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Blues-Harp-Spezialist und Blues-Musiker aus Leidenschaft: René Wermke

Die totale Leidenschaft für den Blues

Blues-Harp-Spieler René Wermke im Interview

30.06.2020, Von: Andreas Haug, Foto(s): Jeff Kahra

René Wermke dürften viele in der Blues-und Bluesrock-Szene als Blues-Harpist, Gitarrist und Sänger kennen. Ob von vielen Konzerten als One-Man-Bluesband oder seit 2019 von der noch verhältnismäßig frischen Band Juke Joint Bastards. Im Interview sprachen wir über den Werdegang des in Alfeld geborenen Musikers, über das Blues-Harp-Spiel, den heutigen Stellenwert des Blues, Instrumente, technische Aspekte, die aktuellen Projekt der Juke Joint Bastards und seine Tätigkeit als Lehrer für die Blues Harp. Dabei gab uns René viele spannende Einblicke in die für viele bestimmt noch nicht so bekannte Welt des Mundharmonika-Spiels.

Rockszene.de: Hallo René, viele kennen dich in der Szene als leidenschaftlichen Bluesmusiker. Du bist bisher solo als One-Man-Bluesband in Erscheinung getreten, bist aber auch Sänger der Juke Joint Bastards. Für die, die dich noch nicht so genau kennen: Wo kommst du her, wie bist du zur Musik, speziell zum Rock und Blues gekommen und wie ist dein bisheriger Weg als Musiker verlaufen?

René Wermke: Aufgewachsen bin ich Alfeld, zirka 50 Kilometer südlich von Hannover. Dort habe ich zunächst einen, sagen wir mal, normalen Berufsweg als Elektriker eingeschlagen. Erst relativ spät, im Alter von 22 Jahren, hat die Musik die Kontrolle übernommen. Ich bin tatsächlich über die Blues Harp zum Musikerdasein gekommen und gehöre zu den Blues Harp Nerds, die über Jahre hinweg wirklich täglich mehrere Stunden mit dem Spielen der Blues Harp verbracht haben.

Dementsprechend habe ich auch alle musikalischen Vorurteile dem Instrument und dem Blues gegenüber am eigenen Leib erfahren. Genau dieser allgemeine Tenor, der die Bluesharp eher als minderwertiges Instrument zurücklässt, war und ist ein großer Antrieb für mich. Es treibt mich an, in meinem Spiel diese vermeintlichen Grenzen unter anderem mit modernen Spieltechniken wie bspw. Overblows- und Draws zu durchbrechen.

Was war deine erste Band und wie kamst du dann zu der Idee die „One Man Blues Band“ ins Leben zu rufen?

Nach meiner ersten Band „W´s Blues“ war das Duo „Twofold Bases“ zusammen mit Wolfgang Scholz mein erstes wirklich professionelles Bandprojekt. Wolfgang war ein wunderbarer Mensch, ein Ausnahmemusiker und ein sehr guter Freund für mich. Nach über vier Jahren gemeinsam auf der Bühne, einer ersten CD und einer weiteren in Planung, hat mich die Nachricht von Wolgangs völlig unerwartetem Tod im Sommer 2014 ziemlich aus der Bahn geworfen.

Wir hatten Gigs bereits weit im Voraus geplant und so stellte ich mir die Frage: Was jetzt? Als etwas Zeit vergangen war, begann ich unsere Musik irgendwie in meine Musik umzuwandeln. Damals hatte ich bereits ein Fußschlagzeug von Farmer Footdrums und genügend Energie, um viele unserer Duo-Songs kurzfristig in einen One-Man-Band Kontext zu übertragen. Vielleicht war zu der Zeit tatsächlich immer noch der Schmerz darüber, die Musik nun alleine zu machen, der Grund dafür, warum viele Songs auf einmal einen Rockblues Anstrich bekamen. Dieses aus der Tragödie geborene One-Man-Band Konzept mit Blues Harp, Vocals und Footdrums, später dann auch selbstgebauten Zigarrenbox- Gitarren, entwickelte letztendlich im Laufe der Zeit einige Alleinstellungsmerkmale.

Wer hatte sich bis dahin denn getraut, mit der kleinen Mundharmonika eine One-Man-Rock-Bluesband zu sein? Es gab tatsächlich mit Deak Harp oder auch Adam Gussow zwei Künstler in den USA, die das ebenso taten und aus meiner Sicht sollte es viel mehr davon geben...

Blues war und ist der Ursprung für meine Musik, aber schon relativ früh waren die Auswüchse des Blues in Richtung Rock und Funk mindestens genauso interessant.

 

Blues verbinden einige mit sehr traditioneller, eher älterer Musik. Welchen Stellenwert hat deiner Meinung nach Blues oder auch Blues-Rock in der heutigen Musiklandschaft?

Der Blues hat bereits eine lange Reise hinter sich und einige behaupten immer mal wieder, er sei gestorben, oder aber weisen im Gegensatz dazu explizit im Albumtitel daraufhin, wie „alive & well“ der Blues doch sei. Ich mag Traditionen! Letztendlich empfinde ich es als das, was unsere Welt bunt und in bestimmten Bereichen einzigartig macht. Ich gehöre musikalisch aber eher zu denen, die versuchen, mit dem Wissen über traditionellen Blues und andere Musik etwas Neues entstehen zu lassen. Etwas, das in unsere Zeit passt und meine Erlebnisse und Erfahrungen wiedergibt.

Wie kann ich ansonsten authentisch sein, wenn ich lediglich versuche, etwas bereits Dagewesenes genau gleich zu kopieren? Zum Glück gibt es einige junge Bands wie etwa die Delta Saints oder Larkin Poe, die einen ähnlichen Weg, bereits sehr erfolgreich, eingeschlagen haben und somit auch helfen, mit vielen Vorurteilen aufzuräumen. Auf diesem Weg wird dieser Modern Blues Stil eben auch automatisch wieder attraktiver für ein jüngeres Publikum.   

 

Du spielst aktuell sehr viel mit der Band Juke Joint Bastards zusammen, die es –wenn ich richtig liege- erst seit 2019 gibt. Wie habt ihr euch gefunden, was habt ihr bislang gemacht und gibt es eine Art Mission, die ihr verfolgt?

Nach über vier Jahren als One-Man-Blues Band, hatte sich bei mir irgendwann ein Gefühl der Zufriedenheit eingeschlichen. Ein Gefühl, gewachsen aus all den Erfahrungen, all den Gigs und nicht zuletzt mit der Veröffentlichung meiner CD „Street Beat Blues“ und der verbundenen CD- Release- Tour mit über 30 Gigs in fünf Monaten. Irgendwie ein Gefühl, dass die One-Man-Band erstmal angekommen ist. Von da an wuchs der Gedanke, eine neue Band zusammenzustellen. Ich wollte absichtlich nicht unbedingt ausgewiesene Blues Spezialisten zusammensuchen, sondern Erfahrungen aus verschiedensten Genres.

Als erstes kam Philipp Horst an Bord. Philipp und ich kannten uns bereits einige Jahre und ich wusste, dass er ein außergewöhnlicher Schlagzeuger ist, wir hatten aber bis dahin nie gemeinsam Musik gemacht. Ich hatte lediglich mal einen kleinen Endzeitstimmung-Blues-Harp-Part für ein Album seiner Metal-Band „Athorn“ eingespielt. Trotz seiner Verbundenheit zu härterer Musik, wusste ich, dass er doch sehr breit gefächert ist und zu meiner Vision einer neuen Band passen könnte - was sich später auch bestätigte.

Vincent Heller kannte ich ebenso bereits von verschiedensten Venues und hatte mich schon öfter mit ihm unterhalten, ob wir nicht mal etwas gemeinsam machen sollten. Bislang war Vince eher in den  Bereichen Pop, Singer-Songwriter oder Funk auf der Gitarre unterwegs und glücklicherweise gab es auch in ihm ein großes Verlangen, eine Band rund um das Thema Modern Blues aufzubauen. Für mich einer der besten Gitarristen, mit denen ich bisher gespielt habe.

Beinahe wäre die Band wieder auseinandergefallen bevor sie komplett war, denn die Suche nach jemandem am Bass war sehr anstrengend und hat beinahe ein Jahr gedauert. Daher waren wir alle überglücklich, dass Mathis Eberhardt irgendwann bei uns vorgespielt hat und sofort klar wurde, dass er nicht nur die Riesenlücke füllen, sondern mit seinem Bassspiel das Gesamtbild auf ein ganz neues Level heben kann.

Wie bringt man dann so eine Besetzung als Band möglichst zügig und zielführend an den Start, woher kamen die Songs?

Um uns besser kennenzulernen haben wir zunächst eine Liste an Songs erstellt. Bluessongs, aber eben auch Songs weit darüber hinaus. Nachdem wir uns also etwas eingespielt hatten und bereits erste Ideen für eigene Songs kursierten, wollten wir trotzdem mit dem was wir hatten schon mal auch die Bühne in dieser Formation austesten. Also brachten wir Ende letzten Jahres ein Cover Song Konzert mit der Unterstützung von PPC Music auf den Weg. Seitdem arbeiten wir daran, die Liste von Coversongs mit unseren eigenen zu ersetzen und finden jetzt im Prozess des Songwritings nochmal eine ganz neue gemeinsame Ebene in der Band. Jetzt fühlt es sich an, als seien wir auf dem richtigen Weg.

Unsere Mission ist, Musik auf unsere Art und Weise zu machen, mit all den Erfahrungen, die jeder einzelne mitbringt. Der Name Juke Joint Bastards soll zum einen ausdrücken, dass es eine Verbindung zu den Juke Joints gibt, in denen der traditionelle Blues gelebt wurde, aber zum anderen hat jeder einzelne auch eine eigene persönliche und musikalische Geschichte -und die wollen wir auf dieses Fundament setzen und mit unseren eigenen Worten erzählen.         

 

Ihr nennt euren Stil „Modern Blues“. Beschreibe doch bitte mal, was man sich unter dem Begriff „moderner Blues“ vorstellen kann? Was machen in diesem Zusammenhang Songs und Sound der Juke Joint Bastards aus und wie waren die bisherigen Resonanzen des Publikums? Wer kommt zu euren Konzerten, wenn welche stattfinden können?

Modern Blues bedeutet für mich im Grunde, dass, ausgehend von einer tiefen Verbundenheit zum Blues, keinerlei Grenzen bestehen neue moderne Dinge einzubeziehen. Bands wie Rival Sons nennen ihren Stil Modern Rock´n Roll, es gibt dort aber auch große Einflüsse von Gospel und Blues. Manchmal empfinde ich den Versuch, eine passende und aussagekräftige Beschreibung oder Kategorie für einen Stil zu finden, eher auch als den Versuch, sich mit etwas zu vergleichen, was es schon gab und daher oft eher zu Verwirrung führt.

Bei den „Juke Joint Bastards“ gibt es, wie beschrieben, viele individuelle musikalische Hintergründe, die aufeinandertreffen. Im Moment sind wir ziemlich überwältigt von all den positiven Nachrichten, die wir gerade nach dem Streaming Konzert erhalten. Es scheint tatsächlich, dass bestimmte Publikumsgruppen, die eigentlich vorher gar nicht auf Blues standen, wegen der starken Einflüsse aus Rock, Pop, Funk, Singer Songwriter bis hin zu Metal sehr angetan sind. Häufig hören wir Sätze wie: „Hätte nicht gedacht, dass Blues so geil sein kann...!“ Bei solchen Kommentaren fühlen wir uns natürlich super und in irgendeiner Weise bestätigt.   

 

Du lieferst mir das Stichwort: Streaming Konzert. Ihr habt kürzlich eines im MusikZentrum ohne Publikum vor Ort gespielt. Wie hat sich das für euch angefühlt, in diesem Format aufzutreten?

Es ist schon sehr speziell! Man fühlt sich eher wie beim Einspielen einer CD, nur dass man hier nur einen Take hat. Bei unseren bisherigen Live Gigs konnten wir schon auch immer spüren, wie ein Teil der Energie unserer Musik auch vom Publikum wieder auf uns zurückkommt. Davon lebt ein echtes Livekonzert, man spürt die Bässe, man fühlt die Geschichten, es ist ein Erlebnis, eine gute Zeit. Ich glaube schon, dass die im Schnitt 150 Zuschauer auch eine gute Zeit hatten, sowie wir natürlich auch, aber ein echtes Livekonzert vor Publikum kann es niemals ersetzen. 

Für den 1. Juli kündigt ihr auf eurer Facebook-Seite eine „Watch-Party“ an und wollt in diesem Rahmen diese rund einstündige Show nochmals komplett zu zeigen. Wie soll das ablaufen und was habt ihr da genau vor?

Solange weiterhin schwierige Bedingungen aufgrund der Ausbreitungsgefahr des Corona Virus bestehen, probieren wir einfach andere Sachen aus. Die Watch-Party ist die Gelegenheit für Jedermann/ Frau nochmals das komplette Konzert gemeinsam mit uns anzusehen. Es wird neben dem Konzert auch via Streaming Kamera unser aktuelles Bild gezeigt, in dem die Band aller Voraussicht nach einige leckere Kaltgetränke vernichtet und fleißig Fragen im Chat beantwortet.

Weiterhin haben wir das Konzert nochmal neu gemixt und werden daraus auch ein Live-Album produzieren.

Du giltst als ausgesprochener Blues-Harp-Spezialist und gibst auch Kurse und Workshops, unter anderem bei der PPC Music Academy. Gegenüber gängigen Instrumenten, die in der Pop-und Rockmusik zu Einsatz kommen, wie Gitarre, Bass, Schlagzeug oder Keyboard, hört und sieht man die Mundharmonika vergleichsweise selten auf Plattenproduktion und auf Konzertbühnen. Wer interessiert sich für deine Kurse und wer kommt?

Nach über 8 Jahren die ich jetzt schon Blues Harp unterrichte und im Laufe der Zeit verschiedene Dinge ausprobiert habe, bin ich tatsächlich ein wenig stolz auf die Vielseitigkeit meiner Workshop-Serie für Blues Harp und die damit verbundene breite Gruppe an völlig unterschiedlichen Menschen die teilnehmen, von 8 bis 88 ist alles dabei.

In die Einsteigerworkshops kommen alle, die schon immer mal Blues Harp probieren wollten, sich aber bislang nie durchringen konnten, wirklich ernsthaft anzufangen.

Der weiterführende Kurs besteht oftmals aus ziemlich guten Spielern, die bereits selber erste Band- oder Bühnenerfahrungen haben. Sie wollen ihr Spiel verfeinern, schlechte Angewohnheiten loswerden und neue Techniken lernen.

An welche Highlights oder Besonderheiten kannst du dich erinnern?

Mein Workshop Konzept Blues Harp & Gesang ist für mich immer wieder ein Highlight. Sänger, die gerne mal Blues Harp einbauen wollen, ebenso wie Blues-Harp-spieler, die sich an das Thema Singen wagen, sind hier gemischt, um gemeinsam Bluesmusik zu erleben. Eine ganz bestimmte Songauswahl betrachtet dabei zusätzlich auch die spezielle Nähe der menschlichen Stimme und dem Sound einer Blues Harp. Schließlich benutzen sie beide nicht nur den gleichen Resonanzraum.

Der Blues Harp- und Foot-Percussion Workshop zielt dann schon sehr stark Richtung One Man Band ab. Dort wird mit der Unterstützung von der Firma Schlagwerk jedem Teilnehmer ein Cajon mit Fußpedal sowie ein Downbeat Pedal zur Verfügung gestellt und somit lernt man, sich selber beim Blues Harp spielen mit Footdrums zu begleiten. Ein schönes Erlebnis, wenn die Teilnehmer bemerken, wie viel Musik man selber machen kann.

Besondere Highlights waren dabei für mich eine Ferienpassaktion für Kinder zwischen 7 und 12 Jahren oder auch mein Workshop Blues Harp & Gesang im Rahmen des Austrian Blues Harp Festivals 2019. Es war auch eine außergewöhnliche Erfahrung für mich, als ein blinder Mann mit seiner Frau in meinen Workshop kam. Es war sehr beeindruckend, wie gut er ausschließlich durch das Zuhören in der Lage war, ganze Phrasen sofort nachzuspielen. Er ist ein klasse Blues Harp Spieler und ich konnte erleben, wie gut man auf musikalischer Ebene neue Dinge aufnehmen kann, wenn man sehr gute Ohren hat.

Gibt es auch Dinge, die nicht so funktionieren?

Anfangs war es schwierig, sehr fortgeschrittene Themen zu behandeln. Meine Workshops bestehen immer zu einem Großteil aus Übungen, die die Teilnehmer durchführen. Erst mit der Zeit konnte ich die Übungen so flexibel gestalten, dass sie den Teilnehmern auch auf unterschiedlichen Niveaus Spaß machen und einen Lernerfolg erzielen.

Welche Voraussetzungen sollte man mitbringen, um Mundharmonika im Allgemeinen und Blues-Harp im Speziellen spielen zu können? Ist es von Vorteil, bereits ein anderes Blasinstrument zu beherrschen?

Um es zu können, sollte man zunächst einmal eine gewisse Bereitschaft und Motivation zum Üben mitbringen. Dabei ist die Mundharmonika leider, ebenso wie beim Erlernen aller anderen Instrumente, keine Ausnahme. Andere Blasinstrumente spielen zu können, hilft nicht zwangsläufig. Die Mundharmonika ist zunächst das einzige Blasinstrument, welches gleichermaßen den natürlichen Luftstrom beim Ein- und Ausatmen für die Tonerzeugung gebraucht. Die Lippen haben dabei am Anfang lediglich die Aufgabe, die natürliche Atemluft durch den Kanzellenkörper zu führen, so dass möglichst wenig Luft an den Seiten verloren geht, ganz anders als beispielsweise bei der Trompete.

Beim Erlernen der Blues Harp macht man schon manchmal Dinge mit dem Mund-Rachenraum und gibt Laute von sich die im ersten Augenblick sehr ungewohnt sind. Daher sind die besten Voraussetzungen ganz viel Lust aufs Blues Harp spielen zu haben und dass einem auf dem Weg dahin auch nichts peinlich oder unangenehm ist. Man sollte einfach offen sein für Neues.  

Bei einem Konzert hattest du mal ein ganzes Köfferchen mit bestimmt fünf bis zehn verschiedenen Harps dabei. Mich würde interessieren, ob das so die Grundausstattung ist, wie sich die Instrumente unterscheiden, auch in der Bespielbarkeit, und wofür sich welche Harp am besten eignet?

Zunächst einmal spiele ich bis auf wenige Ausnahmen ausschließlich Diatonische (10 Loch) Mundharmonikas. Dieses Instrument ist in einer bestimmten Tonart gestimmt. Um wirklich bei allen möglichen Tonarten, in denen ein Song gespielt werden kann, auch die passende Harp dabei zu haben, hast du schonmal zwölf Stück im Koffer. Natürlich kommen Songs in bestimmten Tonarten äußerst selten vor. Grundsätzlich gibt es eine große Auswahl an Herstellern und Modellen und so findet eigentlich jeder über die Zeit bestimmte Modelle, die einem persönlich am besten liegen und gefallen.

Dadurch, dass jeder Mensch individuelle und einzigartige anatomische Voraussetzung im Mund-, Rachen-, und Kehlkopfraum mitbringt, muss die Entscheidung zu einem Modell jeder für sich treffen. Für mich sind dies Seydel 1847 mit Holz- oder Kunststoffkörper und ich bin sehr dankbar, dass ich mittlerweile als Seydel Endorser unterwegs sein darf.

Wie findet man als noch nicht so versierter und erfahrener Spieler das richtige Instrument?

Bei vielen günstigen Standard Blues Harps, ist es aus meiner Erfahrung in etwa wie mit den Überraschungseiern. Unter sieben Blues Harps ist eine wirklich außergewöhnlich gut, eine die irgendwie nicht so will und der Rest ist ganz ok. Die eigentlichen kontrollierbaren Unterschiede in der Bespielbarkeit bei unterschiedlichen Techniken kommen erst durch das Customizen der Blues Harps mit ins Spiel.

Was ist damit gemeint, kannst du das bitte näher erklären?

Ähnlich wie bei Gitarren die Seitenlage etc. auf das eigene Spiel eingestellt wird, wird bei der Mundharmonika der Löseabstand der Stimmzungen eingestellt, so dass die Blues Harp möglichst schnell schon mit wenig Luft einen sauberen Ton erzeugt, aber im Gegensatz dazu auch bei viel Luft und intensivem lauten Spiel die Stimmzunge nicht eingeklemmt wird. In meinem Harp Case gibt es daher über die unterschiedlichen Tonarten hinaus, unterschiedliche eingestellte Harps gleicher Tonart. So kann ich auch je nach meiner aktuellen Gemütslage entscheiden welche Harp die richtige für den Augenblick ist. Mittlerweile sind es wohl eher um die 70 Harps die und es werden ständig mehr.

Schaut man sich alte Konzertfilme von Rock und Blues-Rock-Bands an, sieht man Harp-Spieler meist mit einem Extra-Mikrofon, das von einem Tuch abgedeckt ist. Ist der Harp-Spieler gleichzeitig Sänger, hantiert er mit zwei Mikrofonen. Magic Dick von der J. Geils Band hatte zeitweilig einen markant harten Stil und Sound, solierte auf der Bühne auf teils so furiose Art und Weise, dass jemand mit weniger geübten Ohren das Harp-Spiel fast schon mit dem eines Saxofonisten verwechseln konnte, der gerade in höherer Tonlage ein Rock´n´Roll-Solo vom Stapel lässt. Kannst du sagen, wie man das hinbekommt? respektive welche technische Peripherie, wie etwa Mikro, Effektgeräte oder Verstärker vorhanden sein sollte? Was benutzt du an Equipment?

Zunächst mal hat auch die kleine Blues Harp drei komplette chromatische Oktaven an Tonumfang zur Verfügung. Es ist nur leider üblich, dass sich viele im Blues ausschließlich auf das Spiel in 2. Position fokussieren und dabei dann auch nur in einer Oktave zwischen Loch 2 und 6 unterwegs sind. Dort befindet sich die Bluesskala in ihrer ursprünglichen Lage mit allen Bendings und Bluenotes und man kann schnell auf jeder Session mitmachen und Spaß haben. Die gleiche Skala verbirgt sich noch einmal zwischen den Löchern 6 bis 9. Also steht eigentlich solchen Soli wie von Magic Dick nichts im Wege.

Das Hindernis für viele ist, sich mit der dort anders angeordneten Abfolge der Töne anzufreunden und natürlich, dass dort auch Overblows und Draws notwending sind, um die exakt gleichen Töne zu spielen. Daher bleiben viele einfach zwischen Loch 2 und 6. Es gibt viele weitere gute Gründe, warum gerade die obere Okatave bspw. für Blues in erster Position spannend ist, aber dazu möchte ich lieber alle Interessierten in meine Workshops einladen ansonsten langweile ich noch den Rest der Leser.

Welche technische Peripherie –vor allem auf der Bühne- sollte vorhanden sein? Ich denke da an Mikrofon, Verstärker oder auch Effektgeräte. Was benutzt du an Equipment?

Die Blues Harp kann ganz unterschiedlich mikrofoniert werden. Möchte man einen akustischen Sound im country-typischen Stil, eventuell mit dem Hand- Wah-Wah- Effekt, ist ein gutes Gesangsmikrofon völlig ausreichend.

Die Jagd nach dem perfekten vintage Röhrensound des Chicago Blues ist in etwa wie die Jagd nach dem heiligen Gral. Der Fender Bassmann oder die HarMaster Amps werden in diesem Zusammenhang immer wieder als DIE Amps genannt, aber zurzeit spiele ich etwas unüblich über einen 100Watt Marshall Amp und benutze dabei mein restauriertes Shure ElectroVoice 605 aus den 50er Jahren. Es gibt mittlerweile auch viele gute Effektpedale für Blues Harp, die wirklich Spaß machen, aber die Basiselemente in dieser Kategorie sind ein Röhrenamp und ein geeignetes High Impedanz Mikrofon.

Was planst du für dich persönlich und mit den Juke Joint Bastards in näherer und mittlerer Zukunft?

Ich persönlich werde in Kürze eine Reihe von Blues Harp Lernvideos auf Youtube veröffentlichen. Mit dem Ziel, mehr Menschen auf diesem Weg für das Blues Harp spielen zu begeistern, mit einem Video in dem zunächst die Blues Harp als Instrument vorgestellt wird, wird es bald losgehen. Anschließend werden in bestimmten Abständen unterschiedliche Themen behandelt.

Mit den Juke Joint Bastards wollen wir möglichst bald die Arbeiten an der ersten eigenen CD abschließen und damit auf Tour gehen. Realistisch ist Anfang 2021. Natürlich in der Hoffnung, dass man eine Tour, so wie es sich gehört, auch ohne Risiko bis dahin wieder durchführen darf und kann. Dann folgt das Cover Foto im Rolling Stone Magazin usw.

Da wünsche ich dir und der Band viel Erfolg und vielen Dank für deine Zeit und das Interview.

Vielen Dank für die spannenden Fragen. Ich hätte ohne Probleme noch viel mehr erzählen können (schmunzelt)


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