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Im Rockszene.de-Interview: Musikexperte, Macher und Journalist Ecki Stieg.

Mit Topf und Löffel

Ein Treffen und Gespräch mit Ecki Stieg

20.01.2018, Von: Sabrina Kleinertz, Foto(s): Sabrina Kleinertz

Vor allem als Radiomoderator, aber auch als Journalist macht sich Ecki Stieg seit den 1980er-Jahren einen Namen. Nicht nur Gründungsmitglied beim hannoverschen Radiosender ffn, sondern auch im Interview mit weit mehr als 500 Künstlern; darunter David Bowie oder The Cure. Gegenwärtig sendet Stieg mit seinem Format Grenzwellen und arbeitet als A&R für das Label Monopalast. Wir trafen Ecki Stieg zum Interview, um über Castingshows, Entertainer und den Vinylboom zu sprechen.

Rockszene.de: Wie sieht dein Alltag im Moment aus? An was arbeitest du?

Ecki Stieg: Momentan arbeite ich hauptsächlich für meine Sendung Grenzwellen. Das ist sehr arbeitsaufwendig. Ansonsten schreibe ich Artikel für diverse Zeitungen und Magazine wie Orkus, bei dem es vor allem um Dark Rock, Electro und Gothic geht. Zudem bin ich als A&R-Manager für das Label Monopalast von George Kochbeck tätig. Ansonsten versuche ich gut zu leben (lacht).

Du hast mehrere hundert national und international bekannte Künstler interviewt – Welche Aussagen oder Situationen sind dir besonders in Erinnerung geblieben?

Das ist schwer zu sagen. Ich mag grundsätzlich gerne Interviewpartner, bei denen man neue Facetten entdecken kann und das Bild erweitert wird. Wenn man also einen Künstler sehr verehrt und ein spezielles Bild von ihm hat, dann mag ich es besonders, wenn dieses Bild im Laufe des Interviews umgedreht wird. Mir sind da vor allem Brian Eno oder auch David Sylvian im Gedächtnis geblieben. Ich habe im Laufe der Jahre einfach gemerkt, dass zu viel und ungesunder Respekt und Hochachtung nicht förderlich sind. Zumal man ja nur das mitbekommt, was medial vermittel wird. Ein kleiner Spaß ist natürlich auch erlaubt. So traf ich mal den Franzosen Serge Gainsbourg und als er mir die Hand gab sagte er: „Du bist Deutscher? Ich bin Jude, haha“. Das Lachen blieb mir dabei allerdings im Hals stecken. Eins zu null für Gainsbourg.

Welchen Wert haben Interviews heutzutage noch für Künstler und Fans?

Für den Künstler selbst werden Interviews dort interessant, wo er ins Grübeln kommt. Intelligent gemachte Interviews können also für den Künstler selbst ein Gewinn sein. Schlimm wird es, wenn du mit einem Interview Geld verdienen musst (lacht). Zeilenvorgabe, Deadlines und solche Dinge limitieren dann die Qualität und wenn man von der Musik nicht angeturnt ist, dann hat man auch keine Lust für das Interview tiefer zu graben. Anders ist es, wenn einem die Sache am Herzen liegt, denn dann bereitet man es groß vor. Ein Interview kann somit für beide Seiten ein Gewinn sein. Ich will dabei aber nie etwas bestätigt haben, sondern immer etwas Neues wissen. In Interviews kann man spannende Lebensbereiche und neue Denkweisen kennen lernen, wenn man daran interessiert ist. Bei langen Interviews ist es dann auch durchaus gerechtfertigt, dass man als Befragter nochmals drüber schauen möchte, aber es hängt auch immer von der Vertrauensbasis ab und dem, was man letztendlich daraus macht.

Wie erkennst du bei einer jungen Band Potenzial und ob sie mal groß werden kann?

Den Begriff „groß werden“ möchte ich relativieren, denn für mich persönlich ist es egal, ob eine Band vor 5000 oder 50 Zuschauern spielt; ob vor der großen Masse oder im kleinen Kreis. Ich maße mir schon an, dass ich Potenzial erkenne, auch wenn vielleicht kompositionstechnisch noch nicht alles einwandfrei ist und ich werde häufig nicht enttäuscht. Die Idee wirkt als überzeugende Arbeit auf mich und oftmals fühle ich mich in meiner Annahme bestätigt, wenn ich die Band weiter verfolge.. Auch mit einfachsten Mitteln wie Topf und Löffel kann man schon viel machen und durch den Computer gibt es heute unendlich viele Möglichkeiten, auch die, wie ein klassischer Musiker im ursprünglichen Sinn zu komponieren und zu arbeiten. Man kann heute alles machen und meine Aufgabe ist es nicht, das unter kommerziellen Aspekten zu bewerten.

Was hältst du also von Castingshows und Bandwettbewerben?

Überhaupt nichts! Man kann Musik nicht messen, denn dort stehen ganz unterschiedliche Charaktere auf der Bühne. Das geht vielleicht nach kommerziellen Gesichtspunkten und Chartplatzierungen, aber ich finde nicht, dass man Musik benoten kann. Ich benutze auch nicht Bezeichnungen wie „gut“ oder „schlecht“, sondern sage eher, dass mich etwas nicht erreicht, nicht berührt oder seelenlos ist. Was für mich zählt ist die Seele der Musik und da ist Handwerk im ersten Moment gar nicht so nötig.

Muss Musik demnach glaubwürdig sein oder ist Entertainment wichtiger?

Wenn man ein Entertainer ist, dann ist das auch okay. Das Problem ist das Verkaufen der Musik. Wenn man kein großer, bekannter Star ist, dann ist es schwer, nur von der Musik zu leben. Das höre ich selbst immer wieder von großen Bands in meinem Umfeld. Da sind die Konzerte voll und die Fans können alles mitsingen, weil sie Songs halb legal aus dem Netz gezogen haben (zwinkert). Das Livegeschehen ist heutzutage sehr wichtig, aber es gibt nun mal auch Musiker, die keine großen Liveperformer oder Rampensäue sind und die haben es dann schwer. Ich glaube, dass so ein Teil dieser Studio- und Alben-Kultur verloren gehen kann, denn trotz Social Media ist es schwer geworden, Musik zu verkaufen.

Welchen Wert hat Musik deiner Einschätzung nach heutzutage noch?

Das muss jeder für sich selbst herausfinden. Als ich ein Teenager war, liefen gerade mal zwei Radiosendungen jeweils eine Stunde, die die Musik spielten, die für mich interessant war. Den Rest musste ich mir dann von meinem Taschengeld kaufen (lacht). Heute wird man erschlagen von der Vielfalt und da erkenne ich zwei Typen von Musikkonsumenten. Die einen, für die das Ganze eine große Chance darstellt, da dieses Überangebot nicht mehr durch Magazine, Sendungen oder ähnliches gefiltert wird und man sich alles selbst zusammensucht. Und der andere Typ Musikkonsument, der sich von der Vielfalt erschlagen fühlt und deshalb entschleunigt und sich auf das zurückzieht, was er eh schon kennt. Ich denke, dass der Vinylboom auch ein Zeichen dafür ist. Man kann nicht mehr hin und her zappen und hält wieder ein Werk in den Händen. Aber auch für MP3 und ähnliches habe ich Verständnis, da man sehr mobil damit ist und seine Musik so besser transportieren kann.

Gehst du lieber auf Konzerte oder machst es dir mit der Musik zu Hause gemütlich?

Ich höre gerne etwas, wo man nicht weiß, was einen erwartet. Erst vor kurzem war ich auf einem Konzert, mit dem ich mich vorab nicht groß beschäftigt habe. Ich werde immer gelangweilter von bloßer Reproduktion oder wenn live nichts passiert. Das ist ja auch ein Problem der elektronischen Musik.

Wie empfindest du die hannoversche Musikszene?

Dazu kann ich nicht so viel sagen (lacht). Ich habe zwar meist um Hannover herum gelebt, aber ich war kein richtiger Teil der dortigen Musikszene; hatte keinen wirklichen Bezug. Ich bin in der Punkszene groß geworden und da waren Städte wie Düsseldorf für mich wesentlich interessanter.Ich mochte schon damals eher aus der Art geschlagene Protagonisten, wie z.B. die 39 Clocks. Ich denke, Hannover ist eher eine traditionelle Rockstadt und das sage ich ohne Wertung. Ich habe zwar freundschaftlichen Kontakt zu Machern wie Ossy Pfeiffer oder Musikern wie Christof Stein-Schneider, aber das ist nicht unbedingt meine Musik. Die Scorpions, Eloy oder Jane haben aber sicherlich die Rocksozialisation der Stadt geprägt und einige Zeit lang galt Hannover ja auch mal als Hochburg des Metal. Ein erneuernder Griff für elektronische Musik würde Hannover bestimmt gut tun.

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externer Link www.facebook.com/ecki.stieg

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