27.07.2012

"Wir sehen uns schon eher als Live-Band und nicht als Studio-Band"

Die hannoversche Thrash-Metal-Band Cripper im Interview

von Hanna Rühaak - Foto: Pressefreigabe

- Dass Thrash Metal nicht nur was für "harte Jungs" ist, beweisen Cripper aus Hannover: Shouterin Britta und ihre vier Mannen haben gemeinsam einen Heidenspafl. Bevor es im September zusammen mit Onslaught auf Europa-Tour geht, ist einiges los im Hause Cripper: Gerade wurde das neue Album "Antagonist" veröffentlicht, Basser Bastian verliefl die Band und wurde durch Gerrit ersetzt, auflerdem ist der Festival-Sommer angebrochen.

Trotzdem durften wir Cripper einen Besuch im Proberaum abstatten, um ein bisschen über das neue Album, die anstehende Tour und über das Dasein als Frau in einem Genre, das in erster Linie von Männern dominiert wird, zu plaudern.

Rockszene.de:
2011 habt ihr auf dem "70.000 Tons Of Metal"-Festival auf einem Kreuzfahrtschiff in der Karibik gespielt. Was kann man sich darunter vorstellen? Im ersten Moment denkt man sich: Metal und Karibik? Passt irgendwie nicht so ganz zusammen.

Jonathan:
Das hat eigentlich ganz gut gepasst. Metal und Karibik halt (lacht).

Dennis:
Den Kontrast zu dem Kreuzfahrtschiff fand ich eigentlich krasser. Eigentlich ist man von Kreuzfahrtschiffen ja gewohnt, dass im Durchschnitt eher konservative, gut betuchte Leute auf ihnen unterwegs sind und dass dann auf einmal so eine Horde Metaller auftaucht war für die Besatzung etwas Besonderes und für die Metaller auch. Denn auch wenn man privat mal auf die Idee kommen sollte eine Kreuzfahrt zu machen, würde man das nicht unbedingt mit anderen Metallern tun. Aber das hat erstaunlich gut funktioniert! Die Crew war total glücklich und die Leute glaube ich auch.

Jonathan:
Das Interessante ist ja, dass die meisten Leute wahrscheinlich zu dem Preis niemals nach Miami auf ein Festival fahren würden und auch niemals auf eine Kreuzfahrt. Aber wenn alles zusammen kommt, dann sind die alle voll dabei.

Britta:
Das stimmt. Das hat wirklich erstaunlich gut gepasst. Und in erster Linie war es sauber, es gab ja keinen Matsch mit dem man rumwerfen konnte.

Christian:
Da wurde tatsächlich sofort hinter einem hergewischt. Selbst wenn man Dreck gemacht hätte. Man hätte sich Dreck mitnehmen müssen. Da es ja das erste Metal-Festival auf einem Kreuzfahrtschiff war, wusste natürlich niemand was einen erwartet. Auch die Bands nicht. Die waren teilweise auch ein bisschen skeptisch am Anfang. Als wir uns mit den anderen Bands unterhalten haben, haben die das so ein bisschen erzählt. Alle fanden die Idee geil, aber niemand konnte glauben, dass das so richtig funktioniert. Aber es hat ziemlich gut funktioniert, es lief alles nach Strich und Faden. Cool war auch, mit den ganzen groflen Bands zusammen zu sein.

Einige Bands kannten wir ja schon von anderen Festivals, aber es gab zum Beispiel keinen Backstage. Das war natürlich für die Besucher glaube ich ein ganz grofler Deal sich auf so ein Festival zu kaufen, das nicht nur auf einem Kreuzfahrtschiff stattfindet, sondern wo man dann auch wirklich mit den alten Helden am Tisch sitzen kann. Und davon haben auch viele Gebrauch gemacht, aber niemand hat sich genervt gefühlt. Das war sehr angenehm.

Rockszene.de:
Was seht ihr, wenn ihr von der Bühne auf euer Publikum guckt? Wird euch euer Publikum manchmal zu aggressiv, sodass ihr euch nicht ganz wohl fühlt?

Britta:
Nee, eigentlich nicht. Es gab mal eine Situation, in der habe ich mir Sorgen gemacht. Ich habe auf der Bühne die Ansage gemacht "Jetzt eine Wall Of Death, Mädchen gegen Jungs!". Es war aber nur ein Mädchen da. Ich habe sie gefragt, ob sie sich traut und sie nur "Ja ja!", zog ihre Schuhe aus und stellte sie beiseite (lacht). Aber wenn man alleine in einer Wall Of Death gegen eine Menschenwand läuft wird man wahrscheinlich von genauso vielen Leuten getroffen, als wenn man in einer Masse gegen eine andere Masse von Menschen läuft.

Dennis:
Also so richtig aggressiv ist da keiner. Bei Cripper sind immer alle ganz friedlich.

Britta:
Wir sind auch eher eine Moshband und keine Pogoband.

Christian:
Das Coole ist ja auch, dass die Leute sich immer alle gegenseitig helfen. Sollte mal einer zu Boden gehen, sind da meistens immer gleich viele Arme, die einen wieder hochziehen.

Rockszene.de:
Britta, wie schwer ist es, sich als Frau in einem Genre zu behaupten, das von Männern dominiert wird?

Britta:
Da gibt es keine Probleme. Ich glaube manchmal ist es sogar eher ein Vorteil. Wenn es Stress mit dem Veranstalter gibt, gehe ich meistens hin. Entweder trauen sie sich nicht rumzumeckern oder sie haben Angst vor mir. Ich hab natürlich keinen Vergleich, ich war noch nie ein Mann in einer Band.

Gerrit:
Da habe ich anderes gehört.

Jonathan:
Das hat doch einer mal in einem Review geschrieben. Dass wir Verwirrungspolitik machen.

Britta:
Stimmt, der meinte wir betreiben Verwirrungspolitik, weil wir schreiben, dass ein Mädchen am Mikro ist, aber das ja gar nicht stimmen würde. Aber zurück zur Frage: Es ist manchmal etwas komisch, dass davon ausgegangen wird, dass der Hauptgrund unseres "Erfolges" darin liegt, dass ich ein Mädchen bin. Das wird einem vor allem von Bands vorgeworfen, die nicht so "erfolgreich" sind und das eigentlich auch gerne wären. Die denken dann eben, dass es deswegen ist.

Christian:
Es hat sich tatsächlich ja auch einfach nur so ergeben. Das ist überhaupt keine Masche. Ich habe vor ein paar Tagen ein altes Review vom "Freak [Inside]" gelesen, in dem stand, dass in Hannover scheinbar festgestellt wurde, dass sich eine Frau im Thrash-Metal-Bereich sehr gut verkaufen würde. So nach dem Motto "darauf sollten sie sich aber jetzt nicht ausruhen".

Britta:
Das haben wir uns auch zu Herzen genommen und nicht gemacht! (lacht) Unter Musikern gibt es jedenfalls keine Probleme, ich hatte noch nie das Gefühl, dass ich mich extra behaupten müsste oder mich jemand belächelt hätte.

Rockszene.de:
Euer letztes Album "Devil Reveals" hat viele gute Kritiken bekommen " wie grofl war da der Druck für das neue Album? Habt ihr euch deswegen bewusst drei Jahre Zeit genommen?

Christian:
Wir waren auf so vielen Festivals unterwegs und haben so viel gemacht und plötzlich ist es 2012.

Britta:
Um das mal chronologisch zu ordnen: Wir haben 2009 ein Album [Devil Reveals] rausgebracht, 2010 sind wir mit Overkill auf Tour gegangen und haben uns logischerweise auch sehr auf diese Tour vorbereitet. Damals konnten wir natürlich noch gar nicht über neue Songs nachdenken, weil wir die damals neuen Songs erst einmal richtig spielbar kriegen mussten.

Dennis:
Das war ja nicht nur spielerische Vorbereitung sondern auch viel organisatorischer Kram. Das war unsere erste Tour, wir wussten nicht so richtig wie das alles funktioniert, da muss man halt wirklich eine Menge planen.

Britta:
Dazu kommt auch, dass wir alle keine Berufsmusiker sind. Wir proben zweimal die Woche und haben dann tagsüber unsere Jobs. Deswegen ist es nicht so, dass wir an einem Tag die Songs üben und uns gleichzeitig um den anderen Kram kümmern können. 2011 haben wir die Metal-Cruise gemacht und dafür musste wirklich unglaublich viel organisiert werden. Dazu kam, dass Jonathan nicht mitkonnte, da er zu dem Zeitpunkt Vater geworden ist - man ist ja zum Glück etwas länger schwanger, deswegen wussten wir das natürlich früh genug " mussten dann aber halt einem guten Freund von uns, der eingesprungen ist, die Songs beibringen.

Dann war wieder nichts grofl mit Songwriting. Auflerdem waren wir auf sehr vielen Festivals unterwegs, und wenn man den Samstag und Sonntag immer unterwegs ist und spielt, hat man am Montag nicht unbedingt wieder die besten Ideen für neue Songs. Aber so richtig Druck hatten wir von auflen jedenfalls nicht. Es zwingt uns ja keiner dazu, ein neues Album zu veröffentlichen. Wir leben nicht davon, von daher könnten wir es eigentlich auch lassen. Aber irgendwann ging es zumindest mir so, dass ich dachte, dass die neuen Songs so langsam mal aufgenommen werden müssen. Wenn man einen Song so lange liegen hat und so lange kennt, will man ihn natürlich auch endlich mal rausbringen und live spielen.

Rockszene.de:
Gibt es denn etwas, das euch besonders inspiriert wenn ihr eure Songs schreibt?

Britta:
Alles was so rumliegt eigentlich.

Dennis:
Vor allem andere Bands. Die, die man gerade so hört.

Christian:
Dieses Mal hatten wir wesentlich mehr genrefremde Dinge im Kopf gehabt. Wir haben während des Songwritings wesentlich absurdere Bandnamen fallen lassen, als es sonst der Fall war. Natürlich wurden immer die drei, vier üblichen verdächtigen Bandnamen in den Raum geschmissen, wenn es beispielsweise um Riffs ging, ohne was klauen zu wollen, sondern einfach nur um uns mitzuteilen. Wahrscheinlich ist es so, dass sich die verschiedenen Cripper-Zutaten jetzt mehr und mehr logisch zusammensetzen und wir uns auch mal auflerhalb des Tellerrandes bedienen. Es sind einige Elemente vorhanden, die man in den artverwandten Bands gar nicht so finden würde, zum Beispiel im Schlagzeugbeat oder in den Gitarrenriffs. Das war auf jeden Fall spannend. Da limitieren wir uns auch nicht künstlich.

Dennis:
Irgendwann muss man auch gucken, dass man sich nicht selber kopiert und wiederholt, was zum Beispiel die Riffs angeht.

Jonathan:
Mittlerweile sind wir alle ja auch in dem Songwriting drin und haben höhere Ansprüche daran. Deswegen dauert das halt auch ein wenig länger.

Britta:
Eine grofle Inspiration beim Songwriting ist mittlerweile auch, dass man ein Gefühl dafür bekommt, was live geil rüberkommt und was gut funktioniert. Wir sehen uns schon eher als Live-Band und nicht als Studio-Band. Das macht natürlich Spafl, wenn ein Song live gut funktioniert und das Publikum bei einem Song gut mitgehen und schnell einsteigen kann. Das macht es glaube ich manchmal etwas einfacher zu entscheiden, ob ein Part gut ist und in den Song hinein gehört. Also ich habe da mittlerweile ein ganz gutes Gefühl für entwickelt.

Christian:
Man merkt mittlerweile auch schnell, was für Songs noch fehlen. So sind zum Beispiel auch "Dogbite" und "Totmann" entstanden.

Britta:
Über so etwas haben wir uns beim "Freak [Inside]" zum Beispiel noch gar keine Gedanken gemacht. Da waren wir froh, dass wir zwölf Songs hatten und haben die dann aufgenommen. Neue Fertigkeiten sind auch sehr inspirierend für das Songwriting. Früher konnte ich zum Beispiel keine hohen Screams machen, das kann ich mittlerweile. Und es gibt einfach Worte, die kann man hoch besser schreien als tief. Das inspiriert dann natürlich schon, dass man ein Wort an eine bestimmte Stelle setzt, damit man es da eben schreien kann. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich wirklich weifl, wie man einen guten Song schreibt. Das ist harte Arbeit und der Weg zu einem guten Song ist eigentlich nicht planbar.

Rockszene.de:
Wie seid ihr auf die Idee gekommen, eure CD selber zu designen? Was hat euch dazu inspiriert?

Britta:
Es geht nicht anders bei uns, Jonathan und Christian sind studierte Grafikdesigner und die würden jeden anderen Grafikdesigner zur Verzweiflung bringen (lacht).

Dennis:
Wir sind eigentlich gar nicht so richtig auf die Idee gekommen, das ist einfach selbstverständlich, dass alles, was bei Cripper designt werden muss, von den beiden gemacht wird.

Christian:
Es macht einfach Spafl, sich auch darüber ausdrücken zu können, weil wir das Gefühl haben, dass wir auch auf dieser Ebene was zu sagen zu haben, wie mit der Musik auch.

Britta:
Für "Antagonist" haben wir zu fünft im Burgerladen gesessen und überlegt, wie das jetzt aussehen soll. Wir hatten den Titel für das Album schon und haben dann überlegt, wie das Cover werden soll. Sodass man zum einen ein Metal-Cover hat, das cool aussieht und dann aber auch noch eine tiefergehende Bedeutung hat, für denjenigen, der genauer hinschaut. Auflerdem muss man das Design auch auf ein T-Shirt oder ein Poster bringen können, der Anspruch an ein Cover ist ja ziemlich hoch.

Christian:
Nachdem wir bei besagtem Treffen etwa zweieinhalb Stunden blind rumgestochert haben, kam eine sehr produktive Phase von etwa 30 Minuten, in der wir das Konzept gemeinsam aufgebaut haben. Und Jonathan hat das dann umgesetzt.

Britta:
Die Idee bei dem Bild im Booklet war auch, dass jeder seinen Antagonisten hat. Bastian hat zu der Zeit die Band gerade verlassen, deswegen sieht man seinen Antagonisten gerade verschwinden. Das hat für uns nochmal eine tiefere Bedeutung.

Rockszene.de:
Mit was für Erwartungen startet ihr eure Europa-Tour? Gibt es etwas, worauf ihr euch besonders freut?

Jonathan:
Also ich glaube das wird deutlich kleiner als Overkill. Wir haben ganz niedrige Erwartungen. Wenn da jetzt nur zehn Leute vor der Bühne stehen, wird uns das nicht vom Hocker hauen. Ich glaube Onslaught sind nicht so populär in Deutschland, und wir sowieso nicht. Vielleicht haben wir aber auch Glück und es kommen richtig viele Leute.

Britta:
Wir haben mittlerweile auf jeden Fall deutlich mehr Fans als 2010, weil wir sehr viele Shows gespielt haben, vielleicht kommen also auch ein paar Leute wegen uns.

Christian:
Die Zuschauerzahl kann ich auch ganz schlecht einschätzen. Ich glaube das liegt auch an dem Package an Bands. Aber das ist gar nicht schlimm, das ist ja auch das Interessante daran. Ich erwarte fast, dass das extrem schwankt. In Ländern wie Italien ist das dann vielleicht total gut besucht und in Deutschland erwarte ich ehrlich gesagt nicht ganz so viel.

Dennis:
Ich würde Zuschauerzahlen generell als nicht ganz so wichtig für eine Tour werten.

Christian:
Das stimmt. Ich hoffe einfach, dass wir eine gute Zeit haben und uns mit den anderen Bands gut verstehen.

Britta:
Da Gerrit neu bei uns in der Band ist, ist es für uns natürlich wichtig, dass wir als Band noch mehr als eine Einheit zusammenwachsen. Ich glaube das wird Spafl machen. Ich freue mich schon darauf, im Tourbus rumzufahren.

Dennis:
Was auch ganz wichtig ist, ist, dass man auf so einer Tour auch spielerisch besser wird. Da man jeden Abend auf einer Bühne spielt und nicht nur im Proberaum, kriegt man eine ganz andere Routine da rein. Dadurch fühlen sich die Songs noch viel natürlicher an und dadurch kann man sich viel mehr in der Musik fallen lassen und konzentriert sich nicht nur auf einzelne Teile. Irgendwann passiert das dann einfach von alleine. Das war wirklich ganz erstaunlich auf der letzten Tour. Ich hoffe und ich denke, dass das wieder passieren wird.

Britta:
Eine andere Sache die dieses Mal anders ist und die wir gar nicht einschätzen können ist, dass wir keinen eigenen Mischer dabei haben werden. Auf der letzten Tour hat uns immer der gleiche Mischer gemischt und auf dieser Tour wird uns jeden Abend ein anderer mischen. Das wird also jeden Abend aufs Neue nochmal ein Erklären und wahrscheinlich ein längerer Soundcheck. Das war auf der Overkill-Tour natürlich ganz anders, da haben wir zehn Minuten gebraucht und waren fertig. Meistens ist sowieso das Problem, dass viel zu viele Leute da sind und helfen wollen, und dann herrscht Chaos.

Dennis:
Nichts gegen den Typen, der direkt als wir mit dem ersten Song anfingen von der Seite auf die Bühne kam und mein Becken festgeschraubt hat (lacht). Du stellst dir das Becken so ein, dass es sich richtig schön bewegt, genauso wie es sein muss, ich teste nochmal, alles war so wie es sein muss und er kommt einfach auf die Bühne und schraubt mir die Becken fest. Da gibt es echt schon besondere Spezialisten! (lacht)

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