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Im Rockszene.de-Interview: Olaf Roth von der Staatsoper Hannover.

Hunger nach Hochkultur

Im Interview mit Olaf Roth von der Staatsoper Hannover

17.07.2017, Von: Sabrina Kleinertz, Foto(s): Sabrina Kleinertz

Wer den Begriff „Oper“ hört oder beim Bummeln durch die hannoversche Innenstadt mal vor dem imposanten Gebäude stehen geblieben ist, der verbindet oftmals schrille Stimmen, Abendgarderobe und teure Preise mit dem Gebäude, das 1845 errichtet wurde. Doch auch das ehemalige „königliche Hoftheater“ am Opernplatz geht mit der Zeit, statt sich an verstaubten Vorurteilen abzuarbeiten. Wir sprachen mit Olaf Roth, der die Pressestelle der Oper leitet über den Stellenwert der Oper in der Vergangenheit und der Zukunft.

Rockszene.de:Welche Formen von Musik findet man in Ihrem Haus?

Olaf Roth: Unser Programm besteht aus zwei Pfeilern, zum einen der Oper und zum anderen dem Ballett. Generell kann man bei uns von klassischer Musik im weitesten Sinne sprechen, obwohl man sich natürlich immer fragen muss, was klassische Musik überhaupt bedeutet (lacht). Ich denke, klassische Musik ist einfach gut hörbar und regt Leute zum Nachdenken an. Im Ballett geschieht das, anders als in der Oper natürlich, ohne Gesang, aber diese Kunst behilft sich anderer Gestaltungsmöglichkeiten. Aber wir gehen mit Crossover-Cellisten oder Minimal Music auch immer wieder ungewöhnliche Wege. In jedem Fall ist es ein tolles Erlebnis, eine große Sinfonie live zu hören. Dieses Klagerlebnis geht durch den ganzen Körper.

Wie setzt sich Ihr typischen Publikum zusammen und wie gehen Sie auf jüngere Generationen zu?

Das Publikum ist in sich sehr unterschiedlich. Natürlich gibt es das klassische Publikum, wie man es sich vorstellt. Das sind dann ältere, gut situierte und gekleidete Besucher. Es gibt aber auch viele jüngere Besucher. Dafür bieten wir aber auch eine Jugendsparte mit junger Oper und jungem Schauspiel.

Wie hat sich der Stellenwert der Oper innerhalb der Gesellschaft in den letzten 100 Jahren verändert?

Das Bild der Oper vor 100 Jahren ist auch das Bild, wie es viele in ihrer Erinnerung haben und daraus entstehen Vorurteile. Damals war die Oper Ausdruck des Standesbewusstseins des Bürgertums. Seitdem ist sie aber viel demokratischer geworden. Nach dem zweiten Weltkrieg war diese Tradition dann unterbrochen und mit dem Neuanfang ging auch ein großer Hunger nach Hochkultur einher. Heute gibt es ein weitreichendes Verständnis für aufwändigen, vielleicht manchmal seltsam wirkenden Kunstformen und wir versuchen die Stadtgesellschaft einzubinden.

Wenn man sagt, die Oper sei teuer, dann liegt es daran, dass auch viele Menschen daran beteiligt sind. Rund 950 Mitarbeiter sind im Opern- und Schauspielhaus insgesamt beschäftigt. Vieles ist komplizierter geworden, so werden beispielsweise -anders als früher- nicht mehr Prospekte, also große Leinwände bemalt, sondern dreidimensionale Bühnenbilder gebaut oder Video angefertigt, die nochmal andere Möglichkeiten bieten. Auch das will produziert werden und so verändert sich die Oper schon in rein ästhetischen Belangen.

Welchen Stellenwert hat die Oper innerhalb der Gesellschaft?

Die Standesschranken sind gefallen und die sozialen Unterschiede sind nicht mehr so stark ausgeprägt. Die Oper ist demokratischer geworden, aber wir müssen immer noch gegen Vorurteile ankämpfen. Natürlich gibt es bei uns auch Eintrittskarten im oberen Preissegment, aber genauso bieten wir günstige Abonnements, sowie Karten für Studenten oder Arbeitslose an. Wir versuchen einfach, den Leuten unser Angebot und die Oper schmackhaft zu machen und passen uns an Trends an. Wir reagieren auf gesellschaftliche Entwicklungen. Aber ich muss auch eine Lanze für ältere Besucher brechen (lacht). Viele kommen über eine längere Zeit. Sie begleiten uns und bekommen viel von den ästhetischen Entwicklungen mit. Auch können sie durch längere Seherfahrungen Stücke gut einordnen und sind sehr kritikfreudig.

Natürlich ecken ein oder zwei Produktionen pro Jahr auch mal an, aber da wollen wir der Stachel im Fleisch sein. Zusammenfassend ist unser Publikum mit älteren und jüngeren Zuschauern durchmischt. Das Problem für uns ist es eher, die Generation dazwischen zu erreichen, die gerade Kinder bekommen, Häuser bauen und Karriere machen. Ich denke, es ist für Kinder einfacher, mit diesen Kunstformen in Berührung zu kommen und eine Beziehung dazu aufzubauen. Später findet man dazu schwerer einen Zugang.

Wie beschreiben Sie Ihre Position innerhalb der hannoverschen Musikszene und wie empfinden Sie diese?

Vorweg muss ich sagen, dass mein Blick eher auf der Klassik liegt, aber das ist auch bereits ein sehr reichhaltiges Feld (lacht). Ich sehe uns als Flaggschiff Niedersachsens, ein anderer großer Player ist sicherlich die Radiophilharmonie. Durch ein Orchester mit 110 Leuten, einem über 60 Stimmen starken Chor und 30 Tänzern im Ballett, bieten wir die –sozusagen- kulturelle Grundversorgung. Die Oper ist personenintensiv, aber somit können wir eine Fülle an Klangfarben bieten und haben mit verschiedenen Lagern, Werkstätten und sogar einem Schumacher tolle technische Bedingungen, um ein großes Repertoire pflegen zu können.

Zwar bringt das auch einen logistischen Aufwand mit sich, aber mit dieser Bandbreite sind wir nicht nur das größte Opernhaus in Niedersachsen. Dem entspricht unsere künstlerische Bedeutung, die schon mehrmals mit großen Preisen ausgezeichnet wurde. In Hannover merkt man: „Hoppla, das ist eine Landeshauptstadt“.

Wo sehen Sie Schnittstellen zwischen klassischer Musik und Genres wie Heavy Metal, Pop oder Rock ?

Ich denke, dass in allen Genres eine Energie von der Bühne auf das Publikum übertragen wird. Man kann gemeinsam etwas Tolles erleben und jeder Künstler, egal ob Rock oder Oper spielt immer für sein Publikum. Dabei muss das Publikum mitgehen und der Künstler ist dankbar für den Applaus. Insgesamt ist es einfach ein tolles Gemeinschaftserlebnis.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Wir stehen vor der großen Herausforderung, alle Teile der Bevölkerung an dieses kulturelle Erbe und auch an neue Werke heranzuführen. Natürlich ist die Oper auch ein Wirtschaftsfaktor, der für Arbeitnehmer interessant ist. Inhaltlich möchten wir vor allem weg vom Eventcharakter hin zum Erlebnis, Geschichten live zu genießen. Es ist gut eine Oper zu haben, die den Zusammenhalt in der Gesellschaft verdeutlichen und stärken kann. Zudem freuen wir uns natürlich, wenn Leute den Versuch machen, sich mit der Oper auseinanderzusetzen und zum ersten Mal zu uns trauen.

Einen guten Einstieg bieten da beispielsweise unser Konzertfest oder auch Musicals wie die West Side Story. Da wir mit einem festen Stamm von Sängern arbeiten, können wir die Stücke meist vollständig mit unseren Mitarbeitern besetzten und so nochmals eine andere Qualität des Zusammenspiels ermöglichen und bieten.

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