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Nahm sich nach der Show im Pavillon in Hannover spontan Zeit für ein Interview: Justin Sane, Sänger der Polit-Punk-Band Anti-Flag.

Positive Lösungen anbieten

Justin Sane von Anti-Flag im Interview

24.11.2018, Von: Lisa Eimermacher, Foto(s): Lisa Eimermacher

Die Polit-Punkband Anti-Flag ist dafür bekannt, politische und soziale Missstände anzusprechen. Ihr Aktivismus geht über die Musik hinaus und so treten die Musiker aus Pittsburgh zum Beispiel für Nichtregierungsorganisationen wie Amnesty International und Greenpeace ein. Wir trafen uns mit Sänger und Gitarrist Justin Sane nach ihrem Auftritt in Hannover Mitte Oktober im Pavillon zum Interview und sprachen mit ihm über die norddeutsche Willkommenskultur, die Wahlen in den USA Anfang November, sowie den kulturellen Wandel in der Welt, wofür es sich zu kämpfen lohnt und was ihm Hoffnung gibt.

Rockszene.de: Wie hat dir die Show heute gefallen?

Justin Sane: Ich fand die Show großartig! Es ist eine Weile her, dass wir in Hannover gespielt haben und ich wollte schon seit einer ganzen Weile wiederkommen. Deshalb habe ich mich sehr auf heute Abend gefreut. Und alle Beteiligten waren wirklich toll! Mit Anti-Flag wollen wir, dass jede Show eine Feier der Gemeinschaft ist. Es ist interessant, es gibt Leute, die behaupten: „Ihr macht eine Punkshow und predigt bloß und versucht nur, zu bekehren.“ Ich sehe es als eine Chance für uns alle, zu realisieren, dass wir trotz des ganzen abgefuckten, hässlichen Scheiß` in der Welt nicht allein sind.

Festzustellen, dass man nicht allein ist, ist so wichtig. Denn es gibt einem tatsächlich die Inspiration, nicht aufzugeben. Heute Abend hatten wir Sea Sheppard hier, wir hatten unter anderem Amnesty International und die Hardcore Help Foundation vor Ort. Es ist eine Chance für die Leute, in Kontakt mit diesen Organisationen zu kommen, die wirklich Teil des Punkrock-Gefüges sind. Dann können die Leute sehen: „Oh wow, guck mal: Es gibt Menschen, die arbeiten und kämpfen für etwas!“

Und genau das inspiriert mich. Alles in allem fand ich die Energie der Show echt großartig. Es war alles sehr positiv und genau das versuchen wir zu erreichen mit unseren Anti-Flag-Shows: Eine positive, gute Zeit und Spaß zu haben.

Das letzte Mal habt ihr hier in Hannover im Kulturzentrum Faust gespielt. Das war alles ein bisschen intimer und brütend heiß, weil es ja eine kleinere Spielstätte ist, als das Kulturzentrum Pavillon, in dem ihr heute aufgetreten seid. Diese Verbindung und dieses Zusammengehörigkeitsgefühl, das du erwähnt hast, sind bei euren Shows tatsächlich zu spüren. Alle umarmen sich auf einmal. Was ungewöhnlich ist für uns Norddeutsche, die ja eher als etwas kühler und distanziert gelten. Aber wenn man auf die Leute zugeht und mit ihnen redet, stellen sich die meisten als sehr nette Menschen heraus.

Justin Sane: Ja (lacht). Das ist lustig, dass du das sagst, weil ich heute auf meine Karte geguckt hab, um herauszufinden, wo ich hinmusste. Ich muss scheinbar ein bisschen verwirrt ausgesehen haben. Denn eine Frau ist einfach so auf mich zugekommen und hat mich gefragt: „Brauchst du vielleicht Hilfe?“ Das war wirklich cool und ich dachte mir nur so: „Wow, Hanover is fucking awesome!“ (lacht).

Das ist ja nett! Ich bin froh, dass du dieses Erlebnis hattest. Im November wird ja bei euch in den USA gewählt.*(Anmerkung s.u.) Wie denkst du darüber?

Justin Sane: Klar, hoffe ich, dass sich die Regierung zumindest dahin gehend genug verändern kann, dass es einige „Checks and Balances“ (Anm. d. Red.: „Überprüfung und Ausgleich“ mittels gegenseitiger Kontrolle zur Aufrechterhaltung der Gewaltenteilung und zur Herstellung eines partiellen Machtgleichgewichts in einem Staat) für Donald Trump gibt. Im Moment hat er einen Freifahrtschein, mit dem er machen kann, was er will. Wenn die Demokraten keine Sitze dazugewinnen, wird es dabei bleiben. Sie müssen mehr Sitze bekommen, sodass wir die Dinge, die er tut, verlangsamen können. Er hat die Umwelt komplett dazu überlassen, von Unternehmen zerstört zu werden, sodass sich unter anderem der Klimawandel beschleunigt. Er lässt zum Beispiel Erdölbohrungen im Arctic National Wildlife Refuge zu, was wahnsinnig ist. Es gibt so viele Dinge, die er tut, die dem Planeten schaden. Natürlich wissen wir alle, was er von Frauen, Homosexuellen und People of Color hält. Er hat sich wie ein Monster verhalten, als er Kinder in Käfige stecken ließ. Das ist absolut unverzeihlich.

Ich bin der Ansicht, dass es mehr braucht als Wahlen, um die Welt wieder in Ordnung zu bringen und Dinge zu verändern. Trotzdem denke ich, dass Wahlen wichtig sind. Gerade schauen wir alle in Richtung des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten, weil wir mit ihm als Präsidenten auch einen wirklich ultra-rechten Obersten Gerichtshof haben. Und das geht so weit, dass Frauen ihr Recht auf Abtreibung verlieren könnten. Um wieder auf die Leute zurück zu kommen, die behaupten: „Wahlen sind unwichtig. Politiker sind alle korrupt und alle gleich“. – Auch ich für meinen Teil finde, dass es viele Probleme mit Hillary Clinton und Bill Clinton gibt, aber man kann nicht sagen, dass Hillary Clinton genauso wie Donald Trump ist.

Dennoch habe ich Hoffnung, dass die Demokraten genügend Sitze im Repräsentantenhaus bekommen werden, sodass der Schaden, den er anrichtet, ein bisschen abgebremst werden kann.

Was hast du über die AfD gehört? Ihr habt ja auch im Rahmen eurer Show heute dazu etwas gesagt.

Justin Sane: Ja, wir wissen Bescheid über die AfD und wir sind uns bewusst, dass es solche Parteien jetzt überall auf der Welt gibt. Ich meine, in Österreich hat man ja gerade gesehen, was da drüben passiert ist. In Ungarn, Polen, Italien und Australien sieht es ähnlich schlecht aus. Natürlich dürfen wir Amerika nicht vergessen und dann sind da noch die kommenden Wahlen in Brasilien.

Aber die Welt verändert sich und gestaltet sich vielfältiger. Das ist etwas sehr Positives, wie ich finde. Ich glaube, das ist jetzt der letzte Versuch der Rechten, sich an diesem weißen, patriarchischen, männerdominierten Machtgefüge festzuklammern. Sie sehen, dass sie dabei sind, dies zu verlieren und sie kämpfen wie verrückt, es zu behalten.

Es ist schon ernüchternd, was da alles so passiert. Aber vielleicht wird sich ja tatsächlich was verändern und es braucht nur etwas Zeit.

Justin Sane: Es gibt immer eine entgegengesetzte und ebenbürtige Reaktion auf alles, was passiert. Ich habe wirklich Hoffnung, denn ich denke, dass es eine Gegenreaktion auf das geben wird, was sich ereignet.

Die Menschen haben manchmal ein Kurzzeitgedächtnis. Sie vergessen, dass, wenn man Faschisten die Macht überlässt, sie diese missbrauchen. Faschisten sperren Kinder in Käfigen ein. Doch wenn die Leute das dann mitbekommen, stellen sie fest: „Oh, warte mal. Das ist nicht, wofür ich gestimmt habe“.

Das ist ja sogar in den Vereinigten Staaten passiert. Es gab massive Proteste in den Staaten gegen den Umgang mit Menschen an der Grenze. Also es ist nicht so, dass alle Amerikaner das gutheißen. Ganz im Gegenteil. Viele haben gesagt: „Hey, das ist falsch“. Sogar Leute, die Donald Trump gewählt haben, meinten: „Für das hier habe ich nicht gestimmt. Das ist absolut verkehrt“.

Aber manchmal machen Menschen Fehler und treffen schlechte Entscheidungen. Ich finde, es ist wichtig, dass wir unsere Stimmen erheben, darüber sprechen, woran wir glauben und wenn etwas falsch läuft, dies öffentlich zu kritisieren. Außerdem sollte man positive Lösungen anbieten und Leute wieder aufbauen. Im Moment leben wir in dieser Anpranger-Kultur, die auch wichtig ist, wenn man zum Beispiel an die #MeToo-Bewegung denkt.

Gleichzeitig müssen wir aber auch anerkennen, dass sich die Kultur rasant verändert. Manche Leute sind da nicht ganz so auf dem Laufenden wie andere. Manchmal benutzt jemand ein Wort, das für jemand anderen beleidigend ist oder jemand trifft eine anstößige oder verletzende Aussage.

Was ich konstruktiver finde, ist wenn wir über diese Sachen reden können und diesen Leuten zu verstehen zu geben, warum diese Dinge beleidigend und verletzend sind. Wir können also konstruktive Unterhaltungen führen und realisieren, dass manchmal auch unsere Verbündeten, die Menschen, die sich um uns sorgen und die zu unserem Team gehören, Fehler machen. Wenn sie dann aber dazu bereit sind, sich dafür zu entschuldigen und ihr Verhalten zu ändern, ist es wichtig, dass wir dieses Gespräch führen, bereit sind, ihre Entschuldigung anzunehmen und begreifen, dass wir uns alle gegenseitig brauchen.

Dennoch will ich damit nicht sagen, dass das auch für sexuelle Gewalt gilt. Das ist absolut falsch. Dafür kann man sich nicht einfach entschuldigen. Da muss es viel größere Konsequenzen geben.

Es ist allerdings aufregend zu sehen, dass die Leute sich zusammenstehen und anderen die Unterstützung bieten, hervorzutreten und zu sagen: „Hey, das ist mir passiert“. Wir müssen das ansprechen; seien es Polizisten, die junge Afroamerikaner ermorden oder Frauen, die sexuell missbraucht wurden. Was mir Hoffnung gibt, ist dass man Menschen sieht, die den Opfern helfen. Mich ermutigt das wirklich sehr. Das ist ein Trend, den ich unterstützen möchte.

Arbeitet ihr mit Anti-Flag denn derzeit an neuer Musik?

Justin Sane: Nein, wir haben ja erst vor Kurzem das Akustik-Album herausgebracht. Das haben wir gemacht, weil wir in letzter Zeit viele Akustik-Shows gespielt haben Und deshalb dachten wir uns, wir sollten ein paar Akustik-Songs aufnehmen. Hör es dir mal an, hoffentlich gefällt es dir (lacht).

*Anmerkung: Gemeint sind die „Midterm Elections 2018“, die so genannten Zwischenwahlen in den USA, die am 6. November 2018 stattgefunden haben.

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