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Hendrik Deutsch gründete den 30666 City Of Metal-Stammtisch.

Die Weichen sind gestellt

Im Gespräch mit Hendrik Deutsch

22.09.2018, Von: Sabrina Kleinertz, Foto(s): Sabrina Kleinertz

Er ist Bildungsreferent für Rock und Pop bei der Landesmusikakademie Niedersachsen und leidenschaftlicher Metal-Musiker. Bereits seit frühster Kindheit hat Hendrik Deutsch mit Musik zu tun und kümmert sich nun auch seit rund drei Jahren beruflich darum, dass Musik in all seinen Facetten und quer durch das Bundesland gefördert wird. Außerdem rief er den 30666 City Of Metal -Stammtisch ins Leben, um die hannoversche Kulturszene auszubauen. Wir trafen uns mit Deutsch zu einem Gespräch über Kunst, Wirtschaft und Metal.

Rockszene.de: Wie bist du erstmals mit Musik in Berührung gekommen und wie fiel die Entscheidung, das Ganze auch beruflich zu machen?

Hendrik Deutsch: Ich bin in einer sehr kulturell geprägten Familie aufgewachsen, meine Mutter war Museumspädagogin und dadurch habe ich schon relativ früh mit Kunst und Musik agiert. Mit 11 Jahren habe ich dann zum ersten Mal einen Bass in die Hand genommen (lacht) und so zog es sich durch meine Schulzeit bis zum Abitur. Nach einem Jahr als Zivildienst stand die Fragen an, was ich nun machen möchte. Ich habe damals mit dem Gedanken gespielt, Produkt- oder Grafikdesigner zu werden, aber im Endeffekt entschied ich mich für die Musik, weil ich dieses Interesse nicht zu einem Hobby verkommen lassen wollte. Also habe ich Kulturwissenschaften in Hildesheim studiert; zugegeben etwas länger (lacht). Neben dem Studium habe ich mich auch früh mit der Musikproduktion beschäftigt und nach meinem Studium lange selbstständig gearbeitet; Unterricht gegeben und mit dem Grafikdesign ein zweites Standbein gehabt. Seit fast drei Jahren bin ich nun als Bildungsreferent Rock/ Pop bei der Landesmusikakademie Niedersachsen.

Wie sieht dein Arbeitsalltag aus – Ist es ein klassischer Bürojob?

Die Landesmusikakademie Niedersachsen wird grundsätzlich vom Ministerium für Wissenschaft und Kultur getragen. Unter der Woche habe ich schon einen normalen Bürojob bei dem man morgens zur Arbeit kommt und abends wieder nach Hausen geht. Wir machen aber auch viele Workshops und Tagungen, die oft am Wochenende stattfinden. Inhaltlich ist es aber trotzdem eine sehr komplette Mischung. Sowohl die Musik, als auch das Handwerk gehen in dem Job nicht unter. Für mich ist es kein Beruf, sondern eine Berufung. Wir sind aktuell dabei das Programm der Akademie neu zu gestalten, die Kreativität und das Ohr für die Szene wird also auch gebraucht.

Du bist Bildungsreferent für Rock und Pop – Welche Unterschiede, Gemeinsamkeiten und Potenziale haben diese beiden Genres?

Das ist schwer zu erklären, denn es ist nicht greifbar. Rock und Pop ist ein CD-Regal und die Übergänge sind fließend. Für viele existieren Schubladen, aber Madonna hat beispielsweise Ethno-Einflüsse – Wo man die Genres trennt kann also keiner sagen. Oft heißt es, dass Pop, also Populäre Musik alles ist, was nicht Klassik oder Jazz ist und auch sonst in keine Schublade passt.

Wo würdest du dann Metal-Musik einordnen?

Grundsätzlich ist Metal eine extreme Form von Rock und spielt für mich, was den Komplexitätsgrad betrifft, in einer Liga mit Jazz.

Warum haben dann viele Menschen ein schlechtes Bild von Metal? Viele denken dabei an Bier, Schlamm und Aggressivität.

Das resultiert wohl aus Klischees, die teils wahr sind (lacht). Die meisten haben Bilder aus Wacken vor Augen, aber letztendlich sind die Menschen dort völlig nett und herzlich. Das was diese Stimmung oder dieses Bild ausmacht ist der Eskapismus. Man kann mal drei Tage lang die Sau von der Kette lassen und ist frei von allem, aber das gibt es bei anderen Festivals ja auch. Das Bild, das manche von Metal und seinen Fans haben ist also ein Klischee, aber sicherlich nicht typisch. Bei Klassik – und jetzt kommt ein gefährliches Wort (lacht) – redet man eher von einer Hochkultur. Ich finde es völlig okay, wenn Klassik als kultureller Schatz erhalten wird, denn sie ist ein Teil der kulturellen Identität Deutschlands. Bei Klassik geht es um Erhaltung, bei Rock, Pop oder Metal geht es aber vielmehr um eine Weiterentwicklung.

Du hast in Hannover den 30666 City Of Metal -Stammtisch ins Leben gerufen – Was waren die Gründe und die Ziele?

Wir als Teilnehmer dieses Stammtisches sind in Hannover groß geworden. Ich habe gemerkt, dass sich in der Szene seit einigen Jahren vieles geändert hat. Clubs und Kneipen schließen und es gibt in Hannover nicht mehr so viele Orte, um Metalkultur zu leben. Wir wollen klar machen, dass man es auch mal aushalten muss, wenn es im Club in der Nachbarschaft mal laut ist oder viele Menschen dort hinkommen. Solche Orte haben ein Bleiberecht und wir wollen Kulturschutz betreiben. Einige Clubs und Veranstalter und die Stadt haben wir schon mit im Boot, die Weichen sind also gestellt. Der Stammtisch besteht aus einem engen Kreis, der demnächst auch ein Verein werden soll und zugleich ist er ein Netzwerktreffen, um den Bedarf nach Gruppenerlebnissen, den es ja offensichtlich gibt, zu decken. Der Stammtisch entstand nicht aus einer Not, ist aber eine Notwendigkeit.

Ist Musik für dich persönlich Kunst oder Wirtschaftsfaktor?

Das ist das Paradoxon an Musik und Kultur. Ich denke, dass beides beinhaltet ist. Im Gegensatz zur Klassik wurde Popmusik lange Zeit nachgesagt, dass sie sich selbst trägt, doch das kann sie nicht mehr und es muss andere Wege geben, um sie zu fördern. Man kann in der Kultur Wirtschaftlichkeit und Kunst nicht auseinanderdenken, aber sie ist identitätsstiftend und für manche eben auch ein Beruf.

Was braucht Musik dann? Mehr Raum, mehr Publikum oder mehr Geld?

Ich denke, sie braucht mehr Raum. Gar nicht unbedingt im geometrischen Sinn, aber heutzutage muss ein Musiker quasi einen Bürojob machen; Rechnungen schreiben und Steuern bezahlen oder Akquise betreiben. Dadurch kann man sich nicht mehr nur um die Kunst kümmern. Es entsteht Druck und auch eine Art von Verzicht, was wichtig ist, aber ich habe schon viele tolle Musiker erlebt, die sich lieber für einen finanziell sicheren oder sehr lohnenswerten Beruf abseits der Kunst entschieden haben. Wenn die Gesellschaft versteht, dass man Raum für Kunst schafft, indem man Künstlern den Rücken freihält, das wäre das Wichtigste. Alles andere – Geld oder Publikum – kann aber natürlich auch nicht schaden (lacht).

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