Kettcar immer als sehr experimentierfreudige Band. Aber das ist jetzt einfach so. Am Ende kannst du es eh nicht Allen Recht machen.

Auf dem letzten Kettcar-Album ging es vor allem um Liebe und Freundschaft, um menschliche Gefühle. Auf deinem Soloalbum erhebst du deine Stimme wieder stärker gegen gesellschaftliche Missstände, zum Beispiel bei „Der Tag wird kommen“ gegen Homophobie im Fußball. Warum?

Ich hatte das Bedürfnis, wieder mehr inhaltliche Songs zu schreiben, mich mehr mit Gesellschaftsthemen zu beschäftigen. Also weg von den Metaphern, hin zu klaren Sätzen und einer klaren Positionierung. So sind Songs wie „Jede Zeit hat ihre Pest“ oder „Der Tag wird kommen“ entstanden.

„Der Tag wird kommen“ wurde Ende März vorab als Lyric-Video veröffentlicht. Anfang Januar hat sich der Ex-Fußballnationalspieler Thomas Hitzlsperger geoutet. War das reiner Zufall?

Ja, denn der Song war ja schon im Dezember fertig. Ich bin mit einem befreundeten Sportjournalisten ins Gespräch gekommen. Er hat mir von homosexuellen Fußballprofis erzählt, und was die für ein Höllenleben führen. Mich hat das Thema dann nicht mehr losgelassen. Ich finde es unfassbar, dass wir scheinbar immer noch ein gesellschaftliches Klima haben, in dem sich kein aktiver Profi outen kann.

Wie hast du das Hitzlsperger-Outing aufgenommen?

Als sich Hitzlsperger am 8. Januar geoutet hat, war auf meinem Handy die Hölle los. Alle haben gefragt, ob der Song jetzt überflüssig geworden ist, oder ob er etwas mit Hitzlsperger zu tun hat. Dabei geht es mir darum, dass sich ein aktiver Spieler outet. So gut und richtig das Outing von Hitzlsperger auch war – im Endeffekt hat er die Kuh vom Eis genommen. Er ist jetzt nicht dem ganz großen Sturm ausgesetzt gewesen. Aber dennoch war das ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Nachdem sich Hitzlsperger geoutet hat, haben sämtliche Personen des öffentlichen Lebens ihren großen Respekt geäußert - vom Regierungssprecher Steffen Seibert bis hin zu Bundestrainer Joachim Löw. Auf der Ebene scheint Homosexualität gar kein Problem zu sein…

Das war auch ein ganz großer Zusammenschluss der Medien, angeführt von der Bild-Zeitung. Die öffentliche Meinung war sehr positiv. Das hat mich gefreut. Wenn sich jetzt ein aktiver Profi outen sollte, kann er sich sicher sein, dass er von der Medienseite kein Feuer zu erwarten hat.

Ist im Endeffekt die unkalkulierbare Reaktion der Fans also das Problem?

Ja, ich denke für Spieler und Trainer wäre Homosexualität nicht wirklich ein Problem. Das sind dann eher bestimmte Fans in den Kurven. Aber dieser Kampf ist nicht hoffnungslos. Ich erinnere mich daran, dass früher farbige Spieler mit Bananen beworfen wurden. Das haben wir auch in den Griff gekriegt. Wir hatten mit Guido Westerwelle jahrelang einen schwulen Außenminister, der in Länder gereist ist, in denen Homosexualität unter Strafe steht. Das hätte doch vor zehn Jahren keiner für möglich gehalten. Und genauso wird sich irgendwann auch ein aktiver Fußballprofi outen. Trotz der düsteren Stimmung will ich mit diesem Song auch Hoffnung verbreiten. Was ist denn die andere Option: Den Idioten das Feld überlassen?

Um Widerstand, Vorurteile und Ausgrenzung geht es auch im Song „Nur einmal rächen“. Welche Erinnerungen hast du an deine Schulzeit, in der ja auch deine Punk-Phase begann?

Schon aufgrund meiner musikalischen Sozialisation und meiner Geisteshaltung, die ich als 16-Jähriger so drauf hatte, habe ich mich schon oft als Außenseiter gefühlt. Ich wollte nie der Masse folgen. Ich hatte schon meine Leute, aber dann auch eher außerhalb der Schule. In der Schule gab es wenige Leute, die sich mit dem Punk-sein beschäftigt haben.

Inwiefern konntest du als Jugendlicher genau benennen, was dich stört?

Als ich mit 16 Jahren Flaschen geworfen oder Steine geschmissen habe, hatte ich schon das Gefühl, dass ich weiß, wogegen ich bin. Punk war für mich nie dieses ganz diffuse Dagegen-sein. Das war schon inhaltlich reflektiert. Ich habe mich gegen die globale Ungerechtigkeit gewehrt, gegen die ungleiche Verteilung von Gütern, die Schere zwischen Arm und Reich. Ich konnte natürlich keine Gegenmodelle anbieten, aber es hat mich wahnsinnig gestört. Heute schmeiße ich natürlich keine Steine mehr, sondern äußere meine Sicht der Dinge über die Musik.

Wenn du heute Punks auf der Straße siehst – siehst du dann auch einen Teil deiner Jugend?

Das ist schon etwas anderes geworden. So wie ich Punk damals für mich begriffen habe, ging es nicht darum, nur auf der Straße abzuhängen. Ich war nie ein Brunnen-Punk, der den ganzen Tag nur Dosenbier säuft. Punk war für mich auch eher eine Geisteshaltung, die nicht so sehr an Äußerlichkeiten festgemacht wurde. Wir nannten uns auch Hardcore und nicht Punks. Ich hatte gefärbte Haare, aber das stand nie im Mittelpunkt.

Anfang Januar wurden angesichts der heftigen Proteste um das alternative Kulturzentrum „Rote Flora“ Teile Hamburgs vom Senat zur Gefahrenzone erklärt. Hat dich dieser Protest überrascht?

Das kam ja nicht aus heiterem Himmel. Das war eine lange Entwicklung. Dass die Demo aus dem Ruder gelaufen ist, kann man natürlich kritisieren. Ich bin der letzte, der jeden Idioten aus dem Schwarzen Block verteidigt, aber in Hamburg ist einiges passiert, das eine große Unzufriedenheit bei den Menschen hervorgerufen hat. Dieser Ärger hat sich in diesem Protest entladen und damit muss die Politik erst mal klarkommen.

Wogegen richtet sich genau der Protest?

Eine Sache sind die Mietpreise. Es gibt in Hamburg kaum noch bezahlbaren Wohnraum. Das ist mittlerweile absurd. Und meiner Meinung nach muss die Politik dafür sorgen, dass Wohnen bezahlbar bleibt. Das darf nicht als neoliberale Spielweise betrachtet werden. Dazu kam der Abriss der Esso-Häuser und der Streit um den Abriss der „Roten Flora“. Dann hat es geknallt. Deswegen jedoch eine Gefahrenzone einzurichten, war völlig überzogen.

Freut sich dein altes Punker-Herz über den Protest?

Ich will nicht jeden Steineschmeißer in Schutz nehmen. Es gibt auch im Schwarzen Block viele Idioten, aber es ist gut zu sehen, dass ganz vielen Menschen nicht alles egal ist.

Nicht wenige dürften sich bei den Bildern aus Hamburg an die Chaostage der 80er und 90er Jahre in Hannover erinnert haben. Kann man das miteinander vergleichen?

Nein, denn in Hamburg waren ja auch viele Leute aus dem bürgerlichen Milieu dabei. Da waren auch Familienväter dabei. Das war bei den Chaostagen nicht der Fall. Das war vor allem eine Veranstaltung der Punker.

Du bist schon mit deiner Vorgängerband But Alive und Kettcar oft in Hannover aufgetreten. Wie hast du die linke Szene in Hannover erlebt?

Wir haben damals oft im UJZ Korn in der Nordstadt gespielt. Die Betreiber waren sehr politisch, aber nicht dogmatisch-politisch. Das fand ich immer sehr angenehm. Das war eigentlich mein einziger Bezugspunkt zur linken Szene in Hannover. Ich freue mich auf jeden Fall darauf auch mit meinem Soloalbum noch in diesem Jahr in Hannover zu spielen. Der genaue Termin steht aber noch nicht fest.

Ist dein Soloalbum ein einmaliges Projekt oder wird es einen Nachfolger geben?

Die Absprache mit meinen Kettcar-Kollegen ist so, dass wir uns im Spätsommer zusammen hinsetzen wollen, um zu überlegen, was für ein Album wir machen könnten. Wenn das gut funktioniert, werden wir mit viel Elan an ein neues Kettcar-Album rangehen.

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externer Link www.marcuswiebusch.de

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