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Black-As-Chalk-Sänger Julian Schima (im Bild ganz links), stellte sich den assoziativ bohrenden Fragen zum neuen BAC-Album "Ouro", dem Konzept dahinter und den bevorstehenden Konzerten.

Entmenschlichung und andere Perspektiven

Im Gespräch mit Julian Schima von Black As Chalk

25.09.2018, Von: Andreas Haug, Foto(s): Viktor Schanz

Wer sich mit „Ouro“, dem neuen Album der Göttinger Indie-Rock-Band Black As Chalk beschäftigt, wird wohl beeindruckt von dem gesamtkünstlerischen Auftritt des Trio sein. Intensität, Tiefgang und eine gewisse Düsternis prägen die Platte. Hier geht es inhaltlich um Themenkreise wie Entmenschlichung, Digitalisierung und Industrialisierung, denen sich Sänger, Gitarrist und Texter Julian Schima eher emotional als intellektuell nähere, wie er im Rockszene.de-Interview erklärt. Beim Konzert am 29.September in Hannover im LUX werde die Band jedoch für Spaß, Unterhaltung und Tanz sorgen, so Schima. Man spiele ein Rockkonzert, betont der Black-As-Chalk-Sänger.

Rockszene.de: Vor wenigen Tagen ist euer neues Album „Ouro” auf den Markt gekommen. Ihr habt aus diesem Anlass in Hannover bei Monster Records gespielt und am Tag drauf in eurer Heimatstadt Götting im Exil. Wie ist es gelaufen? Wie hat das Publikum auf eure neuen Songs reagiert?

Julian Schima: Die Reaktionen waren sehr positiv. Das hat drei Gründe: zum einen haben wir gelernt und lassen davon ab, bei einer Release-Show das komplette neue Album hintereinander runterzuspielen. Stattdessen sprenkeln wir die neuen Songs zwischen Hits und Klassiker. Andererseits hat uns das Phänomen Streaming seit dem Release von „Modern Void“ 2012 eingeholt. Hier mal im positiven Sinne: Unsere Fans in Göttingen kannten die meisten Songs schon und fragten bereits vor dem Gig, welche Songs wir von dem neuen Album denn spielen werden. Und drittens sind die Songs auf „Ouro“ einfach stark und stecken sofort an.

„Der Himmel ist grau geworden über Göttingen…“. Mit diesen Worten begann vor Jahren eure Bandinformation. Beim Hören eurer neuen Platte assoziiere ich eine spätherbstliche Atmosphäre, leichten Nebel, Nieselregen und eine gewisse Kriechkälte, irgendwo in einem urbanen Umfeld einer Großstadt. Der Titel eures Albums „Ouro“ bedeutet übersetzt „Gold“, euer Bandname –stumpf übersetzt- „Schwarz wie Kreide“. Ein gewollter Widerspruch? Wie würdet ihr das Album beschreiben, steckt ein bestimmtes Konzept dahinter?

„Ouro“ ist eigentlich ein Kunstwort und geht auf Ouroboros zurück. Der Ouroboros ist das Symbol einer Schlange die sich selbst verzehrt und dabei einen Ring bildet. Der Begriff kommt aus dem Griechischen und bedeutet etwa Schwanzverzehrer bzw. Selbstverzehrer. Mich als Texter haben dabei die vielschichtigen Bedeutungsebenen interessiert. Der Kreis als Form der Harmonie und Symbol der Schöpfung; und zugleich steckt da etwas Destruktives hinter. Die Idee des Ouroboros findet sich in allen Texten wieder, ohne dass sie ins Esoterische entgleitet. Ich konnte den Begriff immer wieder aus anderer Perspektive einbinden und bewege mich eher in Themenbereichen der Entmenschlichung, Digitalisierung und Industrialisierung 4.0. Dabei nähere ich mich den Themen eher emotional als intellektuell.

Bei anderen Indie-oder auch Post-Rock-Bands, deren Songs oft eine ähnlich dunkel-melancholische Grundstimmung haben, münden Strophen und Refrains teils irgendwann in beinahe sonnige, warme, fast schon poppige Melodien. Der typische Effekt, in einer Geschichte metaphorisch ein Fenster zur Freiheit aufzureißen oder das berühmte Licht am Ende eines Tunnels zu sehen und hinauszustürmen. Bei euch fehlen diese Strukturen, ihr bleibt weitestgehend innerhalb eines Songs in einer eher dunklen, nebulösen Stimmung. Manches wirkt fast schon hypnotisch. Gestattet mir die saloppe Darstellung: Mich erinnert das in gewisser Weise an eine Form von Depri-Musik oder –würden wir uns in den späten 1960er-Jahren befinden- an Kiffer-oder Acid-Sounds. Was sagt ihr dazu, könnt ihr dem folgen?

Du schielst da mutmaßlich auf „In This Gloom“. Der achtminütige Song klingt teilweise in der Tat bei seinem Krachhöhepunkt wie Neil Young auf Acid. Die Grundstimmung des Albums ist tatsächlich düster, es ist aber auch sehr melodiös bis catchy. Depri ist es meiner Meinung nach nicht, sondern sehr energetisch, auch durchaus wütend.

Eure Songs wirken sehr intensiv, künstlerisch hochambitioniert, instrumentell reduziert, kantig und sperrig. Warum findet das Piano keinen Platz mehr in eurer Musik? Was hat sich für euch im kreativen Prozess verändert, seitdem ihr in Trio-Besetzung spielt? Schränkt das nicht die Möglichkeiten im Ausdruck ein?

Ich denke, dass es unseren Ausdruck eher fokussiert, als limitiert. Unsere größte Stärke ist das Songwriting; mit oder ohne Klavier ist da egal. Tatsächlich schlug unser Drummer Tim im lärmenden Mittelteil von „In This Gloom“ mit den Fäusten auf den Tasten eines Flügels herum. Es finden sich Orgeln und Rhodes-Klänge auf dem Album. Tasteninstrumente sind also reichlich vorhanden. Wir hatten eher die Freiheit, den passenden Ausdruck für die Songs zu finden. Aber sicherlich ist es eher ein Gitarrenalbum als unsere Vorgänger. „Ouro“ ist auf den Punkt und konsequent.

Sehr beeindruckend ist das Cover von „Ouro“. Ein Kopf, ohne Augen und Ohren, dafür mit einem extrem aufgerissenen Mund, der etwas herauszuschreien oder aufzusaugen scheint, ähnlich des Mauls eines Riesenhais. Ein Artwork, wie man es sonst eher von Progressive-Rock-Bands kennt. Für mich wirkt das wie eine symbolische Darstellung. Liege ich da richtig? Magst du das erklären?

Ich sprach ja schon vage zur Konzeption des Albums – Stichwort: Entmenschlichung. Ein befreundeter Grafiker hat das Artwork entworfen, nachdem wir über die Texte gesprochen und wir ihm die Stimmung des Albums beschrieben hatten. Der Sound des Albums ist düster, spooky, kantig und gritty. Das spiegelt das Artwork sehr gut wider.

Eure aktuelle Album-Info hat mit Oliver Buschmann ein sehr vielfältig aktiver, renommierter Autor für euch geschrieben. Der Text beschreibt eine romantisch anmutende Geschichte eines Plattenhändlers mit einem besonders originellen Musikangebot aus alten, fast schon vergessen geglaubten analogen Zeiten. Der durchaus schwärmerische Text richtet sich offensichtlich in erster Linie an Veranstalter und Journalisten als Arbeitshilfe. Vergleichsweise ist diese Album-Info schon fast ausufernd und einige benötigen sicher auch Geduld, das alles zu lesen. Wie seid ihr auf die Idee gekommen, euch diese Geschichte schreiben zu lassen und benötigt eure Band und „Ouro“ viele erklärende Worte und –wenn ja- warum?

In erster Linie war es uns wichtig, dass der Text aus der Außenperspektive kommt. Wir waren über Olivers Zusage sehr froh. Bei dem ersten Kontakt stellte sich auch sehr schnell heraus, dass wir ähnliche Sachen in den Songs hören, z.B. Spookiness. Ich wusste nach den ersten gewechselten Sätzen sofort: das passt. Für mich ist Olivers Text eine kleine Geschichte, die eine wohlige Vertrautheit und gleichzeitig Nostalgie weckt. Und besser als „Der Himmel ist grau geworden über Göttingen…“ ist es um Längen.

In besagter Geschichte fallen Namen wie Stooges, MC 5, The Notwist, Johnny Cash, frühe Placebo und frühe Blackmail, Dinosaur Jr. und My Bloody Valentine. Wohl gemeint als Orientierungshilfe für Black-As-Chalk-Neulinge. Viele Bands schrecken in ihrer Außendarstellung vor solchen oder ähnlichen Referenzen zurück. Sind diese Referenzen oder Assoziationen für euch wichtig, um eure Band und eure Musik zu verstehen? Haben Black As Chalk nach so vielen Jahren, jeder Menge Konzerten, Touren und nun vier Alben nicht längst ihren ganz eigenen Sound und Stil gefunden?

Das sind alles Olivers Assoziationen. Wir haben darauf nicht eingewirkt und sogar Bands darin stehen lassen, denen wir nicht ganz so nahe sind; andererseits gab es auch Treffer bei denen mir immer noch warm ums Herz wird. Wichtig ist eigentlich viel mehr die Aussage, dass unsere musikalischen Wurzeln weit verzweigt sind. The Notwist, Johnny Cash und Dinosaur Jr. kann man mit Olivers Herleitung wunderbar gleichzeitig als Referenzen nennen. Unser Sound ist aktuell der von „Ouro“.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem hannoverschen Label Magic Mile Music? Habt ihr nicht dort auch im Studio aufgenommen? Wir waren und sind eure Erfahrungen?

Unsere Booking-Agentur Spider Promotion hat den Kontakt hergestellt. Man wurde sich einig und durfte dort im Studio aufnehmen. Die Aufnahmesituationen waren hervorragend und man hört den Raumklang des Studios sehr gut auf der Platte. Achtet mal auf die Drums. Die Arbeit zusammen klappt sehr gut und das Verhältnis ist freundschaftlich, bleibt aber zugleich professionell. Wir sind sehr dankbar, dass MMM unseren Wünschen so entgegenkam – zum Beispiel bei der LP-Produktion.

Wen wollt ihr mit „Ouro“ auf euren Konzerten ansprechen? Warum dürfen interessierte Konzertbesucher eure Shows nicht verpassen? Für Konzertgänger, denen i.d.Regel der Sinn nach Spaß, Unterhaltung und Tanz steht, könnte die Musik auf „Ouro“ etwas anspruchsvoll oder sogar anstrengend wirken, oder?

Versprochen: auf unseren Konzerten gibt es Spaß, Unterhaltung und Tanz. „Ouro“ ist sehr tanzbar und die Live-Show erst recht. Wir sind eine Rockband und wir spielen Rockkonzerte. Alles im 4/4-Takt. Wir sind nicht verkopft. Klar gibt es auch ein paar Schmusemomente…aber in der Regel brennen wir schon was ab.

Was sollen Besucher nach dem Hören von „Ouro“ und nach euren Shows für sich „mitnehmen“?

Die eine oder andere catchy Hook nehmen sie auf jeden Fall mit.

Am Samstag, dem 29.September seid ihr im Rahmen eurer „Ouro“-Tour live zu Gast im LUX in Hannover. Ihr habt hier in der Stadt in den letzten Jahren schon oft gespielt, sei es als support, Bandpaket-oder Festival-Kontext. Welche Erfahrungen habt ihr mit dem Publikum hier gemacht? Was erwartet ihr von eurer –sagen wir mal- Headliner-Tour- Show im LUX und was darf das Publikum erwarten? Gibt es specials im Programm und der Produktion?

Hannover ist mittlerweile so etwas wie unsere musikalische Heimat. Label und Booker sind in Hannover und wir hatten schon oft das Gefühl, dass wir beim hannoverschen Publikum einen Stein im Brett haben. Ich kann mich an keine Show in Hannover erinnern, die schlecht lief. Specials wird es nicht geben; außer dass ich das zweite Mal in meinem Leben ein Tasteninstrument auf der Bühne spielen werde. Wir sind ja eher bodenständige Rock´n´ Roller; etwas Lichtshow werden wir aber auffahren. Es wird euch im LUX also eine ehrliche Independent-Rock-Show zum Anfassen geboten.

Eure Wünsche und Pläne für die kommenden Wochen, Monate und das Jahr 2019?

Wir gehen auf Tour. Wir freuen uns schon riesig, neue Menschen und Orte kennenzulernen. Ich wünsche mir für unsere Scheibe die Aufmerksamkeit, die sie verdient. 2019 kann man dann mit neuen Ideen wieder ins Studio.

Danke für deine Zeit und Geduld

Vielen Dank für das nette Gespräch.

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