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"In lachende Gesichter im Publikumzu schauen ist die allertollste Bestätigung für uns", sagt Madsen-Drummer Sascha Madsen.

„Gemeinschafts-Glücks-Heulen“

Sascha Madsen im Interview

04.04.2020, Von: Lisa Eimermacher, Foto(s): Dennis Dirksen

Seit dem Jahr 2004 ist die Indie-Rockband Madsen aus dem Wendland deutschlandweit unterwegs. Anlässlich des für den 3. April geplanten Hannover-Konzerts, haben wir am 9. März, als die Entwicklung der „Corona-Situation“ noch nicht absehbar war, mit Madsen-Drummer Sascha Madsen ein Interview geführt. Wir sprachen über den heutigen Stellenwert ihres Debütalbums „Die Perfektion“, ihre Verbindung zur Tour-Special-Guest-Band Nada Surf und die Überwindung von Angst, und warum es so wichtig ist, Ängste und Panikattacken zu destigmatisieren. Das für den 3. April geplante Konzert von Madsen in der Swiss Life Hall in Hannover ist mittlerweile auf den 15. Januar 2021 verlegt worden.

Rockszene.de: Eure aktuelle Tour heißt „Die Perfektion Tour“. Vor allem mit dem Titel konntet ihr euch vor zirka 15 Jahren in die Herzen der Fans spielen. Erzähl mal bitte, welchen Stellenwert dieser Song und euer Debüt heute noch haben? Bekommt man nach so vielen Jahren einen anderen Blickwinkel auf die Songs?

Sascha Madsen: Vielleicht hatte man das zwischendurch. Aber wir wollten eigentlich wieder zurück zu diesem Gefühl, was wir vor 16 Jahren hatten, als wir das Album aufgenommen haben.

Was war das für ein Gefühl?

Das war geil! Da waren wir so Anfang 20 und sind halt da so „durchgeflogen“ (lacht). Das war natürlich alles wahnsinnig schnell und es ist wahnsinnig viel passiert für so junge Menschen. Aber wir hatten zum einen immer nur coole Leute an unserer Seite und wir waren uns auch immer ganz sicher mit dem, was wir da machen. Wir haben gebrannt. Wir waren total davon überzeugt, was wir machen, ohne dass wir uns selber völlig überschätzt haben oder überheblich gewesen wären. Ein bisschen Selbstkritik gehört auch immer dazu. Aber man darf sich dann im Studio auch mal kurz abfeiern, wenn man denkt: "Oh geil, das ist es!", solange man danach dann gleich wieder weiterarbeitet (lacht). Man kann natürlich alles in Frage stellen und nochmal zerreden und alles verändern, um dann doch wieder zur Ursprungsvariante zurück zu kommen.

Unser Debüt haben wir in zehn Tagen aufgenommen. Ich glaube, wir haben in der Zeit 13 Lieder aufgenommen. Da blieb gar nicht viel Zeit, um die Sachen zu zerreden. - Was aber genau richtig war in dem Moment. Wir sind da so unbefangen und unverkopft rangegangen. Genau dieses Gefühl fanden wir so gut.

Dann haben wir überlegt, eine Jubiläumstour zu machen, bei der wir alte und neue Sachen und auch länger spielen wollen. Wir wollen Songs aus dem aktuellen Album spielen. Da haben wir nach einem Namen für die Tour gesucht. Das Lied „Die Perfektion“ wird 15 Jahre alt, das passt wie Arsch auf Eimer. Deshalb haben wir die Tour danach benannt.

Bei der kommenden Tour werdet ihr von Nada Surf als Support unterstützt. - Wie ist das zustande gekommen? (Anm. d. Red.: Ob Nada Surf auch beim neu angesetzten Tourterin am 15. Januar 2021 dabei sein können, ist noch offen).

Ja, krass oder?! Naja, wir haben all unseren Mut zusammen genommen und einfach gefragt, weil wir ganz egoistisch gesehen Bock hatten, mit einer Band spielen wollen, die wir seit den Anfangszeiten - bevor es uns überhaupt gab – selber gehört haben und die wir bewundern. Da sind wir unsere Favoriten durchgegangen und Nada Surf stand ganz oben auf der Liste.

Das Album „The Proximity Effect“ war damals eine Zeit lang unsere Bibel. Vor ein paar Jahren haben wir die Band beim Donauinselfest in Wien auch kennengelernt. Da haben sie nach uns gespielt. Der Abend hat dann so geendet, dass wir im Regen Arm in Arm standen und bis in die Morgenstunden Beatles-Songs gesungen und uns unsere Liebe geschworen haben. Da ist der Plan entstanden, dass wir unbedingt mal was machen müssen.

Wir zahlen denen auch was, wir kratzen alles zusammen, was wir haben, und fragen sie, ob sie unser Support sein können und möchten. Die haben sofort ja gesagt und sich total gefreut. Sie haben sich eine eigene Tour um unsere gemeinsamen Konzerte herum gebaut und es passt einfach. Wir konnten unser Glück kaum fassen. Das ist einfach geil!

Darüber dürften sich auch die Fans freuen. Viele dürften sie schon kennen. Und die Jüngeren entdecken sie dann vielleicht.

Genau, das ist der positive Nebeneffekt. Abgesehen davon, dass wir eine Band mitnehmen, die wir geil finden (lacht).

Sebastian hat auch bei eurem Konzert im Capitol auf der „Lichtjahre“-Tour offen über seine Panikattacken und Ängste gesprochen, die er auch auf dem Album „Lichtjahre“ verarbeitet hat. Das Thema ist ja immer noch recht stigmatisiert und niemand redet gerne darüber.

Man denkt ja, es stimmt etwas nicht mit einem oder man macht etwas wahnsinnig falsch oder man ist ein Weichei, weil man Angst hat. Das darf man überhaupt nicht stigmatisieren. Es ist einfach wirklich ein Problem, das man anpacken muss.

Das betrifft ja auch viele Leute.

Ja, Sebastian war auch erstaunt. Das war so fast sein letzter Ausweg. Das ist kein Quatsch mit den Panikattacken. Wir wussten auch eine Zeit lang nicht, wie das so weitergehen kann mit ihm. Das war schon ernst.

Dann hat er angefangen, mit Leuten darüber zu reden. Teilweise auch mit Leuten, bei denen ich überrascht war, dass er mit denen darüber geredet hat. Ganz oft hat sich aufgetan, dass er längst nicht der einzige damit ist. Ganz viele haben gesagt, dass sie das kennen, weil sie es selber durchgemacht haben oder aktuell noch erleben. Gemeinsam haben sie dann überlegt, was sie machen können, damit es besser wird.

Hat er es dann durch die Gespräche geschafft oder ist er zusätzlich noch in Therapie gegangen?

Nein, seine Therapie waren die Gespräche und darüber zu schreiben. „Wenn es einfach passiert“ ist dieses Von-der-Seele-Runterschreiben und Von-den-Bühnen-des-Landes-Runterschreien. Das hat wahnsinnig geholfen und die Reaktion, die zurück kam. - Sei es von Leuten, die ihm auf instagram geschrieben haben, oder von befreundeten Bands.

Er bekommt jetzt keine zitternden Knie mehr, wenn er daran denkt, auf die Bühne gehen zu müssen.

Die Angst vor der Bühne hatte er nicht schon immer?

Das kam einfach irgendwann. Das war der lästige Kopf: „Was ist, wenn meine Stimme weg ist? Was ist, wenn die Gitarre nicht funktioniert? Was ist, wenn die Band auf einmal nicht mehr da ist und ich da alleine stehe?“ - Das ist dieser Todeskreislauf, in den man sich hineindenkt und aus dem man so leicht nicht mehr rauskommt.

Gerade bei erfolgreichen Bands denken bestimmt viele: „Was haben die denn für einen Grund, Angst zu haben? Denen geht’s doch gut“. Was habt ihr da für Erfahrungen gemacht? Wieso ist es so wichtig, darüber zu sprechen?

Klar, gibt es auf jeden Fall Leute, die sagen: „Was will DER denn? Der macht das doch seit 15 Jahren.“Das gibt es sicher auch, aber die sind nicht an uns rangetreten. Das haben wir nie gehört. Es war wirklich Verständnis da von allen Seiten. Wir haben es ja auch immer geschafft. Wir haben deshalb nie ein Konzert absagen müssen. Aber im Nachhinein kann ich ganz ehrlich sagen, dass das teilweise verdammt knapp war.

Weil wir Familie sind und Leute dabei haben, die wir kennen, bevor es Madsen gibt, greift da so eine Kette. Wenn man die Angst hat, kann man das Gefühl in einem Gespräch manchmal nicht in Worte fassen. Da hat uns das Lied „Wenn es einfach passiert“ geholfen, ihn richtig zu verstehen und damit richtig umzugehen. Weil er so viel Rückhalt bekommen hat, funktioniert das jetzt auch wieder.

Bei der Show habt ihr auch Stellung genommen gegen Rassismus. Stichwort Hanau etc. - Warum sollte man auch oder gerade als Band sich zu sowas klar positionieren?

Einfach, weil es wichtig ist. Es wird immer wieder wichtiger, weil eben sowas passiert wie in Thüringen, wo die FDP sich einfach instrumentalisieren lässt von den Idioten. Es hat ja zum Glück doch nicht hingehauen, aber das ist schon alles echt zum Haareraufen. Oder natürlich Hanau. Oder diese Leute von der AfD, die die Politik und das Land vergiften. Darauf muss man einfach aufmerksam machen. Jetzt haben wir noch die Möglichkeit, dagegen zu wirken.

Wir glauben nicht, dass AfD-Wähler auf ein Madsen-Konzert gehen, weil wir es von Anfang an klar machen, auf welcher Seite wir politisch stehen. Trotzdem ist es wichtig, bei jeder Möglichkeit darauf aufmerksam zu machen. Man darf dabei auch nicht unglaubwürdig werden, aber es muss immer im Hinterkopf sein, dass da was passiert und brodelt, was man jetzt immer noch ändern kann.

Was ist als nächstes geplant, nach der Tour wieder ins Studio oder schreibt ihr auch auf Tour?

Nach der Tour spielen wir ein paar Festivals und dann nehmen wir ein neues Album auf. Wenn wir auf Tour sind, liegt unser Fokus nur auf der Tour. Klar, wenn die Idee kommt, dann kommt sie. Aber meistens ist der Kopf so voll mit Konzerten, dass da gar kein Platz mehr ist. Sebastian hat auf seinem Handy die Notizen und Sprachaufnahmen voll mit Ideen. Das kramt er nach der Tour raus, geht mit frischem Kopf daran oder wir treffen uns im Proberaum.

Es liegen jetzt auch noch Ideen auf Halde, die wir aber kaum vor der Tour schaffen werden, aufzunehmen oder zu erarbeiten. Das wird alles nach der Tour passieren. Wir mussten lernen, wahnsinnig zu entschleunigen, nicht zu allen Anfragen ja zu sagen und dass wir nicht alle zwei Jahre ein Album rausballern können. Man muss sich auch mal eine Auszeit gönnen, um wieder auf neue Ideen und zur Ruhe zu kommen.

Das letzte Mal seid ihr in Hannover im Capitol aufgetreten, auf der kommenden Tour tretet ihr in der Swiss Life Hall auf. Die Hallen werden immer größer. Wie ist eure Verbindung zu Hannover?

Es ist ja nicht weit von unserer Heimat. Wir sind früher zu PPC Music und haben uns Musiksachen gekauft oder zu Konzerten nach Hannover gefahren. Mit unserer Vorgängerband Hoerstuatz haben wir da ziemlich lang und aufwändig ein Album aufgenommen, was aber nie rausgekommen ist. Unser sagenumwobenes „Schwarzes Album“ (lacht).

Warum ist das nicht rausgekommen?

Die damalige Plattenfirma, bei der wir unter Vertrag waren, ist Pleite gegangen. Das war damals echt bitter und enttäuschend. Ich war zur Zeit der Albumaufnahmen 16 Jahre alt. Wenn das nicht passiert wäre, würde es Madsen definitiv nicht geben. Von daher sind wir ganz dankbar, dass das so gekommen ist. Es war eine harte Schule und wir waren damals sehr viel vorsichtiger, auf wen wir uns einlassen und was wir so unterschreiben.

Schön, dass es euch noch gibt. Ihr habt ja auch so eine Langlebigkeit und eine enge Verbindung zu euren Fans, was man auch bei euren Live-Shows sieht.

Ja, finde ich auch. Während des Konzerts nimmt man das ja selber gar nicht so wirklich wahr. Als wir das Videomaterial unseres Live-Albums „Lichtjahre“ zu sichten bekommen haben, war es echt toll, sich das anzugucken. Weil man fast nur lachende Gesichter sieht. Bei den traurigen Liedern rollt auch mal eine Träne, aber es ist trotzdem niemand traurig. Sondern es ist eher so ein Gemeinschafts-Glücks-Heulen und eine Euphorie. Das ist das Allerwichtigste für uns. Das ist die allertollste Bestätigung für uns, dass wir da auf einem guten Weg sind und so weiter machen.


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