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"Man stempelt nie wirklich aus bei diesem Job": Jim Adkins von Jimmy Eat World, hier bei einer Show Ende Juni 2017 in Berlin.

Die Suche nach neuen Dingen

24 Jahre hoher Spaßfaktor bei Jimmy Eat World

11.07.2017, Von: Lisa Eimermacher, Foto(s): Lisa Eimermacher

Spätestens seit 2001, ihrem Album „Bleed American“ und der Hitsingle „The Middle“ haben Jimmy Eat World auch bei einem größeren Publikum in Deutschland einen hohen Stellenwert und zählen zu den Vorreitern des Emo-Genres. Eine Pause im Anschluss an eine Tour im Jahr 2014, in der sich die Musiker anderen Dingen widmeten und kurzzeitig getrennte Wege gingen, mündete in neue Ideen, veränderte Arbeitsweisen und schließlich in das aktuelle Album „Integrity Blues“. Man hatte sich aus der eigenen Komfortzone heraus begeben. Lisa Eimermacher traf Sänger und Gitarrist Jim Adkins und Gitarrist Tom Linton vor einer Show in Berlin zum Gespräch.

Nach 24 Jahren im Musikgeschäft und kommerziellen Erfolgen haben die einst unerfahrenen Highschool-Freunde ihren Platz gefunden, ohne dabei den Hauptgrund ihres Schaffens aus den Augen zu verlieren: Spaß zu haben. Jim Adkins und Tom Linton, die sich am Nachmittag vor einem Konzert in Berlin die Zeit für ein Interview mit Rockszene.de nahmen, stellten heraus, dass die Geschichte und die Entwicklung von Jimmy Eat World vor allem auch mit einer positiven Einstellung, Eigeninitiative und Durchhaltevermögen eng verknüpft ist und dass es sich lohne, auch mal neue Wege auszuloten.

Jim Adkins betritt den in einem knalligen Orange gestrichenen Backstage-Raum mit einem breiten, ansteckenden Lächeln und streckt den Arm zur Begrüßung aus: „Hey, ich bin Jim, wie geht’s dir?“. Mehr braucht es nicht, damit sich meine anfängliche Aufregung legt. Jim strahlt die Wärme aus, die er aus seiner Heimat Arizona mitgebracht zu haben scheint.

„Ich habe sonst nie die Gelegenheit, zu erzählen, was ich wirklich über die anderen Jungs in der Band denke“, witzelt der Sänger und Gitarrist von Jimmy Eat World, während wir darauf warten, dass Gitarrist Tom Linton zum Interview stößt. „Denn sie sind sonst immer bei Interviews dabei. Hier kommt jetzt alles raus“, lacht der 41-Jährige mit einem verschmitzten Grinsen, das seine markanten Grübchen an den Mundwinkeln betont.
Vorschau Bild 1Vorschau Bild 2Vorschau Bild 3Fotostrecke (3 Bilder) -Foto(s): Lisa Eimermacher
Wir befinden uns im Huxleys in Berlin, dem Klub, in dem Jimmy Eat World am Abend auftreten werden. 1993 gegründet, bilden seit Mitte der Neunziger Tom Linton, Jim Adkins und Drummer Zach Lind, sowie Bassist Rick Burch die bekannte Alternative-Rockband mit dem skurrilen Namen. Mit der Musik sind die vier Freunde aufgewachsen, seit sie als Teenager zusammen als Metallica-Coverband erste musikalische Gewässer erkundeten.

Natürlich haben auch Jimmy Eat World mal klein angefangen. Damals zu Collegezeiten, buchten sie mit Freunden zusammen Shows für kleine Punkbands in schäbigen Clubs und nahmen die Zukunft ihrer eigenen, zu der Zeit noch unbekannten, Band selbst in die Hand.

Zu dieser Zeit studierten sie entweder im Community College oder an der Universität. „Musik zu spielen war immer etwas, das Spaß machte“, erinnert sich Jim. „Es war niemals etwas, was irgendjemand von uns als Plan A angesehen hätte. Wir haben das nicht gemacht, um daraus eine Karriere zu machen. Ich glaube, niemand von uns hatte eine Ahnung, was das für eine Karriere wäre. Ich habe Journalismus studiert und wollte in Richtung Fotojournalismus gehen. Aber dann ergaben sich mehr Möglichkeiten mit der Musik und wir haben uns entschieden, hierfür mehr Zeit zu investieren. Und dabei ist es geblieben“, lacht der Sänger und Songwriter und seine braunen Augen funkeln.

„Lasst es uns versuchen!“

Sie hatten nichts zu verlieren und ergriffen ihre Chance. Die Schule würde immer da sein, falls man sie brauche. „Ich denke nicht, dass es mutig war. Es hat einfach Spaß gemacht. Niemand von uns fühlte diesen Druck: `Wir müssen herausfinden, was wir mit unserem Leben anstellen`. Wenn man darüber nachdenkt, wie die Chancen stehen, den Durchbruch als Band zu schaffen, ist es einfach nur schwer. Das Schlimmste, was hätte passieren können, wäre, mit ein paar lustigen Geschichten aus L.A. zurückzukehren. Also haben wir einfach gesagt: `Lasst es uns versuchen`“, erklärt Jim.

Ein paar lustige Tour-Geschichten haben die vier dann auch auf Lager. Ein Beispiel ist der Dokumentationsfilm der „Pop-Disaster-Tour“ aus dem Jahr 2002, bei der Jimmy Eat World gemeinsam mit Kut U Up und Saves The Day als Supports der beiden Haupt-Acts Green Day und blink-182 spielten.

Mit ihrem selbstbetitelten Debütalbum „Jimmy Eat World“, dem Gitarrist Tom Linton hauptsächlich seine Stimme lieh, verfolgte die Band einen Punkrock-Sound. Darauf folgte „Static Prevails“ im Jahr 1996. Mit ihrem dritten Album „Clarity“ von 1999 wuchs die Wahrnehmung in einer größeren Öffentlichkeit. Dann kam der große Durchbruch mit ihrer Hit-Single „The Middle“ aus dem 2001 erschienenen „Bleed American“-Album, welches heute Kultstatus unter den Fans hat. „The Middle“ wurde zu einer Hymne für eine ganze Generation.

Der Spaßfaktor in jeder Situation

Zu Beginn ihrer Karriere finanzierten Jimmy Eat World ihre Alben hauptsächlich selbst. 1995 wurde die Band bei einem Auftritt von einem Talentscout entdeckt und unterschrieb einen Plattenvertrag bei Capitol Records.

Damit gingen allerdings auch einige Probleme einher. Erst nachdem die Single „Lucky Denver Mint“ von einem großen amerikanischen Radiosender gespielt wurde und dadurch große Beachtung bekam, veröffentlichte das Label den Song. Also nahmen die vier Musiker die Dinge selbst in die Hand und kauften kurzerhand größere Mengen ihres eigenen Albums „Clarity“ und verschickten sie nach Europa, damit es auch dort gehört werden konnte. Wenige Zeit später kam es zur Trennung von Capitol Records.

„Als die Band in die Welt des Musikbusiness eintrat, hatte der Überschuss an Record Labels seinen Höhepunkt erreicht“, erzählt Frontmann Jim. „Major Labels versuchten, jede Indie-klingende Band unter Vertrag zu nehmen, in der Hoffnung, eine neue Band wie Nirvana zu finden. Dabei gaben sie viel Geld aus. Wir haben von diesem Geld nicht viel gesehen. Aber wir haben gesehen, wie damit um sich geworfen wurde“, schmunzelt er.

Das „Bleed American“-Album finanzierten Jimmy Eat World mit Nebenjobs und Tournee-Einnahmen. Jim Adkins erklärt, inwieweit dieser Fluch in gewisser Weise auch ein Segen für die Band war: „Man weiß zu schätzen, was man hat. Immer. Manchmal laufen die Dinge sehr rund. Und manchmal eben nicht. Dann bist du zum Beispiel die ganze Nacht und den ganzen Tag zu einem sehr heißen Ort gefahren und kaum jemand kommt zum Konzert“, lacht er.

„Man kann es entweder so sehen: `Okay, das ist echt schade, wir haben all die Anstrengungen auf uns genommen, um hierher zu kommen. Wir verlieren wahrscheinlich Geld, um vor diesen wenigen Leuten zu spielen`. Oder man sieht es einfach so: `Ich bin hier in dieser Stadt und die Leute wollen die Songs, die wir geschrieben haben, hören`. Alleine zu touren, unsere eigenen Shows zu buchen und sich in diese Richtung zu entwickeln, hat diese Art von Denken gefördert. Jetzt braucht es nicht viel, damit wir Spaß bei der Sache haben. Denn wir suchen immer nach dem Spaß-Faktor in jeder Situation“, sagt Jim.

Jugendliche Energie

Und das kauft man Jim und Tom auch ab, wenn sie auf der schwarzen Couch sitzen und über alte Zeiten sprechen. Vielleicht ist das ihr Erfolgsgeheimnis für eine Band, die seit fast einem Vierteljahrhundert noch immer intakt ist. Auch später auf der Bühne sprühen sie vor jugendlicher Energie, die mit der der jungen Indie-Rockband Razz, der Vorband aus dem Emsland, mithalten kann. Gleichzeitig haben Jimmy Eat World ihr Handwerk perfektioniert, ohne etwas von ihrer Magie einzubüßen.

Dazu passen die Lyrics des neuen Songs „Pretty Grids“, in dem es heißt: „All I see is up-close magic, only sweet because it ends“. Jimmy Eat World sind sich durchaus bewusst, dass alles einmal ein Ende haben wird. Doch das hält sie nicht davon ab, jene Momente zu genießen, in denen ihre Teenagerträume vor ihren funkelnden Augen wahr werden.

Mit ihren Alben „Futures“, „Chase This Light“, „Invented“ und „Damage“ haben Jim, Tom, Rick und Zach ihren charakteristischen Sound definiert. Trotz der großen Auswahl an Songs in ihrem Repertoire aus inzwischen neun Studioalben, lässt die Songauswahl beim Konzert im Huxleys fast keine Wünsche offen. Besonders ergreifend ist die Performance von „23“ und „Hear You Me“. Bei letzterem Song holt Jim die Akustikgitarre raus, während ihn Rick, Zach und Tom begleiten.

Mit Klassikern wie „Bleed American“, „Big Casino“, „Sweetness“, „The Middle“, „Lucky Denver Mint“, „Authority Song“, „Always Be“ und „A Praise Chorus“, um nur einige zu nennen, liefern sie ein energiegeladenes Allround-Paket. Auch aus dem aktuellen Album „Integrity Blues“, welches im vergangenen Oktober veröffentlicht wurde, spielen sie unter anderem „Get Right“, „You Are Free“, „Pass The Baby“, „You With Me“ und „Sure And Certain“, die sich perfekt in die Setlist zwischen die altbekannten Lieblingshits einreihen.

Für kurze Zeit getrennte Wege

Am Ende des Jahres 2014, nach einer erfolgreichen Tour zum zehnjährigen Jubiläum des fünften Albums „Futures“, legten Jimmy Eat World ihre erste Pause nach zwei Jahrzehnten ein. Alle vier gingen für kurze Zeit getrennte Wege, um sich wieder kreativ aufzuladen. So veröffentlichte Sänger Jim eine Reihe von 7‘‘-Singles und trat seine erste Solo-Tour an, bei der er den Titel-Song des aktuellen Albums „Integrity Blues“ schrieb. Währenddessen fing Gitarrist Tom an zu Boxen, Schlagzeuger Zach brachte eine EP heraus und ging mit seiner Frau Holly unter dem Namen The Wretched Desert auf Tour und Bassist Rick eröffnete die „CaskWerks Distillery“ in ihrem Heimatbundesstaat Arizona.

„Wir haben nie so viel Zeit getrennt voneinander verbracht“, berichtet Tom Linton. „Wenn man so viel freie Zeit hat, realisiert man, wie sehr man es vermisst, gemeinsam Musik zu machen. Zumindest ging mir das so, das war eine große Sache. Ich wollte einfach wieder Musik aufnehmen und touren. Ich habe es einfach vermisst“, gibt der Gitarrist zu.

Ein Grinsen macht sich auf Jims Gesicht breit. „Tom hat mich andauernd angerufen: `Hey Mann, wann kommst du wieder?`“, imitiert der Sänger lachend.

Tom stimmt ins Lachen ein und erklärt: „Jim war mit seinem Solo-Ding unterwegs“.

„`Dude, wir müssen wieder anfangen zu spielen. Ich vermisse euch`“, ahmt Jim seinen Kumpel nach und grinst, während ihm seine braun-gewellten Haarsträhnen in die Stirn fallen.

Im November 2015 machten sich die vier Freunde wieder an die Arbeit für das neunte Album „Integrity Blues“, das von Justin Meldal-Johnsen produziert wurde. „JMJ“, wie er von vielen liebevoll genannt wird, ist unter anderem für seine Arbeit mit Beck, Nine Inch Nails, M83 und Paramore bekannt.

Raus aus der Komfortzone

Wie erhofft, hat die kurzweilige Trennung Früchte getragen und neue Ideen sprießen lassen. „Ich denke, es war einfach gesund, etwas anderes zu tun“, erklärt Jim Adkins und führt fort: „Das hat das Songwriting insofern beeinflusst, dass es aufregend war, nach etwas Anderem zu suchen. Daher wollten wir sichergehen, dass es sich nach dem Besten anfühlte, was wir machen konnten, als wir wieder zusammenkamen und das Album machten. Denn warum ein Album machen, wenn man genau das nicht erreicht? Und um das hinzubekommen, war es wichtig, nach neuen Dingen zu suchen und offen für neue Ideen zu sein“, gibt Jim zu verstehen.

Dabei habe auch die neue Perspektive von Produzent Justin Meldal-Johnsen geholfen. Dadurch, dass sich das Quartett seit so langer Zeit kennt, sei es auch wichtig gewesen, die Herangehensweise an das Songschreiben zu verändern. Normalerweise versuche man, aus einer kleinen Idee einen Song zu formen. Um aus der Komfortzone auszubrechen, sei eine genaue Untersuchung der Vorgehensweise und eine gehörige Portion Selbstreflexion erforderlich gewesen.

„Wir kennen uns so gut, dass man die Dinge einfach anpackt“, analysiert Jim. „Manchmal muss man es aber überprüfen, um herauszufinden, warum man tut, was man tut. Und ob man wirklich seine beste Arbeit leistet oder nur bekannte Wege verfolgt, ohne das Problem zu lösen“, so der Sänger.

Bei all den Offenbarungen scheuen sich Jimmy Eat World, besonders Songschreiber Jim, nie, sich zu öffnen und sich von ihrer verletzlichen Seite zu zeigen. Wie wägen sie ab, ob ein Song zu persönlich ist, wenn er gleichzeitig gutes Songtextmaterial hergibt?

„Wenn die Songs geschrieben sind, wählen wir vier die besten Songs aus, die das beste Album ergeben“, erklärt Tom. „Auch, wenn es sich um einen sehr persönlichen Song handelt, spielt das eher weniger eine Rolle“.

Jim stimmt ihm zu: „Ich denke nicht, dass es das Stadium der anfänglichen kleinen Idee überdauern würde, wenn es etwas ist, über das man nicht sprechen möchte“.

„Diese Musik gehört jetzt euch…“

Nach ihrer Europatournee, die sie durch schwitzige Clubs, Konzertsäle und auf die großen Festivalbühnen führte, geht es für Jimmy Eat World im weiteren Verlauf des Sommers nach Nordamerika und Kanada.

„Dieses Jahr war ein ziemlich großes Ding für uns“, erzählt Jim nachdenklich, in seiner Stimme schwingt eine Mischung aus Nostalgie und Stolz mit. „Wir hatten die Chance, das erste Mal nach Südamerika zu gehen. Wir waren seit Langem mal wieder in Japan. Das waren zwei Ziele von uns dieses Jahr. Es fühlt sich so an, als würden wir unsere Zukunftsplan-Liste abarbeiten“, sagt Jim.

Auf der Liste stehen noch Länder wie Island, Indien, Alaska – allerdings nur im Sommer. Jimmy Eat Worlds Arbeit ist also noch lange nicht zu Ende.

„Nächstes Jahr touren wir auch, oder?“, fragt Tom hoffnungsvoll.

„Ja, unsere nächsten Ziele sind erstmal, zu überleben“, lächelt Jim. „Überleben und dann vielleicht über neues Material nachdenken. Man stempelt nie wirklich aus bei diesem Job“.

Es klingt, als hätten sie ein Stück von sich an all den Orten gelassen, an denen sie gespielt haben.

Am Abend bei der Show in Berlin wendet sich Jim Adkins mit einem Funkeln in den Augen und einem warmen Lächeln an das Publikum: „Diese Musik gehört jetzt euch und das kann euch niemand nehmen“.

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externer Link www.jimmyeatworld.com

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