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Tom May von The Menzingers (im Bild ganz rechts) hat auch besondere Erinnerungen an Menschen und besondere Erlebnisse in Hannover.

Erinnerungen und Lektionen fürs Leben

Tom May von The Menzingers im Interview

03.02.2018, Von: Lisa Eimermacher, Foto(s): Pressefreigabe /X-Why-Z

Aufrichtigkeit und Leidenschaft werden bei The Menzingers groß geschrieben. Aus der internationalen Punkrock-Szene sind sie längst nicht mehr wegzudenken. Seit 12 Jahren gibt es die US-amerikanische Punkrock-Band aus Scranton, Pennsylvania, nun schon. Im Februar vergangenen Jahres veröffentlichte die Band um Greg Barnett, Tom May, Eric Keen und Joe Godino ihr aktuellstes, fünftes Studioalbum „After The Party“. In diesem Februar statten sie Hannover wieder einen Besuch ab. Ein Grund für uns, ein Interview mit Sänger und Gitarrist Tom May zu führen und unter anderem über Lebensweisheiten, Reue, Partys und seine besondere Verbindung zu Hannover zu sprechen.

Rockszene.de: Nostalgie ist ein Thema, das immer wieder aufkommt, wenn über euer aktuelles Album „After The Party“ gesprochen wird. Welches Thema würdet ihr lieber hinter euch lassen und nicht mehr darüber sprechen?


Tom May: Es gibt da zwei Gedankenrichtungen, die ich gerne ein für alle Mal aus meiner Denkweise verbannen würde. Beide sind wesentlich in Bedauern verwurzelt. Zurückzuführen ist das Ganze auf eine fehlende Selbstakzeptanz, - allerdings nicht die gute Art, die einem dabei hilft, eine bessere Version von sich selbst zu werden.

Einerseits gibt es da eine geringfügige Traurigkeit und Hilflosigkeit, die damit einhergeht, über verpasste oder gescheiterte Möglichkeiten nachzugrübeln. „Ich hätte doch einfach die Schule zu Ende machen sollen“ oder „Ich frage mich, ob ich glücklicher wäre, wenn ich diesen anderen Job vor zehn Jahren angenommen hätte“ oder in meinem Fall „Warum um alles in der Welt habe ich mir nicht die Nummer dieses Mädchens geholt, das in diesem Herrenbekleidungsgeschäft außerhalb von Seattle gearbeitet hat, wo ich auf Tour 2013 eine Krawatte für die Hochzeit meines Cousins gekauft habe?“ oder „Ich wette, ich hätte einen großartigen Techniker abgegeben. Ich könnte in Colorado leben, in Millionen schwimmen und auf einer Hanffarm leben“ oder „Warum habe ich vor vier Jahren Bitcoin für Drogen in der Silk Road ausgegeben – die sind jetzt Tausende wert!“ Diese Art von unnötigen Gedanken. Sie sind alleine schon als Gedanken an sich schlecht. Sie ausgesprochen zu hören, ist einfach das Schlimmste.

Ein anderer beschissener, von Reue geprägter Weg, von dem ich wünschte, ich könnte ihn hinter mir lassen, ist der, der mit speziellen Handlungen oder Ereignissen zusammenhängt, die schlechte Gefühle wieder ausgraben. Ich spreche nicht von traumatischen Erfahrungen. Heilung braucht Zeit; sowohl für Opfer als auch für Täter. Ich rede von der Zeit, als du gemein zu deiner Schwester warst, als du wusstest, dass es ihr gerade ohnehin schlecht geht. Oder dem Moment, als dich dein Bruder trat, als du „down“ warst. Vielleicht war es etwas Komisches, was du vor deiner Klasse gesagt hast oder als du gefeuert wurdest, weil du gestohlen hast. Wie schön es doch wäre, das alles einfach hinter sich zu lassen!

Ihr habt in vorangegangenen Interviews gesagt, dass ihr beim Songschreiben lieber zurückblickt, um die Dinge intensiver zu reflektieren. Was beschäftigt euch im Moment, das voraussichtlich einen Einfluss auf euer Songwriting von zukünftigem Material haben wird?

Zum ersten Mal in meinem Leben akzeptiere ich die Sterblichkeit. Als junger Mann war der Tod für mich immer eine unergründliche Zukunft. Ich hatte meine Berührungen damit, wie die meisten. Bei mehreren Begebenheiten war ich ein Beifahrer im Auto als wir einen geliebten Menschen zur Tür des Todes brachten. Es war aber niemals echt. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich jetzt älter bin. Vielleicht ist dem so. Diese neue Perspektive wird den Songs, die ich im Moment schreibe, eine Färbung geben.

Außerdem bin ich mittlerweile etwas länger auf der Welt und hatte etwas mehr Zeit, die Weltgeschehnisse zu verfolgen. Über eine Dekade habe ich die politische Landschaft, die technologischen Entwicklungen und die Gesellschaft, und wie sie alle miteinander interagieren, beobachtet. Meine Gedanken haben sich unterdessen davon wegbewegt, Menschen in einem starren Ausdruck von Ideologie und Motivation zu sehen und ich beginne, die Leute als etwas deutlich Komplexeres zu sehen. Wenn nicht komplexer, dann auf jeden Fall weniger eindeutig. Das wird sich sicherlich in den neuen Songs widerspiegeln.

Habe ich schon erwähnt, dass ein schwafelnder und offensichtlich egomanischer Steak-Verkäufer als Präsident der Vereinigten Staaten gewählt wurde, wo ich herkomme? Nein, das habe ich nicht erwähnt. Ja, das spielt eine ziemlich große Rolle, ha.

Ein weiteres großes Thema des aktuellen Albums ist das Erwachsen- bzw. Älterwerden. Meines Erachtens hört man niemals wirklich damit auf, erwachsen zu werden. Was sind einige der wichtigsten Lektionen fürs Leben, die ihr als Band gelernt habt?

Wir haben gelernt, dass Kommunikation der Schlüssel ist. Wie in jeder Beziehung tendieren wir dazu, es als selbstverständlich zu erachten, dass jemand genau weiß, was wir fühlen oder denken. Das ist allerdings keineswegs der Fall. Unsere Band ist im Kommunizieren vergleichsweise besser als die meisten.

Ein paar andere, einfachere Lebenserfahrungen: niemand wird dir etwas schenken. Du musst hart arbeiten, üben und es einfach so hinnehmen. Lass dich von niemandem außerhalb der Band herumschubsen. Bleib am Ball. Nehmt euch Zeit für euch als Band. Wenn du zwei Gitarren in eine riesige Reisetasche packst, wird man dir bloß ein Gepäckstück berechnen. Wenn du in einer deutschen Stadt bist, trinke das lokale Bier, das alle trinken.

Musiker, besonders tourende Musiker, scheinen mehr zu erleben als der Otto Normalverbraucher. Vielleicht stimmt das ja auch nur zum Teil. Wie behaltet ihr den Überblick über all die Erinnerungen, die ihr fortwährend sammelt?

Es hat ein paar Jahre gebraucht, aber ich habe nun endlich angefangen, ein anständiges Tagebuch zu führen. Ich versuche, nicht zu introspektiv zu werden und stattdessen lieber die Fakten und Erinnerungen aufzubewahren. Es ist verrückt, wie viel von unserer Tour-Erfahrung eine verschwommene Erinnerung in meinem Gedächtnis ist.

Der Beginn von Social Media hat spektakuläre Möglichkeiten mit sich gebracht, was das Behalten von Vergangenem angeht. Es ist ja erst einige Jahre her, aber ich kann jetzt schon auf alberne Fotos von späten Abenden in Hamburg zurückblicken. Und dann brechen auch schon die Erinnerungen über mich herein.

Was ist das Geheimnis, ein derartig gutes Verhältnis zu den Fans aufrechtzuerhalten?

Ich unterhalte mich gerne mit Leuten. Eine einfache Unterhaltung kann viel bewirken. Ich liebe es, Leuten zuzuhören, wie sie von ihrem Leben erzählen, was sie so tun und wie sie durchs Leben gehen. Das ist etwas Wunderschönes. Unsere Fans sind Lehrer, Bauarbeiter und selber Musiker. Sie leben in Deutschland, Japan und Südamerika. Das gibt mir wirklich das Gefühl, mit der Welt verbunden zu sein.

Eine andere Weise, auf die wir verbunden bleiben, ist durch Instagram, Twitter und Facebook. All ihre komische Giftigkeit beiseite, sind sie großartige Medien, um eine Fülle an Informationen mit einer Masse von Menschen auf einem einigermaßen demokratischen Wege zu teilen.

Wenn du dich bei zwei Menschen, die dich dahin gebracht haben, wo du heute bist, für deinen Erfolg bedanken könntest, wem würdest du danken?

Ich schummle jetzt einfach mal und wähle zwei Gruppen statt Einzelpersonen aus. Als erstes ist das meine Familie. Meine Eltern, Brüder und Schwestern haben mir geholfen, indem sie die Art und Weise, auf die ich die Welt beobachte und mit ihr interagiere, geformt haben. Mit all den guten und schlechten Seiten haben sie mich mit den Fähigkeiten ausgestattet, Höhen und Tiefen zu meistern und gleichzeitig einen Fokus auf spirituelle und moralische Ziele zu haben. Meine Familie hat mir selbstlose Gewohnheiten und einen Grad von Disziplin anerzogen, die es mir ermöglichen, so richtig auf die Kacke zu hauen. Meine Geschwister haben ihre Liebe und Unterstützung für die Band und mein Herumtreiben in der Welt schon immer felsenfest zum Ausdruck gebracht.

Die andere Gruppe sind meine Freunde. Ich hatte das Glück, Teil des Lebens von wundervollen Menschen mit einzigartigen Auffassungen von der Welt und einem Feuer, das in ihnen lodert, zu werden, das den Funken auf mich in meinen dunkelsten Zeiten übertragen kann. Manche von ihnen waren zeitweise Liebhaber, manche Feinde, manche nicht mehr als Saufkumpels. Aber sie alle haben mich auf meinem Weg unterstützt und angetrieben. Ich liebe sie alle so sehr.

Ihr seid jetzt seit über zehn Jahren als Band aktiv. Wie sorgt ihr dafür, die Party mit dieser Leidenschaft weiter am Laufen zu halten?

Da bin ich mir nicht ganz sicher. Ich denke, für uns war das seit jeher einfacher. Vielleicht hat es uns von vornherein auch zusammengebracht. Wir werden schlafen, wenn wir tot sind. Oh, und Wassertrinken nicht vergessen.

Was sind eure Ziele?

„Killer- Songs“ schreiben und „Killer- Shows“ spielen. Ein bisschen Geld damit verdienen, damit wir weiterhin „Killer- Songs“ schreiben und „Killer-Shows“ spielen können. Und dann alles von vorn.

Was ist deine liebste Erinnerung an Hannover und worauf können sich die Fans bei der Show im Februar freuen?

Meine liebste Erinnerung an Hannover ist meine erste Erinnerung daran, einfach draußen auf der Straße mit Sandro ( Sandro Sciascia, einer der früheren Booker im Béi Chéz Heinz, heute bei Hannover Concerts – d.Red.) und den netten Leuten vom Béi Chéz Heinz rumhängen und zu trinken. Wir tranken Astra und wechselten uns draußen ab, beim Kiosk Becks zu kaufen.

Ein draufgängerisch und heruntergekommen aussehender Mann kam zu uns und verkaufte uns Zigarettenanzünder. An der Unterseite der Feuerzeuge waren kleine Projektoren. Damit wurde das Bild einer nackten Frau an die Wand geworfen. Das war eine der lustigsten Interaktionen, die ich je hatte.

An einem anderen Abend hatten wir frei und trafen ein paar Leute in einer Bar dort. Einige der Jungs schrieben mir auf, was ich zur Barkeeperin sagen sollte. Sie durchbohrte mich nur mit diesem typisch deutschen, unbeeindruckten Blick. Es stellte sich heraus, dass die Jungs etwas Kindisches und Anstößiges aufs Papier geschrieben hatten. Später war sie aber nett. Ich lernte dort ein hübsches Mädchen kennen und wir unterhielten uns auf gebrochenem Englisch und Deutsch. Sie gab mir ein Buch in deutscher Sprache und schrieb eine kleine Notiz vorne rein. Ich habe das Buch immer noch und keine Ahnung, was drin steht.

Ich liebe Hannover.

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