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Peter Weihe hat als Musiker, Komponist und Produzent viel erlebt und erreicht. Im Interview mit uns hat er viel Spannendes und Wissenswertes zu berichten.

Der Schlüsseltag

Ein Interview mit Peter Weihe

16.01.2018, Von: Sabrina Kleinertz, Foto(s): Promo/PeterWeihe

Als Studiogitarrist, Produzent und Komponist ist Peter Weihe seit mehreren Jahrzehnten im nationalen und internationalen Musikbusiness tätig; unterrichtet zusätzlich an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover. Anfangs brachte sich der gebürtige Bremervörder mithilfe von Willen und der Wandergitarre seiner Schwester erste Stücke bei. Heute arbeitet er unter anderem in seinem eigenen Studio in Niedersachsen. Seine Credit-Liste reicht dabei von Rio Reiser und Udo Lindenberg über Chaka Khan, Jack Bruce und das Royal Philharmonic Orchestra bis Mark Forster und Cro. Wir sprachen mit Peter Weihe über seine Anfänge, seine Studierenden und einen versteckten Ellenbogen im Licht einer Diskokugel.

Rockszene.de: Wie sind Sie zur Musik gekommen?

Peter Weihe: In meinem Elternhaus gab es immer viel Musik. Meine Mutter hat Klavier gespielt und im Kirchenchor gesungen, mein Vater spielte Geige und auch meine beiden Schwestern spielen Instrumente. Für mich als Kind hatte es damals den Anschein, dass man das halt so macht und war meine Umgebung in der ich aufgewachsen bin. Das Klavier war also ständig in Betrieb (lacht) und Rollenvorbilder haben mich dazu inspiriert, selber Musik machen zu wollen. Zuerst bekam ich also Klavierunterricht und später entdeckte ich die Wandergitarre meiner Schwester.

Damals war ich etwa 10 Jahre alt und fand heraus, dass man aus solch einem Instrument etwas herausfummeln kann. Da hat es bei mir Klick gemacht und somit schnappte ich mir die Gitarre, um mir das Spielen autodidaktisch beizubringen. Zudem hat mich auch der Sound der Beatmusik, der beispielsweise auf Radio Luxemburg lief, fasziniert. Bei uns zu Hause gab es ja eher klassische Musik zu hören, die ich auch sehr liebe, aber diese neuen Klänge haben mich so gepackt, dass ich herausfinden wollte, wie das funktioniert. Außerdem stellte ich fest, dass man damit auch Aufmerksamkeit bei den Mädchen erzeugen kann (lacht) und hatte das Gefühl, mich mit der internationalen Jugend zu verstehen und zu verbinden, da man ja durch Musik die Sprachbarrieren überwinden konnte.

Würde Sie alles in Ihrem musikalischen Leben noch einmal genauso machen wollen oder doch lieber etwas ändern?

Ich könnte das alles gar nicht genauso wiederholen. Es gibt heute Ausbildungsmöglichkeiten, die es vor allem in einer kleinen Stadt wie meiner Heimat Bremervörde nicht gab. Dort hätte mir keiner zeigen können, wie das mit der Rockmusik genau funktioniert. Das musste ich selbst herausfinden und so entstand auch eine kleine witzige Geschichte: Ich hatte früher einen Freund, der viele Platten besaß; von Jimi Hendrix bis hin zu Miles Davis. Also fuhr ich regelmäßig mit dem Fahrrad zu ihm, hörte mir die Platten an und fuhr wieder ans andere Ende der Stadt zu mir nach Hause, um zu versuchen, das, was ich gehört hatte, nachzuvollziehen. Dabei ist das Gehörte natürlich nur ungefähr hängen geblieben, es gab ja keine Literatur oder Noten. Heute gibt es Unmengen an Informationen, die man sortieren muss, um nicht überfordert zu werden. Auf YouTube oder andern Kanälen findet man Millionen von guten Beispielen und Lehrvideos und meine Studierenden sagen teils auch, dass sie das als Informationsüberfluss empfinden. Wir waren damals also etwas naiv (lacht). Heute gibt es überall in Deutschland Studiengänge, die sich mit diesem Themengebiet befassen und ich finde, dass besonders in Hannover ein Paket geboten wird, das auf einem hohen Niveau viel bietet. Wenn man fleißig ist, dann ermöglichen solche Bildungsmöglichkeiten neue Stärken und Zugänge zum Markt.

Was raten Sie Ihren Studierenden also, wenn diese Ihnen von Informationsüberfluss berichten?

Man kann das entweder positiv sehen oder als Stress empfinden. Das hängt immer von der Lebensphase und der Tagesform der Lernenden ab. Da gibt es Tage, an denen sie sehr glücklich darüber sind, so viele Quellen zur Verfügung zu haben und an andern Tagen fühlen sie sich total überfordert. Das Gefühl, richtig gut zu werden ist also nicht mehr so leicht herzustellen und im Leben schwankt man immer zwischen luxuriösen Zeiten und Gedanken wie „Oje, wer soll denn so viel üben?“. Die Antwort: Es gibt keinen, der Dinge wie Jimi Hendrix erfindet, aber gleichzeitig auch noch hervorragend Country-Stile beherrscht und sich im Metal ausgezeichnet zurechtfindet. Man muss also lernen, zu sortieren und das geht meiner Meinung nach über zwei Wege.

Entweder orientiert man sich an den äußeren Anforderungen und fragt sich, wie man die Wünsche von Mitspielern und Produzenten bestmöglich erfüllen kann oder man geht nach seinen persönlichen Vorlieben. Das hat dann auch viel mit der eigenen Neugier zu tun und wenn jemand in alle Richtungen gleichzeitig schaut, dann muss man lernen, sich zu einer Zeit auf eine Sache zu konzentrieren. Wer also die Anliegen seiner Mitmenschen berücksichtigt oder auf die eigenen Vorlieben und die Neugier vertraut und die Anliegen seiner Mitmenschen gut dosiert berücksichtigt, der kann eine starke Persönlichkeit entwickeln. Das wiederum sollte man dann nicht nur alleine zu Hause machen, sondern unbedingt vor einem Publikum testen und dessen Reaktionen wahrnehmen. Manche werden dem Dargebotenen widersprechen, während andere fasziniert sind, aber in jedem Fall kann dieser gegenseitige Austausch sehr befruchtend wirken und für die eigene Orientierung wichtig sein.

Was waren ganz besondere Erlebnisse in Ihrer Karriere und was waren Rückschläge?

Wenn ich meine Entwicklung damals mit der von jungen Musikern heute vergleiche, dann habe ich extrem viel Glück gehabt. Es ist ein bisschen, als wenn man einen Überlebenden aus dem Schützengraben fragt, wie er das gemacht hat – man kann es kaum beantworten. Ich kann mich noch sehr gut an diesen einen Tag erinnern, an dem mich ein Freund mitgenommen hat und wir zu einem Haus in Stade gefahren sind, in dem nur Musiker lebten. Dadurch bekam ich Zugang in die Hamburger Musikszene, kam in eine Top 40-Band und gründete meine erste eigene Rock-Jazz-Band. Der Schlüsseltag für mich als angehender Musiker mit 16 Jahren war eine Session im Onkel Pö in Hamburg. Ich spielte und plötzlich saß Udo Lindenberg am Schlagzeug und Gottfried Böttger griff zum Instrument. Ich spielte mit denen und anschließend fuhren sie mich noch nach Hause, da ich am nächsten Tag ja wieder in die Schule musste (lacht). Das war ein sehr glücklicher Moment und davon habe ich ein paar erleben dürfen. Nur durch solche Berührungspunkte entstehen Chancen.

Ein Moment hat manchmal Jahre meines Lebens geprägt. Man tritt irgendwo auf, wird gesehen, empfohlen, dann engagiert und spielt plötzlich bei vielen verschiedenen Produktionen. Wenn Rio Reiser direkt neben dir singt oder eine Soul-Legende wie Chaka Khan mit vollem Gefühl auf deinen Jam einsteigt, dann merkst du erst, welchen emotionalen Tiefgang das Ganze haben kann. Es macht Spaß, bei etwas mitzuwirken, von dem man weiß, dass man es alleine nicht hinkriegen würde, das aber über Jahre Bestand haben wird und einem von oben bis unten Gänsehaut verschafft. Aber natürlich bleiben auch negative Erfahrungen nicht aus. Denn egal, wie idealistisch man auch ist, wenn man es nicht schafft, ausschließlich mit den eigene Ideen über Jahre hinweg erfolgreich sein zu sein oder zu viel für andere arbeitet, dann kann das zeitweilig schwer werden. Ich denke, dass es in jedem Beruf solche Punkte gibt und ein Chirurg nach einer schweren Operation oder ein Klempner auf einer Baustelle zu recht fragt: „Warum sollte es bei euch Musikern denn anders sein?“. Aber wenn man zum Broterwerb zu oft Musik spielt, die man als unangenehm empfindet, dann fragt man sich schon, ob man das noch machen möchte. Ich habe auch schon ganze Produktionen aus politischen oder ästhetischen Gründen abgelehnt.

Ich kann mich auch noch gut an ein sehr negatives Ereignis erinnern, das aber auch durchaus witzig war (lacht). Mit unserer Jazz-Rock-Band Känguru hatten wir schon die großen Städte Deutschlands erobert, aber es gab noch weiße Flecken auf der Landkarte. Also spielten wir in einer Disco im Ruhrpott und es war niemand da. Die gesamte Tanzfläche war leer, nur die Discokugel an der Decke drehte sich und warf ihre Reflexionen durch den Raum. An dem Tag sah man nur einen einzigen Ellenbogen an der Ecke bei der Bar hervor blitzen und der gehörte zum Gitarristen Volker Kriegel. Er war an diesem Abend unser einziger Gast, aber man muss solche Geschichten auch mit Humor nehmen (lacht).

Ein anderes Mal spielte ich in einer Band für Rock-/ Pop-Klassiker, bei der auch der Ire Ian Cussick mitwirkte. Plötzlich stehen wir vor einem Laden, in dem ein Schützenfest stattfindet. Darauf waren wir nicht vorbereitet und plötzlich fing unser Schlagzeuger an „Trink mer noch a Tröpfche aus dem kleinen Henkeltoepfche“ zu singen. Wir waren einfach die falsche Band für diesen Anlass und mussten Tränen lachen. Also kramten wir alle solche Lieder aus den hintersten Ecken unseres Gehirns hervor und rechneten schon damit, anschließend ordentlich einen auf den Deckel zu bekommen. Aber als wir ins Publikum sahen stellten wir verblüfft fest, dass alle lachten und das war sozusagen unser ganz persönlicher „Fleisch ist mein Gemüse“-Moment.

Mit welchen Wünschen und Plänen starten Sie in das Jahr 2018?

Ich musste vor kurzem umziehen und mein komplettes Studio von Hamburg nach Niedersachsen verlegen. Dafür wünsche ich mir, dass das Arbeiten dort genauso gut funktioniert wie bisher. Jeder Raum hat seine eigene Atmosphäre und damit muss man arbeiten. Außerdem wünsche ich mir für unsere Studierenden, dass sie inspirierende Musik mit tollen Leuten machen, ihr Wunschpublikum finden und in guten Bands landen, denn diese Chancen sind inspirierend.

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