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"Er hat darüber gerappt wie es sich anfühlt, schwarz zu sein und in Deutschland zu leben. Das hat mich gepackt", Ron Nox über Samy Deluxe. Heute rappt er selbst gegen Rassismus und Diskriminierung.

Mit Rap gegen Rassismus

Im Gespräch mit Ron Nox

13.07.2020, Von: Lisa Eimermacher, Foto(s): Sandra Then

Als Ron Nox macht Ron Iyamu seit über zehn Jahren Musik. Der Rapper aus Hannover kämpft seit Jahren gegen Rassismus und gibt Workshops an Schulen. Nach seinem Schauspielstudium in Salzburg arbeitet er als Schauspieler im Düsseldorfer Schauspielhaus. Für uns nahm sich Ron Zeit für ein Interview.

Rockszene.de: Was bedeutet dein Künstlername „Ron Nox“?

Ron Nox: Nox ist Lateinisch für Nacht. Ich habe früher viel nachts geschrieben und bin auch immer noch ein sehr nachtaktiver Mensch. Weil meine Kunst nachts entsteht, habe ich sie danach benannt. Ich habe mit Nox angefangen, irgendwann wurde dann Ron Nox daraus.

Wie bist du zum Rap gekommen?

Ich bin in Hannover-Linden-Nord aufgewachsen. Meine Geschichte ist dann doch immer wieder ganz klar mit Rassismus verbunden. Ich habe früh in der Schulzeit Rassismus erlebt, sowohl durch Mitschüler, als auch von einer Lehrerin, die das Problem einfach wegignoriert hat. Das hat sehr früh dazu geführt, dass bei mir ein sehr großer Frust aufkam.

Meine erste Rassismus-Erfahrung habe ich im Kindergarten gemacht. Gleichzeitig bin ich größtenteils ohne meinen nigerianischen Vater, sondern bei meiner deutschen Mutter aufgewachsen. Es gab damals in Linden-Nord auch nicht viele Kids, die schwarz waren. Ich habe mich da sehr verloren gefühlt. Ich bin damals auf die Albert-Schweitzer-Schule gegangen und habe mich in der dritten Klasse dazu entschieden, nicht mehr zur Schule zu gehen. Nach einigen Monaten hat sich das Jugendamt eingeschaltet und ich bin für vier Jahre in ein Kinder- und Jugendheim im Oberharz gekommen. Das war krass für mich, weil ich eins der jüngsten Kids war und da einige krasse Dinge abgegangen sind.

Da habe ich zum ersten Mal deutschen Rap gehört. Damals war Aggro Berlin sehr angesagt, ich konnte damit noch nicht so viel anfangen. Mein Vater hatte vorher schon englischen Rap gehört, mit dem ich nicht so viel anfangen konnte, weil ich es nicht verstanden habe.

Dann bin ich mit 13 Jahren im Heim zufällig auf eine Samy-Deluxe-CD gestoßen. Und das war das erste Mal, dass ich gehört habe wie eine schwarze Person über Rassismus rappt. Er hat darüber gerappt wie es sich anfühlt, schwarz zu sein und in Deutschland zu leben. Das hat mich gepackt. Da habe ich gemerkt, dass ich Rap cool finde und das selbst machen möchte.

Wie ging es dann weiter?

Ich habe immer ein bisschen gefreestyled, kannte mich aber überhaupt nicht aus. Mit 14 bin ich zurück nach Hannover gekommen. Auf dem Schulhof habe ich ein wenig gerappt, was die Schulpädagogin am Schulzentrum Badenstedt mitbekommen hat. Also hat sie für mich und meine Freunde einen Rap-Workshop organisiert, zu dem sie Spax eingeladen haben. Er ist die Ansprechperson für Rap- und vor allem Rap-Jugendarbeit in Hannover.

Spax hat mir damals die Grundzüge des Rap beigebracht. Durch ihn bin ich ans Theater gekommen, weil sie bei der Rap-Oper jugendliche Rapper für ein großes Jugend-Projekt an der Staatsoper gesucht haben. Da habe ich gerappt und gespielt und meinen ersten Song zum Thema Rassismus geschrieben.

Dann habe ich immer mehr Konzerte in Hannover gespielt. Seitdem mache ich Musik. Letztes Jahr habe ich mein Album „LOA“ rausgebracht, das sich viel mit diesen Identitätskämpfen auseinandersetzt und meinem Bezug zu Afrika, den ich aber auch nicht so richtig habe. Denn ich bin erst mit 24 Jahren das erste Mal nach Nigeria gekommen. Mit dieser Zerrissenheit meiner Kindheit habe ich mich auseinander gesetzt und was es in mir ausgelöst hat, das erste Mal nach Nigeria zu kommen.

Wie war das, als du nach Nigeria gekommen bist? War dein Vater auch da?

Mein Vater ist mit mir dahin gereist. Er lebt mittlerweile in Manchester und ist 2016 mit mir nach Nigeria gereist. An dem Punkt hatte ich mich schon viel damit auseinander gesetzt und schon viele nigerianische Freunde. Ich habe ganz viel über das Land, meine Kultur und über mich gelernt. Es war dann gar nicht mehr so berauschend wie ich es mir immer vorgestellt hatte, weil eine Vertrautheit und Normalität da war. - Sei es, weil ich mich vorher damit auseinander gesetzt habe oder weil es ja auch irgendwie immer in mir gesteckt hat.

Worum geht es in deinem aktuellen Album „LOA“ genau?

Auf meinem aktuellen Album habe ich versucht, HipHop mit afrikanischen Sounds zu verbinden, um etwas anderes zu machen, was ich so vorher auch noch nicht in Deutschland gehört hatte.

Als die George-Floyd-Debatte losging habe ich einen neuen Rap-Part aus meiner kommenden EP veröffentlicht. Auf meiner neuen EP setze ich mich viel mit rassistischen Strukturen in Deutschland auseinander.

Was heißt „LOA“?

„Loa“ sind die Geister aus dem Voodoo, die die Wünsche der Menschen annehmen und zu den Göttern bringen. Also die Vermittler zwischen Menschen und Götter. Man kann „Loa“ auch als geistige Reise übersetzen.

Mein Urgroßvater war Voodoo-Priester. Ich habe ihn nie kennengelernt und hatte auch nie etwas mit der Voodoo-Religion zu tun, außer die Splitter, die mir überliefert wurden.

Deswegen war es für mich eine geistige Reise nach Nigeria, weil es so lange gedauert hat bis ich dahin kam. Ich hatte auch schon viele Songs vor meiner Reise dorthin geschrieben. Darin habe ich mich mit dem Panafrikanismus beschäftigt. Marcus Garvey und Malcolm X haben über diese Reise, die jede schwarze Person mal gemacht haben soll, gesprochen. Sei es geistig oder physisch, um zu sich selber zu finden. Das hat mich geleitet und dann kam „LOA“ als Titel.

Wo nimmst du deine aktuelle EP auf?

Ich baue mir gerade ein Home-Studio auf, aber eigentlich nehme ich hauptsächlich bei Spax im Studio in der Nordstadt auf.

Wie alt warst du, als du deine erste EP „Breakup“ gemacht hast?

Da war ich 18. Ich hoffe, dass ich heute einiges besser mache. Ich tendiere auch dazu, meine alte Musik geheim zu halten. Ich würde sie gerne aus dem Internet löschen lassen (lacht). Es ist immer ein Prozess. Ich arbeite jetzt seit vier Jahren an meiner neuen EP. Ich merke auch jetzt schon, dass zwischen meiner EP und „LOA“, das ich vor einem Jahr rausgebracht habe, schon Welten liegen. Manchmal ist man aber auch total beeindruckt von dem, was man mit 18 geschrieben hat. Da hatte man schon Dinge verstanden, die man heute schon wieder fast vergessen hat.

Hauptberuflich bist du ja Schauspieler am Theater. Wann bist du für die Schauspielerei nach Düsseldorf gegangen?

Ich bin im Sommer 2018 nach Düsseldorf gegangen, um dort ein halbes Jahr Praktikum zu machen. Das hat dazu geführt, dass sie mich übernommen haben. Sodass ich seit August 2019 am Düsseldorfer Schauspielhaus im Ensemble bin. Ab diesem Sommer wechsel ich in die Jugendabteilung vom Düsseldorfer Schauspielhaus. Dabei geht es darum, für Kinder und Jugendliche zu spielen.

Ich wollte früher eigentlich Erzieher werden, weil ich die Arbeit, die Spax mit mir gemacht hat, weitergeben wollte. Ich habe auch viele Workshops an Schulen zum Thema Rap, Rassismus und Integration gegeben. Weil ich wieder mit und für Jugendliche arbeiten wollte, habe ich mich entscheiden, ans Jugendtheater zu wechseln.

Wir machen auch immer Formate wie Theater-Workshops. Am Jugendtheater habe ich jetzt auch schon einen Rap-Workshop gegeben.

Vorher hattest du Schauspiel in Salzburg studiert. Wie ist es dir da ergangen?

Das war nicht so meine Stadt. Salzburg ist leider unglaublich steif. Österreich hat ein noch größeres Rassismus-Problem als Deutschland – oder zumindest Westdeutschland, denn damit kann ich es persönlich vergleichen. Österreicher haben mir immer gesagt: „Wenn Österreich ein größeres Rassismus-Problem hat, hat Salzburg das krasseste“. Da kann man auch noch im Pub ein „N-Wort“ bestellen, um Cola mit Bier zu bekommen. Über diese ganze Stadt prangt der Untersberg – Hitlers Lieblingsberg. Das ist auch noch in der ganzen Stadt spürbar, dass Hitler diese Stadt sehr gerne mochte.

Graz, Wien und Innsbruck habe ich als viel lockerer, freundlicher, offener und unproblematischer wahrgenommen.

Nur Salzburg hat da noch ein krasses Problem. Es gibt sehr viele reiche Menschen da. Alle jungen Menschen, die anders denken und Kunst machen, gehen so schnell wie möglich nach Wien.

Wie hast du Rassismus in Düsseldorf erfahren im Gegensatz zu anderen Städten?

Ich kann Düsseldorf noch nicht so einschätzen. Bisher bin ich in NRW sehr gut aufgenommen worden. Ich arbeite dort sehr viel und habe die Sommerferien in Hannover verbracht.

Ich hatte neulich ein Interview mit jemandem aus Düsseldorf, die die Stadt als sehr rassistisch wahrgenommen hat. Es ist auch eine sehr reiche Stadt. Das geht ganz häufig Hand in Hand, dass es eine gehobene Klasse mit Vorurteilen gegenüber Leuten mit Migrationshintergrund gibt. Ich verstehe das selber nicht, weil man ja meistens davon ausgeht, dass wohlhabende Leute auch eine bessere Bildung haben. Ich glaube, es liegt daran, dass es leider viel zu wenige Schwarze oder POC gibt, die in der oberen Klasse angekommen sind und der Kontakt einfach noch nicht so ausgeprägt ist. Durch dieses „Fremdsein“ bilden sich Vorurteile schneller. Und dann trifft man halt auf Leute, die sagen „Ich habe mich noch nie mit einer schwarzen Person unterhalten“.

Ich bin auch ganz lange der AfD gefolgt (Anm. d. Red.: auf Social Media), weil ich wissen wollte, was diese Leute antreibt. Ich kann es mir aber auch teilweise gar nicht mehr angucken. Ich fand den Jugendkongress zum Thema Diskriminierung und Rassismus in Wunstorf vor ein paar Jahren wahnsinnig hilfreich. Die haben einen Mann eingeladen, der Neonazi war und aus der Szene ausgestiegen ist. Er hatte erzählt, wie er da reingekommen ist. Anhand solcher Berichte von Aussteigern begreife ich am ehesten wie solche Strukturen funktionieren.

Wie hast du Rassismus in Hannover im Gegensatz zu anderen Städten, in denen du gelebt hast, erlebt?

Das ist schwierig, jeder erlebt andere Sachen. Als schwarze Frau erlebst du was anderes als ein schwarzer Mann. Da kann ich keine richtige Einschätzung geben, da ich außer in Salzburg nirgendwo so lange gelebt habe wie in Hannover, um das beurteilen zu können. Ich hatte den Eindruck, dass ich Rassismus in Bayern stärker erlebt habe. Dort habe ich das, was ich in Hannover erfahren habe, häufiger erlebt. In Hannover habe ich zum Beispiel Racial Profiling erleben müssen. Also häufige Polizeikontrollen, bei denen ich einzig und allein aufgrund meiner Hautfarbe verdächtigt wurde.

Was kann man tun?

Als weiße Person sollte man schwarzen Menschen zuhören, was ja auch aktuell, besonders bei den Black-Lives-Matter-Demos verstärkt passiert. Außerdem sollte man sich informieren. Da gibt es viele hilfreiche Bücher wie zum Beispiel „Exit Racism“ und „White Fragility“ . Das Buch „Anleitung zum Schwarz sein“ hat mir sehr geholfen, mit meiner eigenen Politisierung umzugehen. Wichtig ist auch, sich seiner eigenen rassistischen Denkstrukturen bewusst zu werden und daran aktiv zu arbeiten.


INFO-BOX

Links
externer Link www.ron-nox.com
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externer Link www.instagram.com/ronnox.roniyamu
externer Link www.ronnox.bandcamp.com
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