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Münchner mit Hang zu Hannover: Die Band LESTER.

Spätjugendliche Naivität

Ein Interview mit der Band LESTER

09.05.2018, Von: Andreas Haug, Foto(s): Pressefreigabe/SpiderPromotion

Hohe Energie, große Leidenschaft, viel Biss und auch die eine oder andere Lebenserfahrung prägen das Album „Die Lüge vom großen Plan“ der Band LESTER. „Heavy Pop“ haben sich die Münchner auf die Fahne geschrieben, Indie/Emo-Punk-Rock dürfte es aber ebenso treffen. Derzeit sind LESTER verstärkt in Hannover aktiv. Hier sitzt ihre Booking-Agentur Spider Promotion und so ergibt es sich, dass die Band in diesem Jahr sowohl beim Béi-Chéz-Heinz-Open-Air am 10.Mai, als auch beim Strangriede-Open-Air Ende August in der Nordstadt zu sehen und zu hören sein wird. Für uns nahmen sich Sänger und Gitarrist Andy und Bassist Jasper Zeit für ein Interview.

Rockszene.de: Eine für viele Bands und Leser von Interviews oft stereotype, manchmal sehr schwierige, aber nicht selten auch sehr wichtige Frage gleich zu Beginn. Was hat es mit dem Bandnamen LESTER auf sich? Wer oder was ist LESTER? Meine ersten Assoziationen gingen in Richtung Westernheld aus einem an gut sortierten Bahnhofskiosken erhältlichen Groschenroman oder heroischer, immer treuer und kinderlieber Vierbeiner, der 1000 Abenteuer mit zuverlässigem Happy End erlebt…

Jasper: Ich bin erst mal begeistert, was der Name für Assoziationen auslösen kann. Die Geschichte hinter unserem Bandnamen ist recht schnell erzählt: Wir haben uns nach der Hauptfigur aus dem Film „American Beauty“, LESTER Burnham, benannt. Den lassen wir auch im Song „Sieben Säulen“ auf unserer 2015er EP zu Wort kommen. Wir sind alle Fans des Films und die Figur hat etwas tragisch-melancholisches, das uns sehr gepackt hatte.

Andy: Wir hatten gewisse Schwierigkeiten, unserem deutschsprachigen Gelärme einen Namen zu verpassen. Ein Begriff wie „Nudelholz“ war uns dann doch zu konkret. Ein Eigenname macht das Ganze schön abstrakt und doch auch irgendwie persönlich. Die Irrungen und Wirrungen von LESTER Burnham erschienen uns dann sehr passend für die Geschichten, die wir erzählen wollen.

Gestattet mir aus der üblichen Fragekiste noch was in dieser Richtung auszupacken: Ihr nennt euren Stil „Heavy Pop“. Was ist das und wie seid ihr darauf gekommen? Ist das nicht genauso schwammig und unentschlossen wie der diffuse Begriff „Power-Pop“, den andere Bands gern verwenden, wenn sie darauf hinweisen wollen, dass ihre grundsätzlich harte Musik auch viele griffige und eingängige Melodien hat, sich aber nicht trauen, sich in Richtung Rock, Pop oder Punk zu positionieren?

Jasper: Wie ja eigentlich jede Band, haben auch wir eine Abneigung gegenüber Schubladen. In denen ist es eng und dunkel. Unser Problem ist: Wir sind nur bedingt Punk – unsere Texte sind zum allergrößten Teil unpolitisch und musikalisch streuen wir verschiedene Stilmittel ein oder nehmen auch mal das Tempo raus. Am ehesten würde wahrscheinlich das Genre 90er-Emo passen, für das Bands wie Hot Water Music oder Samiam standen oder stehen. Nur leider ist dieser Begriff in den Nullerjahren maskarerisiert worden. Als wir mit diesem Projekt angefangen hatten, haben wir uns natürlich über die Stilrichtung Gedanken gemacht.

Andy: Genrebezeichnungen – vor allem, wenn man dann anfängt das Ganze noch in Subgenres aufzuteilen - sind sowieso kompletter Quatsch. Dieses „Heavy Pop“ ist ein Relikt aus den Anfangstagen. Wir haben den Begriff auf der Verpackung von Drumsticks entdeckt. Wir fanden den Begriff dämlich, lustig und für LESTER passend zugleich. Mit einem Augenzwinkern landete „Heavy Pop“ auf unseren ersten Stickern. Seitdem hat das irgendwie immer mal wieder so schön polarisiert, sodass wir ihn liebgewonnen haben. Uns ist natürlich schon klar, dass wir musikalisch schon eher Punk-Rock-Ecke stecken – das wollen wir auch gar nicht leugnen.

Einige Leute mit denen ich gesprochen habe, hören auf eurem Album sehr eindeutig Musik zwischen leidenschaftlichem, melodiösem Punkrock und Indie-Punk mit zeitweilig leichtem Emo-Einschlag, fühlen sich mehr oder weniger spontan an Bands wie etwa die Toten Hosen vor ein paar Jahren oder auch an die frühen Jupiter Jones in deren Prä-Major-Deal-Ära erinnert. Führt da „Heavy Pop“ als Orientierungshilfe nicht Leute, die euch vielleicht kennen lernen wollen, von vornherein auf einen holprigen Holzweg?

Jasper: Ja, das kann natürlich passieren. Im Idealfall hören uns die Leute, bevor sie irgendwo den Stempel „Heavy Pop“ sehen. Deine Beschreibung würde ich so sofort unterschreiben, nur leider lässt sich das nicht so leicht in einen verständlichen Begriff zusammenfassen. Einen Vorteil hat „Heavy Pop“: Man hat in jedem Interview sofort ein Gesprächsthema.

Andy: Ob man mit Heavy Pop tatsächlich Leute auf den Holzweg führt, weiß ich nicht. Dazu fehlt mir die Vorstellung, was Leute mit „Heavy Pop“ tatsächlich assoziieren. Wie dem auch sei, selbstverständlich sind wir auch gerne deine liebste Punk Rock/Indie/Pop-Punk/Power-Pop Band, eh klar!

Der Titel eures Debütalbums „Die Lüge vom großen Plan“ macht neugierig und lässt inhaltlich eine facettenreiche Auseinandersetzung mit den oft großen, wichtigen Themen wie etwa dem eigenen Leben oder einer Bandkarriere vermuten. Ein wenig Wut und Desillusion scheint da auch mitzuschwingen. Um was geht es euch auf dem Album, was habt ihr auf dem Herzen?

Jasper: Wut und Desillusion spielt da auf jeden Fall mit rein. Das Album ist textlich irgendwo zwischen Coming-of-Age-Geschichte und Befindlichkeitsscheiße. Grundgedanke bei vielen Texten ist die Diskrepanz zwischen dem, was man mal sein wollte, und dem was man ist. Es geht um all die schönen Pläne, die man nach der Schule hatte und dem öden Büro-Alltag, der so ziemlich genau das Gegenteil von dem ist, was man vorhatte. Die spätjugendliche Naivität ist ein zentrales Thema des Albums – und wir lassen sie mit 200 Sachen gegen die Wand fahren.

Gab es bei euch mal so etwas wie einen großen Plan?

Jasper: Absolut nicht. LESTER ist als Nebenprojekt gestartet, bei dem wir uns erst mal alle an ein neues Instrument gesetzt haben. Klar, haben wir dann schnell gemerkt, dass das viel zu viel Spaß macht, als dass man es nur so nebenbei machen sollte. Aber den 5-Jahres-Plan hatten wir da noch nicht in der Schublade. Das ist heut nicht anders. Natürlich haben wir mit jeder Veröffentlichung und jeder Tour neue Ziele. Aber das ist selten mit konkreten Zahlen oder bestimmten Vorgaben verbunden, sondern mehr mit dem Gefühl, dass es voran geht, dass man mehr Leute erreicht. Zudem: Wenn wir das Album „Die Lüge vom großen Plan“ nennen und dann doch schon alles ausgeklügelt hätten – das wäre doch etwas scheinheilig gewesen.

Ihr kommt aus München. Wie stellt sich für euch die dortige Musikszene aktuell dar? Seid ihr dort eng verwurzelt und welche Möglichkeiten in Sachen Shows und Business Kontakte gibt es für noch verhältnismäßig neue, aufstrebende Bands in der Medienstadt?

Andy: Also was Punkrock bzw. Heavy Pop angeht, ist die Szene in München gemessen der Stadtgröße sicherlich relativ übersichtlich. Dennoch gibt es glücklicherweise, trotz der hohen Mieten und des Glanzes in der Stadt, durchaus ein paar sehr tolle und aktive Läden für Punk/DIY-Subkultur. Wir alle haben schon einige Jahre Punkrock in München auf dem Buckel und gehen natürlich auch als Fans hier auf Konzerte. Da lernt man schon seine Punkrock-Bezugsgruppe mit der Zeit kennen.

In Sachen Booking werdet ihr seit diesem Jahr von der Agentur Spider Promotion aus Hannover vertreten. Wie kam der Kontakt -so weit von Daheim entfernt- zustande und was plant ihr in dieser Konstellation derzeit und mit welcher Zielsetzung?

Andy: Ich hatte Spider Promotion schon seit geraumer Zeit grob auf dem Schirm. Der konkrete Kontakt ergab sich über einen Fan von uns. Dieser kennt Hage von Spider Promotion und hat uns sensationeller Weise empfohlen. Somit stand der erste elektronische Kontakt. Wir haben uns dann mit Hage zu einem persönlichen Treffen letztes Jahr beim Ackerfest in Klein Vahlberg verabredet. Das findet übrigens auch dieses Jahr wieder statt – kann man sehr empfehlen. Als nach unserem Auftritt das Gewitter über uns hereinbrach, der Acker unter Wasser stand und somit die Übernachtung im Zelt unmöglich war, hat uns Hage großartiger Weise bei sich zuhause Zuflucht gewährt. Dadurch war genug Zeit, um sich gegenseitig zu beschnuppern und für gut zu befinden!

Wir sind sehr happy, unter den Fittichen von Spider Promotion zu sein. Hage und sein Team haben super Kontakte, reißen sich den Arsch für ihre Bands auf und können uns ganz anders positionieren als wird das alleine schaffen könnten. Die gemeinsame Zielsetzung ist ziemlich simpel: Wir wollen mit LESTER immer mehr und zielgerichteter Leute erreichen, die im Idealfall Gefallen an unserm Gelärme finden und unser Schaffen weiter mitverfolgen wollen.

Hier in der Stadt präsentiert ihr euch am 10.Mai dem höchst punkrock-affinen Umfeld des Béi Chéz Heinz, im August werdet ihr beim Strangriede-Open-Air erwartet. Hattet ihr nicht vor ein paar Wochen auch schon im Café Glocksee gespielt? Wie habt ihr Hannover, die Menschen hier und das Publikum im Vergleich zu anderen Städten bislang erlebt?

Andy: Wir freuen uns sehr, am 10.Mai im ehrwürdigen Béi Chéz Heinz spielen zu dürfen. Ich habe selbst schon viele Booking-Anfragen für meine alte Band dort hingeschrieben. Dass es noch dazu quasi ein Spider-Familientreffen ist, ist umso schöner. Bisher haben wir nur positive Erfahrungen in Hannover und Umgebung sammeln dürfen. Wir haben den Eindruck, dass doch deutlich mehr Leute hier beheimatet sind, die echt Lust und Interesse an Punkrock-Kram haben. Daher freut es uns richtig, dass wir mit Hilfe von Spider Promotion die Möglichkeit bekommen, uns den Leuten vorzustellen. Das alles fühlt sich bisher nach einer sehr aufregenden Fernbeziehung an.

Eine Frage, die ich beinahe vergessen hätte zu stellen. In eurer Bandbesetzungs-Liste wird Paloma keinem Musikinstrument, sondern „Kunst und Bier“ (Facebook-Info), respektive „Bild, Bier“ (Bandinfo-pdf.-Dokument) zugeordnet. Wie ist das zu verstehen? Was tut sie konkret und wie wirkt sich das auf die Band, eure Musik und Auftritte aus?

Jasper: Wir kennen Paloma schon recht lange. Sie ist Designerin und hatte schon für unsere letzte Band das Artwork gestaltet. Auch für LESTER hatte sie für die erste EP wieder alles Künstlerische um die Veröffentlichung herum gemacht. Aber vor allem hat sie alle auf einen D.I.Y.-Gedanken eingeschworen. Auch bei unserem aktuellen Album „Die Lüge vom großen Plan“ haben wir beinahe alles selbst gemacht. Wir haben die Kartons gemessen, markiert, gefalzt, geschnitten, geklebt und das Cover per Siebdruck und Zahnbürste auf der Front- und Rückseite gebracht. Paloma gestaltet auch den kompletten Merch – sie macht das Design und wir bedruckt die Shirts zusammen. Wir machen auch Kaffeetassen, Letterpress-Postkarten und Siebdruck-Poster. Dieser künstlerische Aspekt ist uns allen unheimlich wichtig – und denn gäbe es ohne Paloma nicht.

Sie ist dazu auch die gute Seele der Band und hat von allen bei uns die stärkste Punk-Attitüde. Wir kennen uns, wie gesagt, schon so lange, sind so sehr befreundet, ohne sie würde es LESTER in dieser Form nicht geben. Und dann fragt man sich zwangsläufig: Soll so jemand nicht zur Band gehören, nur weil die Person nicht auch ein Instrument hält? Wie begreifen LESTER mehr als Plattform, auf der sich jeder künstlerisch ausleben kann. Und Paloma ist dabei die Geilste.

Habt ihr noch was, was ihr an dieser Stelle gern loswerden wollt?

Jasper: Eine Sache, die uns sehr am Herzen liegt: Wir durften Anfang des Jahres neben anderen großartigen Bands einen Song zum „Deutschpunk Schlachtrufe 2018“-Sampler beisteuern. Dessen Erlöse gehen komplett an die „Kein Bock auf Nazis“-Initiative. Da freuen wir uns natürlich sehr, wenn noch mehr Leute sich diese tolle Sache mal genauer anschauen.

Andy: Kommt aufs Béi Chéz Heinz Hoffest am 10.Mai und riskiert vielleicht mal einen Klick auf eine unserer Nummern in diesem Internet – kostet ja alles heut zu Tage nix mehr!

Vielen Dank für eure Zeit und das Interview

Andy: Wir danken dir!

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