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Clueso spricht im Rockszene.de-Interview über seinen Neuanfang, sein Songwriting und die Hannover-Show am 1. Oktober.

Struktureller Druck und Wahrhaftigkeiten

Ein Gespräch mit Sänger und Songschreiber Clueso

02.08.2017, Von: Sabrina Kleinertz, Foto(s): Christoph Koestlin

Clueso ist einer der Künstler, die aus der deutschen Musiklandschaft nicht mehr wegzudenken sind. Mit Songs wie „Gewinner“ oder „Cello“ hat er sowohl hohe Chartplatzierungen gehabt, als auch mit anderen großen Künstlern zusammengearbeitet, spielte sich von Clubs in große Hallen. Doch dann entscheidet sich Clueso im Spätsommer 2015 für einen radikalen Schnitt; bricht mit seiner Band und dem Management und wagt wortwörtlich einen Neuanfang. Mit dem gleichnamigen Album kommt er am 1. Oktober nach Hannover in die Swiss Life Hall. Wir sprachen mit Clueso über kreative Prozesse, Weiterentwicklungen und Schreibblockaden.

Rockszene.de: Wie war der Neuanfang und wie zufrieden bist du damit?

Clueso: Am Anfang war es scheiße (lacht), aber jetzt fühlt es sich gut an. Ich brauchte einfach eine Trennung und wollte nicht, dass Leute in meiner Abhängigkeit sind, sondern dass nur ich für die Dinge verantwortlich bin. Anfangs ging es mir damit nicht gut, sondern ich fühlte mich schuldig. Meine Band mit den ganzen Musikern war wie eine Beziehung und so musste ich ja 15 oder 20 Beziehungen beenden. Anfangs fühlte sich das komisch an, aber die Musik hat mich gerettet. Das Album schrieb sich fast wie von selbst und in Windeseile. Dieser Prozess hat mir sehr gut getan.

Wie schreibst du Songs und wie gehst du mit Schreibblockaden um?

Das ist super unterschiedlich. Entweder gibt es Nächte, in denen ich durchmache oder es kann auch harte Arbeit sein, wenn ich lang an Songs rumdoktere (lacht). Ersteres finde ich sehr gut, da dort eine Wahrhaftigkeit entsteht und ich mich mit Büchern, Reisen oder Gedichten füttern muss. Das war beispielsweise bei „Kein Bock zu geh‘n“ so. Da habe ich verdrängt, dass ich dafür lang gebraucht habe (lacht).

Wie gehst du mit terminlichem Druck um?

Das kommt darauf an, wie ein Abschlusstermin oder ähnliches zeitlich liegt und in welcher Phase ich mich befinde. Wenn es mir gut geht, dann fällt mir weniger ein und Lieder darüber interessieren keine Sau – mich auch nicht (lacht). Ich suche mir selbst den Moment aus und nenne das gerne den „strukturellen Druck“, der für mich sehr förderlich ist.

Wie können dich Songs berühren und was ist dir dabei wichtig?

Ein Song auf Deutsch darf für mich gerne eindeutig sein, aber muss mir auch die Möglichkeit geben, etwas zu entdecken. Das können meiner Meinung nach nur ehrliche Songs von jemandem, der etwas riskiert. Dann wirken Dinge authentisch. Solche Songs treffen mich und man merkt, dass es zu den jeweiligen Künstlern passt und sich deckt. Sowas entzündet mich. Momentan treffen mich vor allem Rap-Songs.

In wie weit kann man sich weiterentwickeln, ohne von seinen Fans Vorwürfe zu bekommen?

Es gab schon immer solche Kommentare. Seit meinem ersten Album fanden manche Menschen meine Sachen zu kommerziell. Aber ich mache Pop, keinen Jazz und Pop ist nun mal kommerziell. Ich will manchmal auch nicht, dass sich manche Bands weiterentwickeln (lacht), aber ich verbiege mich nicht. Man muss manchmal leider seine Fans enttäuschen, um sich selbst weiterzuentwickeln.

Tobias Kuhn, der unter anderem auch intensiv mit Thees Uhlmann arbeitet, ist als Produzent zum Neuanfang dazugekommen – Wie war sein Einfluss und die Zusammenarbeit?

Nach dem Schnitt brauchte ich jemanden, dem ich vollkommen vertrauen konnte. Als ich Tobias traf sagte ich ihm, dass ich ihn erst kennenlernen muss, wenn er bei einer Sache mitreden will, die ich normalerweise alleine mache. Also haben wir eine Reise unternommen. Tobias ist jemand, der weit in den Arbeitsprozess eingreifen konnte und am Ende ist daraus eine tolle Zusammenarbeit entstanden. Wir sind dicke Freunde geworden; haben im Kreis getanzt. Während der Produktion waren auch nicht viele Leute im Studio, es hat Spaß gemacht, das Album zu produzieren. Zwar macht es nicht so viele experimentelle Sprünge, aber es ist sehr gelassen.

Du spielst dein Hannover-Konzert Anfang Oktober in der Swiss Life Hall, obwohl dich manche lieber in einer Club-Atmosphäre erleben würden – Wie denkst du darüber und was dürfen Besucher erwarten?

Ich finde es geil, dass Leute kleine Konzerte von mir geil finden (lacht), aber ich war vor kurzem auf einer Clubtour und habe von vielen Menschen gehört, dass sie nicht mehr zur Show kommen konnten. Ich bin froh, dass ich keine Las Vegas-Show machen muss (lacht). Große Hallen sind, wenn es um Dinge wie Klang oder ähnliches geht, nicht besonders förderlich; kleine Clubs machen sowieso Spaß. Ich brauche kleine, spontane Konzerte, bei denen wir manchmal nur ein Schild raushängen und mit der Gitarre loslegen. Somit versuche ich jetzt einen Mittelweg zu gehen. Man kann erwarten, dass die neue Band ein Feuer entfacht und mit viel Spielfreude dabei ist. Es wird auch Animationen geben und die Band hat durch Bläser einen ordentlichen Klangkörper bekommen, der ordentlich klappert (lacht).

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