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Damnation Defaced mit Sänger Philipp Bischoff waren Headliner auf der 30666 Metalstage auf der Fête de la Musique in Hannover.

Den Untergrund auf die Straße bringen

Die 30666 Metal Stage auf der Fête de la Musique

25.06.2019, Von: Heiko Mohr, Foto(s): Heiko Mohr

Nach dem Erfolg im letzten Jahr wurde anlässlich der Fête de la Musique 2019 in Hannover die 30666 Metal Stage erneut geöffnet. Schauplatz war das Areal rund um das Schillerdenkmal auf der Georgstraße. Die Interessengruppe 30666, die sich regelmäßig in der hannoverschen Nordstadt zum Metal-Stammtisch trifft und sich mittlerweile zum e.V. gemausert hat, konnte dieses Jahr noch eine Schippe drauflegen und hatte musikalisch sowie organisatorisch einiges zu bieten. Wir sprachen unter anderem mit dem Vorsitzenden des Vereins 30666 City of Metal Hendrik Deutsch und haben uns vor Ort einen Überblick verschafft.

Es ist Punkt 15 Uhr und die Sonne gibt an diesem Freitagnachmittag ihr bestes. Wir befinden uns an der 30666 Metal Stage der Fête de la Musique mitten in Hannovers Innenstadt, als die erste Band des Tages gut gelaunt mit ihrem ersten Song startet. Sleeping Well, die oftmals geschminkt, mit Axt-Bass und Kunstblut auftritt, kommt am heutigen Freitag ungeschminkt. Ihre Musik ist an alte 80er-Jahre Metal-Ikonen wie Iron Maiden angelegt, bringt aber auch gerne mal modernen Metal mit ein.

Muppet, der Sänger der Band erklärt uns, dass sie sich bei diesem warmen Wetter gegen die Kriegsbemalung entschieden haben. Auf unsere Frage, ob sie es als undankbar empfinden als erste Band des Tages zu spielen, verneint Muppet sofort. Sie freuen sich, dass sie vor so einem gemischten Publikum und auf einer so schönen und gut besuchten Bühne spielen können. Weiter erklärt uns Muppet, dass Ende 2019 noch eine weitere EP geplant ist und das sie sich auf alles freuen, was noch kommt.

Das Publikum nimmt die thematisch auf harte Gitarrenklänge spezialisierte Bühne dankend an. Es befinden sich sowohl Banker im Maßanzug und mit Unterlagen für den nächsten Kundentermin unter dem Arm, als auch die klassischen Kuttenträger im Publikum. Eines wird hier schnell klar – 30666 bringt die Szene auf die Straße. Das schöne Wetter und nicht zuletzt die Gummieinhörner, die wie Galionsfiguren auf beiden Fronten der Bühne prangen, versprechen ein hartes aber freundliches Programm.

Vorschau Bild 1Vorschau Bild 2Vorschau Bild 3Fotostrecke (5 Bilder) -Foto(s): Heiko Mohr

Als zweite Band starten nun Ember Sea mit ihrem Set. Eine Mischung aus Alternative-Metal mit Synthesizer-Klängen schallt durch die immer voller werdende Fußgängerzone am Schillerdenkmal. Eva Gerland verleiht mit ihren cleanen Vocals der Musik eine frische und massenverträgliche Nuance und so bleiben immer mehr interessierte Besucher an der Bühne hängen. Es ist mittlerweile 16.30 Uhr und es füllt sich vor der Bühne langsam aber sicher immer mehr. Nach Eva Gerland´s Instruktion, wie man den folgenden Song „We Are The One“ vom kommenden Album mitsingt, stimmen alle mit ein und sorgen so für ein großartiges Miteinander und eine tolle Zeit, sowohl für das Publikum als auch für die Band.

Die Sonne brennt und die Musik wird härter

Pünktlich um 17 Uhr legen As You Left los und schmeißen noch mehr Kohle ins Feuer. Das Publikum ändert sich langsam. Bandshirts, Kutten und lange Haare werden mehr, die Banker haben Feierabend. As You Left, die sich 2013 in Hannover gegründet haben, spielen ihre Version von modernem Metal mit Metalcore-Einflüssen. Sängerin Elena Cor Tauri haut ordentliche Growls und Screams raus, die so kraftvoll sind, wie das Instrumentale dahinter. Hier und da ein Breakdown und es entwickelt sich sogar schon ein kleiner Circle Pit. Das Ganze nimmt Fahrt auf. Einige Besucher, die sich sonst nicht mit der Materie auskennen, sind verwirrt. Die Tatsache, dass Frauen growlen können und mit Janine Lettmann am Bass gleich zwei Positionen der Band weiblich besetzt sind, erntet Verwunderung und Begeisterung zugleich.

Nach einer Ansage Elenas bezüglich Gleichheit und Intoleranz, weht eine große Regenbogenflagge auf der Bühne und es wird mit Blastbeat und den Fäusten nach oben Toleranz gefeiert. Schön, das As You Left die Möglichkeit haben, sich dem breiteren Publikum vorzustellen. Es wäre sicher wünschenswert, wenn dieser Auftritt viele Frauen ermutigen würde, sich ebenfalls zuzutrauen, in einer Metalband shouten zu können.

Kyonic betritt nun die Bühne und geht mit Progressive Metal einen weiteren Schritt nach vorne. „Neuartig, anders, mitreißend“ steht auf ihrer Facebook-Seite und genau das sind sie auch. Die 2015 gegründete Band aus Braunschweig, hat ihre Wurzeln bei Bands wie Metallica, Trivium oder Dream Theater. Daraus wird eine frische und zeitgemäße Mischung angerührt und die Live-Performance macht den Besuchern sichtlich Spaß. Die Gitarristen zeigen eine wahnsinnige Fingerarbeit, Flying-Fingers-Kyonic. Einige Eltern sind mit ihren Kindern vor Ort. Man kann beobachten, wie Papa mit den Kindern Karussell spielt und sie fliegen lässt, während die Kinder Zeuge ihrer eigenen musikalischen Prägung werden, ohne es zu merken. Natürlich haben die Kleinen einen Gehörschutz auf, den man sich kostenfrei am 30666 Info-/ Merchstand abholen kann. Ein guter Service mit Hinblick auf ein gemischtes, aber interessiertes Publikum.

Technische Hintergründe und der nächste Gang

Die nächste Umbaupause bietet die Gelegenheit, ein paar Wörter mit Murray Webster zu wechseln, der für den Ton am FOH-Pult zuständig ist. Mr. Webster, gebürtiger Schotte, ist bereits seit morgens um 9 Uhr an seinem Pult und sorgt dafür, dass die Bühne gut ausgepegelt ist, die Bands auch auf der Bühne einen guten Monitor-Sound haben und gleichzeitig die Musik nicht zu laut durch die Stadt dröhnt. Murray musste den Sound der Bühne limitieren und einen gleichmäßigen Sound finden, der allen Beteiligten gefällt. Das hat er geschafft.

Die Beschallung ist etwas von der Innenstadt weggerichtet um die anderen, leiseren Bühnen nicht zu stören. „Der Sound der Bands ist durchweg relativ ähnlich, außer das die Klangfarben der Gitarren sich von Band zu Band unterscheiden und hin und wieder mal ein Synthesizer oder Samplebegleitung dazukommt. Ansonsten bekommt jede Band einen Linecheck und es wird ein kleiner Teil des ersten Songs der Bands angespielt. Für einen ausgiebigeren Soundcheck für jede einzelne Band, bleibt bei diesem vollgepackten Programm keine Zeit“, erklärt Murray, der sonst Hausmischer im LUX ist.

Die Umbaupause ist vorbei und es wird nun der nächste Gang serviert. Das Publikum hat sich mittlerweile noch einmal neu aufgestellt und noch viele Menschen bleiben stehen und haben sichtlich Spaß. Von einigen würde man das auf den ersten Blick nicht unbedingt erwarten. Respekt dafür, denn es spielt gerade Zombie Riot aus Hannover. Lupenreiner Oldschool-Deathmetal wird geboten und man bekommt das Gefühl, dass Napalm Death in Hannovers Fußgängerzone spielen. Nicht zuletzt, weil eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Napalm Death´s Sänger Barney und Zombie Riot´s Sänger Matze besteht.

Ob Matze das gerne hört ist unbekannt, aber der Vergleich liegt so nahe, dass es hier erwähnt werden muss. Das Publikum nimmt es dankend an, was an den ersten drei Reihen vor der Bühne unschwer erkennbar ist. Die Headbanger-Propeller kommen während der folgenden vier Songs nicht zur Ruhe und das düstere, aber sonnenverwöhnte Publikum brüllt der Band ihre eigenen Growls entgegen. Viele sehen Zombie Riot nicht zum ersten Mal.

Die Organisation und der Gedanke dahinter

Bevor die letzten drei Bands des Tages loslegen, unterhalten wir uns mit Hendrik Deutsch, der nicht nur als Gitarrist der Bands Tredstone und Scarnival aktiv ist, sondern auch Bildungsreferent für Rock/Pop an der Landesmusikakademie Hannover, sowie Vorsitzender des Metalkollektivs 30666 e.V. ist. „Wir haben das letzte halbe Jahr fast nichts anderes gemacht. Wir sind alle ehrenamtlich involviert und machen das alles nebenbei. Im letzten Jahr gab es das erste Mal eine eigene 30666 Bühne auf der Fete de la Musique und wir haben seitdem viel dazugelernt“, erklärt Hendrik und fügt an:„Der Verein ist gewachsen, es sind viele helfende Hände dazugekommen.“

Hendrik, auch Henna genannt, arbeitet mit dem Verein eng mit der Stadt Hannover zusammen und nach dem Test im letzten Jahr, wurde die Bühne nun in diesem Jahr etwas größer und die Organisation umfangreicher. „Es ist schön zu sehen, dass so viele Menschen vorbeigehen, sich fragen was hier los ist und warum so viele Leute an unserer Bühne sind. Die bleiben dann aber auch interessiert stehen und gucken sich das Programm an. Es ist abstrakt aber massenkompatibel und passt gut in den öffentlichen Raum“, so Henna.

Die ungefähr 40 Bands, die sich über die offizielle Anlaufstelle der Fete de la Musique bewerben konnten, wurden an einem Tag vom Gremium durchgehört und danach das Programm der Bühne festgelegt. Hierbei wurde drauf geachtet, dass es eine interessante und dynamische stilistische Mischung wird, die an die jeweilige Tageszeit und das gemischte Publikum angelegt ist. Auch sollte sich das Programm von dem abheben, was sonst in Hannover läuft und zudem eine gewisse Abwechslung bieten. Es sollte von allem etwas dabei sein.

Mit Damnation Defaced ist sogar ein Headliner dabei, der auf Wacken spielt und ein Höhepunkt des Abends darstellen soll. Der Headliner wurde erst kurz vor dem eigentlichen Veranstaltungstag bekanntgegeben. „Wir wollten nicht einfach ein Metalfestival machen, sondern wir wollten Metal der breiten Masse präsentieren. Da gehört natürlich einiges dazu, um nicht nur Geschrei und Gebretter zu zeigen, sondern auch die etwas seichteren Sachen mit mehr Melodie und Epik“, lässt uns Henna wissen. Interessierte Besucher können direkt vor Ort dem Verein beitreten. Alle die an diesem Tag nicht dabei waren, sich aber trotzdem für die Metalkultur engagieren wollen, können den Verein auf Facebook finden und Henna anschreiben.

Das letzte Drittel beginnt

Erleuchtet und mit freudiger Erwartung auf die folgenden Bands, begeben wir uns wieder zur Bühne wo gerade Tragedy Of Mine mit ihrem Set beginnen. Offensichtlich bleibt das Programm jetzt bei der härteren Gangart. Es ist kurz nach 20 Uhr und das Publikum ist nicht mehr so Genre-fremd, die fliegenden Kinder müssen schon im Bett liegen. Also wird jetzt noch weiter hochgeschaltet. Tragedy of Mine aus Osnabrück zerlegen mit ihrem Melodic-Deathmetal das begeisterte Publikum. Es sind viele Fans der Band anwesend, die sich bereits das ein oder andere Mal von der Livetauglichkeit der Band überzeugen konnten und viele Songpassagen textsicher mitschreien konnten.

Ein Vergleich zu Slipknot ist an dieser Stelle vielleicht klischeehaft, liegt aber nicht zuletzt aufgrund der bösen Maske von Sänger Steffen Bunke nahe, sondern auch aufgrund der wahnsinnigen Intensität, die von der Band erreicht wird. Nach einigen Songs kündigt Steffen eine Wall of Death an und diese wird von den Besuchern, die offensichtlich nicht das erste Mal eine solche erlebt haben, prompt umgesetzt. Unfassbar. Eine Wall of Death, mit anschließendem Circle Pit und Stagediven mitten in der Fußgängerzone vor C&A. Könnte man sich dran gewöhnen.

Es folgen Controversial, die einigen Besuchern ebenfalls schon bekannt sein dürften, denn die Band hat seit 2013 bereits viele Shows gespielt und ist europaweit unterwegs. Diese Band spielt unglaublich tighten Technical-Deathmetal und liefert eine Show, die hier nahezu jeden mitreißt. Die Gitarren brettern, die Drums knallen und der Gesang hält alles zusammen. Man kann der Band sprichwörtlich ansehen, dass sie sich den Allerwertesten abspielt. Die Energie der Band kommt absolut rüber und wird vom Publikum sofort gespiegelt. Die Ansagen von Sänger Jonas werden kommentiert und alle freuen sich auf die nächsten Songs um dabei an der frischen Luft ordentlich Dampf abzulassen. Controversial sind absolut treffsicher.

Ein würdiger Abschluss und Fortsetzung 2020

Langsam wird es dunkel und es wird Zeit für die letzte Band des Abends. Absolut zu Recht hat man sich dieses Schmankerl für den Abschluss aufgehoben. Die Band, die in Zusammenarbeit mit der Wacken Foundation als Headliner auserkoren wurde. Damnation Defaced. Die Celler sind Show- und Festivalerprobt und man spürt sofort, dass hier eine Band spielt, die absolut weiß was sie tut. Das Publikum rastet aus, als die Deathmetal Band ihr neues Album „Invader from Beyond“ vorstellt.

Das wird sie dieses Jahr auch noch auf dem großen und renommierten Wacken Open Air tun.  Es ergibt sich eine beeindruckende Emulsion mit der gerade beginnenden Nacht und den ausgeklügelten Bühnenlichtern. Damnation Defaced geben alles und reißen mit ihrer Show einfach alles ab. Die Nackenmuskulatur der Besucher kommt vor lauter Headbangen nicht zur Ruhe und auch die Band selbst zeigt, dass sie während ihrer zahlreichen Shows gelernt hat, abzuliefern.

Ein mehr als würdiger Abschluss für einen erlebnis-wie erfolgreichen Tag und eine absolut gelungene Veranstaltung. Das Team von 30666, Bands und Publikum haben hier für ganz großes Kino gesorgt. Auf die bereits angekündigte Fortsetzung im nächsten Jahr darf man jetzt schon gespannt sein.


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