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Trever Keith, hier beim Hannover-Konzert im Juli 2017 im Mephisto, fand im Anschluss an diese Show Zeit für ein Interview.

Glücksgriffe

Ein Interview mit Face To Face-Frontmann Trever Keith

18.08.2017, Von: Lisa Eimermacher, Foto(s): Lisa Eimermacher

Face To Face gelten neben Bands wie Lagwagon, NOFX und Guttermouth als Repräsentanten der kalifornischen Punkrock-Szene der 90er Jahre. Seit nunmehr 26 Jahren touren sie um die Welt und feierten Ende Juli gemeinsam mit ihren Hannoveraner Fans bei einer intimen Clubshow im Mephisto. Im Rockszene.de-Interview mit Lisa Eimermacher sprach Gründungsmitglied und Frontmann Trever Keith unmittelbar nach dem Konzert über den Reiz kleinerer Clubshows, in welcher Form er den Do-It-Yourself-Gedanken nach wie vor auslebt, warum er Punkrock privat eher selten hört, welchen Stellenwert Vinyl heutzutage hat und wie aus „bekloppten“ Ideen manchmal Glücksgriffe werden.

Rockszene.de: Kümmerst du dich immer selbst um den Merch?

Trever Keith: Nein (lacht). Diese Tour ist ein bisschen anders für uns. Anfänglich waren nur drei Wochen in Europa geplant. Und dann eröffnete sich die Möglichkeit, ein paar Shows mit Lagwagon in Spanien zu spielen. Also hatten wir im Nachhinein vier oder fünf Nächte mit Club-Gigs zu füllen. Und so kamen ein Konzert in Berlin, eins in Hamburg, das hier in Hannover und dann morgen Nacht das Konzert in Köln zusammen. Aus diesem Grund hatten wir für diese Woche nicht wirklich eine Crew gebucht. Also bin ich einfach eingesprungen und mache die Arbeit (lacht).

Das sieht man nicht so oft, dass der Sänger einer Band am Merch-Stand arbeitet.

Ich fürchte mich nicht davor, meine Hände schmutzig zu machen.

Was war das Besondere an der heutigen Show?

In den vergangenen Jahren haben wir in Hannover einige Male gespielt. Das war, soweit ich mich erinnern kann, eine größere Venue. Mir fällt der Name gerade nicht ein, aber das war eher so eine Underground-Venue (es war das Béi Chéz Heinz – d.Red.) Das war auch großartig! Bei der Show heute waren weniger Leute, aber für mich ist es so, dass es deshalb intimer war. Daher war es ein bisschen entspannter. Es fühlte sich nicht wie eine richtige Show an, bei der man sichergehen muss, dass man alles richtig macht. Es fühlte sich eher nach einer Probe an, bei der wir für ein paar unserer Freunde spielten. Ich mag diesen lässigen, entspannten Vibe dieser Show.

Dieses Gefühl ist definitiv rübergekommen. Bei den intimen Shows kann man sicher mehr mit den Fans interagieren. Ist es schwierig, einfach spontan ein paar mehr Shows auf die Bühne zu bringen oder habt ihr euch mittlerweile daran gewöhnt?

Ich habe mich daran mittlerweile ziemlich gewöhnt. Es ist interessant, ich versuche nicht, mich zu sehr von meinen Emotionen leiten zu lassen. Aber an manchen Tagen fühlt man sich danach, an manchen Tagen nicht. Das liegt in der Natur der Dinge, wenn man so viel reist. Besonders, wenn man sehr weit von Zuhause weg ist, wenn man an einem Ort wie Europa, Japan oder Australien ist.

Heute früh war ich auch etwas mürrisch, habe mich über den Verkehr und jede Kleinigkeit aufgeregt. Ich weiß nicht warum, aber kurz vor der Show hat sich meine Einstellung irgendwie geändert und ich hatte bessere Laune.

Obwohl ich am Ende des Abends ein bisschen frustriert war als mir mit dem Mikrofon ins Gesicht gehauen wurde und ein Typ am Merch-Stand ein wenig irritierend war (schmunzelt). Den habe ich dann weggeschickt und dann konnte ich alles hinter mir lassen, glücklich sein und mich auf die Leute konzentrieren, die froh waren, die Show genossen haben und sich unterhalten wollten. Die meisten Leute waren sehr, sehr cool.

Im Mai habt ihr zwei neue Songs veröffentlicht. Was hatte es damit auf sich?

Ja, das ist etwas, das sich Fat Wreck Chords angewöhnt hat zu tun und was wir geplant hatten seit wir das Album veröffentlicht haben. Und zwar haben wir gesagt, anstatt 7 Inches vor oder während der Veröffentlichung zu machen, warten wir etwa neun Monate bis zu einem Jahr nachdem das Album erschienen ist. Und dann bringen wir eine 7 Inch raus und das erinnert die Leute daran, dass das Album draußen ist, falls sie es verpasst haben als es gerade frisch erschienen ist. Das war also schon geplant.

Aber was wir anders angegangen sind, ist, dass wir eine ganze Tour solcher sehr kleinen Shows wie die heutige in den USA geplant haben. Das nannte sich die „Econolive Tour“. Als spezielles, exklusives Tour-Item haben wir diese Flexi-Discs gemacht. Diese werden niemals im Plattenladen auftauchen. Das war ein limitiertes Angebot von Flexi-Discs, die wir Leuten gaben, die das Deluxe-Ticket für diese Shows gekauft hatten.

War das früher üblicher, 7 Inches herauszubringen?

Ich weiß nicht, wie üblich es ist, heute 7 Inches herauszubringen. Ich kann das nur vor dem Hintergrund unserer Karriere beleuchten. Wir haben 1991 angefangen, das ist jetzt 26 Jahre her. Vinyl war immer noch ein beliebtes Mittel für Punkrock-Bands als wir anfingen. Aber ich habe definitiv beobachtet, dass Leute sich heutzutage wieder mehr für Vinyl interessieren. In allen Genres. Wegen des Tausches von mp3 und so weiter waren die Leute wieder dankbar, etwas in ihren Händen halten zu können, etwas Handfestes wie Artwork zum Beispiel. Und CDs konnten dieses Bedürfnis nicht befriedigen. Platten sind wieder populärer geworden. Wir haben mit unserer Band auch ohne Zweifel ein Wiederaufleben von Platten festgestellt. 7 Inches machen Spaß und sind leicht herzustellen. Die Leute mögen sie (lächelt).

Es ist interessant, wie Musik heutzutage konsumiert wird und dass viele Leute wieder etwas Greifbares in den Händen halten wollen.

Ja, die meisten Leute werden einfach nur auf Spotify oder so Musik hören, denke ich. Aber für die Leute, die wirklich etwas Handfestes haben wollen, die Sammler, ist Vinyl wichtig. Für Bands sind Platten ebenfalls etwas Gutes, weil es uns erlaubt, immer noch ein wenig Geld mit unseren Songs zu verdienen.

Es hat auch immer noch etwas Besonderes, in Plattenläden zu gehen, zu stöbern und neue Dinge zu entdecken.

Ja, das ist etwas, das ich für mich selbst in den letzten fünf oder sechs Jahren wiederentdeckt habe. Plötzlich bin ich wieder mehr zu einem Plattensammler geworden. Ich habe eine sehr kleine, aus zwei Kisten bestehende, Sammlung.

Was war die letzte Platte, die du gekauft hast?

Die letzte Platte, die ich gekauft habe, war Aretha Franklin mit „I’ve Never Loved A Man The Way I Love You“ (grinst). Klassiches R `N B-Album. Ich mag 60s R `N B und Motown, aber das meiste in meiner Plattensammlung ist Jazz aus den 50ern und 60ern. Ich mag Mingus, Chet Baker und Charlie Parker. Ich mag total verschiede Jazz-Alben. Ich höre eher sowas. Ich habe auch ein paar Punkrock-Platten. Misfits und sowas, das muss man einfach haben (lacht).

Beeinflusst dich Jazz beim Songschrieben oder hörst du das eher, um deinen Horizont zu erweitern?

Nein, ich denke, das ist einfach etwas, das mir Spaß macht, weil ich es gerne höre. Da Musik seit ein paar Dekaden mein Haupt-Fokus ist, kann man dem Ganzen manchmal zu nah kommen. Jazz ist für mich immer noch einfach entspannend und erholsam. Wenn ich es höre, genieße ich es und es gibt keine Schwächen oder Komplexe, die damit einhergehen. Wenn ich Punkrock höre, kann es passieren, dass ich denke: „Wir schreiben genauso gute Songs! Wie kommt es, dass unser Album sich nicht so gut verkauft?!“ Das kann zu Konkurrenzdenken führen. Oder man denkt sich: „Hey, dieses Riff war in meinem Song!“. Das sind kleine Dinge, die sowas auslösen können. Deshalb fällt es mir nicht so leicht, Punkrock oder gar Rockmusik zu hören, und es einfach nur genießen zu können.

War das schon immer so?

Hm, vielleicht. Ich weiß es nicht. Es ist auch nicht bei jeder Punkrock- und Rockmusik der Fall. Aber Jazz ist eher ein sicherer Ort für mich. Und es beeinflusst mein Songwriting nicht. Ich denke, es wäre komisch, ungewöhnliche Taktarten und Jazz-Phrasierungen in unsere Songs einzubringen. Vielleicht beeinflusst es mich auf eine abstrakte Art und Weise.

Was steht denn als Nächstes bei Face To Face an? Werdet ihr bald wieder neue Musik aufnehmen?

Das werden wir tatsächlich! Wir arbeiten im Moment an vielen verschiedenen Projekten. Diese Tour, die ich erwähnt habe, - da haben wir ja ein Deluxe-Ticket verkauft und für eine kleine Gruppe der Besucher haben wir ein Akustik-Set gespielt. So sind wir ziemlich gut im Akustikspielen geworden von Nacht zu Nacht und die Leute schienen es wirklich zu mögen.

Also hatten wir diese bekloppte Idee, ein paar unserer Songs als Akustik-Versionen aufzunehmen. Neulich sind wir ins Studio gegangen und haben sie aufgenommen. Wir warten gerade noch auf die Mixes. Ein Kumpel von uns ist für die Mixe der Songs zuständig. Wenn das fertig ist, werden wir das in irgendeiner Form veröffentlichen. Ich weiß noch nicht, wann oder wie.

Wenn wir im Oktober nach Südamerika gehen, planen wir, eine der Shows für ein Live-Album aufzunehmen. Fat Wreck Chords wollen ihre „Live In A Dive“-Serie wieder aufleben lassen – Das besagte Live-Album wird davon wahrscheinlich ein Teil sein. Danach ist vorgesehen, im Januar in den Blasting Room [Recording Studio in Colorado von Descendents-Mitglied Bill Stevenson und Tontechniker Jason Livermore] mit Bill Stevenson zu gehen, um ein brandneues Punkrock-Album aufzunehmen.

Das sind also drei verschiedene Dinge, an denen wir gerade arbeiten. Wir müssen strategisch ausklügeln, wie wir das alles veröffentlichen, damit nicht alles zur selben Zeit rauskommt (lacht). Dazu habe ich keine genauen Informationen, aber daran arbeiten wir im Studio. Das wird bestimmt spaßig, ich freue mich schon drauf.

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