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Sängerin und Vocalcoach Christine Zienc-Tomczak macht sich Gedanken über den Wert von Musik, Hut-Konzerte und Angebote für nicht bezahlte Auftritte.

Was ist uns die Musik wert?

Gedanken dazu von Christine Zienc-Tomczak

18.05.2020, Von: Christine Zienc-Tomczak, Foto(s): Angela Wulf

Bands, Musikerinnen und Musiker kennen viele Auftrittsangebote, die damit werben, dass man sich „präsentieren dürfe“, man als Veranstalter jungen Künstlerinnen und Künstlern eine Bühne bieten möchte, aber „natürlich“ keine Gage zahlen oder sonstige Kosten übernehmen könne. Oft wird zu diesen Anlässen auch kein Eintritt vom erwarteten Publikum genommen. Der Begriff „niedrigschwelliger Zugang zu Kultur“ wird strapaziert. Wie sollen aber qualitativ hochwertig und auch professionell auftretende Künstlerinnen und Künstler ihre Kosten decken, geschweige denn, Geld verdienen? Die Sängerin, Songschreiberin und Gesangslehrerin Christine Zienc-Tomczak hat sich dazu Gedanken gemacht.

Die Frage, was uns die Musik wert ist, begleitet mich nun schon eine sehr lange Zeit und war noch vor Covid-19 und dem Shutdown ein für mich höchst relevantes Thema: Der gesellschaftliche Wert von Musik und Kultur im Allgemeinen.

Ich bin Sängerin. Ich habe diese Leidenschaft – wie man so schön sagt – zu meinem Beruf gemacht und bestreite meinen Lebensunterhalt durch Konzertauftritte und musikpädagogische Bildungsangebote.

Ich kann gar nicht sagen, wie oft ich mich schon in der Situation befand entscheiden zu müssen, ob ich den angebotenen Gig ohne Aussicht auf Gage spiele oder auf die Chance, mich live präsentieren zu können, verzichte. Wie oft ich schon teils entrüstete Absagen bekam, weil die von mir geforderte Gage, für die ein Handwerker vermutlich nicht das Haus verlassen und ein Anwalt nur müde gähnen würde, viel zu hoch wäre.

Es ist sicher gut gemeint, dieses Angebot vieler Veranstalter*innen und Institutionen, eine Bühne für all die vielen Musiker*innen anzubieten. In den kleinen Kneipen, in Biergärten, Parkanlagen, auf Märkten, zu allerlei Anlässen. Da gibt es also diese tolle Idee: Es naht ein Feiertag, es soll schönes Wetter werden. Wieso nicht den Platz im Hinterhof oder im Schlosspark nutzen, die spielfreudigen Musiker*innen einladen und allen, Künstler*innen wie auch potenziellem Publikum den Tag so richtig schmackhaft machen? Die Livemusik soll – wie stets - für gute Laune und Kurzweil sorgen. Man möchte den Besucher*innen etwas bieten. Das schmückt und macht ein Fest erst vollkommen.

„Leider können wir keine Gage zahlen“

Kommet zu Hauf ihr Musiker! Man freut sich als Musiker*in zunächst. Aber! Dann kommt der Satz, den man in dieser Branche fast täglich hört. Er beginnt in der Regel mit einem „Leider“. „Leider können wir keine Gage zahlen...“. Die Gründe hierfür sind oft nicht genau benennbar. Oft heißt es dann von Veranstalterseite, dass man ja selbst unter schlechten Bedingungen arbeiten muss (was ich in den meisten Fällen auch glaube) oder man bekommt zu hören, dass den Künstler*innen ja eine Bühne geboten würde, sie also froh sein können, dass sie überhaupt mal raus dürfen.

 Das stets gleiche Prinzip und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit findet sich jemand, der den Job für lau macht. So entsteht die Situation und wird besonders jetzt – in Zeiten eines Shutdown, in Zeiten von erteilten Berufsverboten – deutlicher denn je, dass ein Gros der Kulturschaffenden regelmäßig und teils haarscharf am finanziellen Abgrund entlang schlittern. Sklaven eines Systems, in dem die ständige Begleiterin die Existenzangst ist und dazu verleitet, Jobs anzunehmen, die teils würdelos anmuten.

Historisch gewachsenes Phänomen

Ich trage also diese Frage mit mir herum – was ist uns die Musik wert? – und suche zu ergründen, wie es zu diesen offensichtlichen Missständen kommen konnte.

Ich denke, es ist vor allem auch ein historisch gewachsenes Phänomen. Musiker im Mittelalter gehörten von je her zum Gauklervolk, waren auf die Milde und Spenderlaune der Dorfbewohner oder, wenn es besser lief, auf die eines Fürsten an irgendeinem Hof angewiesen. Im Gegensatz dazu hatte beispielsweise das Handwerk schon immer ganz andere Voraussetzungen. Schmiede seien genannt. Sie waren angesehene, gestandene Männer im Dorf. Fast Helden. Jeder der etwas vom Schmied verlangte wusste, dass er dafür zu bezahlen hatte. 

Vielleicht liegt es daran, dass Musiker*innen sich zu schnell, zu oft und mit zu viel Leidenschaft in der Öffentlichkeit präsentierten und dies ja auch heute noch tun. So hört man es zumindest immer mal wieder.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Musik scheinbar keinen direkten Nutzen hat außer der Kurzweil, die Schaffung eines Momentes der guten Laune und des Glücks. Angesehene Barden – Dichter und Sänger in der Zeit der Antike bis in die Neuzeit – hatten jedoch die Aufgabe, durch ihre gesungenen Geschichten einen Fürsten beim Volk gut dastehen zu lassen. Dafür genossen sie als Gast an seinem Hofe jedwede Annehmlichkeit. Auch verkündeten sie auf ihren Reisen, im Auftrag ihrer Mäzene, Recht und Ordnung im Land und sangen von Heldentaten tollkühner Ritter. Dies war jedoch nur wenigen Auserwählten bestimmt. Sie waren wie Sterne, wie Diener Gottes. Man sagte auch, sie trügen den Funken Gottes in sich.

„Ich mache es oder ich lasse es“

Ein Dachdecker hingegen war immer nur ein Dachdecker. Sicher gab und gibt es besonders gute. Diese bekommen dann die besonders guten Jobs. Aber auch die weniger schillernden Dachdecker verlangen ihren Obolus für ihre Arbeit.

Wenn ich heute bei einem Maler anfrage ob er Lust hätte, in den Sommerferien bei schönem Wetter und einem Kaltgetränk mein Gartenhäuschen zu streichen und ihm sage, dass ich ihm leider keine Gage geben könnte, dafür aber ein paar Gäste einlade (besser noch wäre es, wenn er selbst für Publikum sorgen könnte) und ich einen Hut aufstelle für die Hutgage, nun ich denke, ich werde mein Gartenhäuschen selbst streichen müssen und darf mir eventuell noch die Frage anhören, ob ich den Schuss nicht gehört hätte.

Ich selbst habe schon Hutkonzerte organisiert und veranstaltet. Ich bin Teil des Systems und kann mich den etablierten Gesetzen nur selten entziehen. Man wankt zwischen „ich mache es oder ich lasse es.“

Hutkonzerte sind per se auch nicht schlecht. Im richtigen Kontext und gut umgesetzt kann man als Künstler*in eine sehr gute Gage durch solche Konzerte bekommen. Als Beispiel möchte ich das Kanapee hier in Hannover nennen. Dort habe ich schon tolle Hutkonzerte gegeben und eine wirklich gute Gage erhalten. Aber dort hat der Veranstalter auch ein sehr gut funktionierendes Konzept entwickelt.

Ich selbst habe aber als Künstlerin auch schon für nicht mehr als den Applaus gespielt. Weil ich die Bühne nutzen wollte, weil ich dachte, für Geld lässt mich da ohnehin niemand spielen und wie soll ich mich sonst als Musikerin mit meiner eigenen Musik in der Öffentlichkeit präsentieren können?

Knöpfe und Cent-Stücke im Hut 

Auch habe ich schon Hutkonzerte gespielt, nach denen ich meinen Mitstreiter*innen, die extra aus Berlin oder von sonst woher angereist kamen, meine lächerliche Gage von 10€ überlassen habe, weil der Veranstalter viel zu viele Künstler*innen auf die Bühne geholt hatte, weil er nicht für Publikum gesorgt hatte, es ihm auch egal war und die wenigen Gäste die da waren teils Knöpfe, Centstücke oder dänische Kronen in den Hut warfen. Manche Veranstalter lassen die Musiker*innen sogar dafür bezahlen, dass man auf ihren Bühnen spielen darf.

Ich liebe meinen Beruf. Ich liebe die Musik. Ich möchte meinen, ich trage den Funken Gottes in mir. Es ist nur einfach so, dass das in diesem Business kaum jemanden interessiert und wie in alten Zeiten bleibt es nur wenigen Auserwählten vorbehalten, finanziell auf der sicheren Seite zu stehen und fragwürdige Angebote sogleich ablehnen zu können.

Musik-und Kulturbranche als relevanter Wirtschaftsfaktor

Doch die Musik- und Kulturbranche kann heute mehr denn je als ein höchst relevanter Wirtschaftsfaktor gesehen werden. Musik und musikalische Bildung ist nicht mehr nur ein bloßer Zeitvertreib, ein glücksbringender Moment im Leben vieler. Das war tatsächlich noch nie die ausschließliche Aufgabe von Musik.

Was Musiker*innen und Musikpädagog*innen tun ist systemrelevant auf vielerlei Ebenen: Wirtschaft – Kultur – Therapie – Gesundheit – Bildung –  Freizeit.

Musik ist ein sehr kostbares Gut, durch welches wir die Möglichkeit erhalten verstehen zu können, wer wir sind, woher wir kommen und was unser Weg sein kann. Nach dem gesellschaftlichen Wert von Musik zu fragen bedeutet für mich demnach auch, danach zu fragen wie wir uns als Gesellschaft, mehr noch, als Menschen, weiterhin entwickeln wollen.

Hierbei sollte es deshalb nicht um Schuldzuweisung gehen, sondern um die Suche nach sinnvollen und nachhaltigen Konzepten, mit Hilfe derer wir diese Abwärtsspirale prekärer Arbeitsverhältnisse in Kunst und Kultur stoppen können.


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