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Stand zum weltgrößten Bandwettbewerb Rede und Antwort: Emergenza-Chef Andrea Petricca.

Den Wettbewerb für sich nutzen, wie man möchte

Emergenza-Chef Andrea Petricca im Interview

19.05.2017, Von: Andreas Haug, Foto(s): Promo/Emergenza/Petricca

Vor dem diesjährigen Hannover-Finale des weltweit ausgerichteten Emergenza-Bandwettbewerbs am 20.Mai im Kulturzentrum Faust, hatten wir die Gelegenheit mit Andrea Petricca, dem Chef von Emergenza zu sprechen. Er hat 1996 das Bandwettbewerb-Festival in Deutschland eingeführt und später über mehrere Länder ausgeweitet. Seit 2005 ist Andrea in seiner offiziellen Funktion C.E.O. und Worldwide Artistic Director. Im Interview spricht Andrea über neue Entwicklungen bei Emergenza und stellt sich offen kritischen Fragen und Themen, die rund um den Wettbewerb zum Teil aufkommen.

Rockszene.de: Hallo Andrea, schön, dass du dir so kurzfristig Zeit für dieses Interview nimmst. Wie läuft es aus deiner Sicht bei Emergenza in diesem Jahr, was gibt es Neues und hast du schon Favoriten unter den Bands?

Andrea Petricca: Aber sehr gern doch, Andreas, es läuft ganz gut, wir arbeiten ja bei Emergenza immer an Weiterentwicklungen. Neu in diesem Jahr ist unter anderem, dass wir Marshall Records aus London als Partner gewinnen konnten, die sich im internationalen Emergenza-Finale auf dem Taubertalfestival Bands anschauen werden und da gibt es für Newcomer Chancen auf einen Plattenvertrag. Bundesweit betrachtet habe ich schon einige interessante Bands im Auge, die eine starke Rolle spielen könnten, wünschen würde ich mir, dass ein Band aus Deutschland beim internationalen Finale am Ende die Nase vorn hat. Bislang waren ja vor allem Bands aus Skandinavien unter den Gewinnern.

Hat es von diesen Emergenza-Finalgewinnern auch mal eine Band ins professionelle Musikgeschäft und dort den Durchbruch geschafft, wie man so schön sagt, und konnte dann später mit Tourneen und Plattenverkäufen Erfolge verbuchen?

Oh ja, bleiben wir bei den skandinavischen Bands, dann fällt mir da in jüngerer Zeit Royal Republic aus Schweden ein, die bei Emergenza erfolgreich abgeschnitten haben und nun im internationalen Rockgeschäft gut mitmischen. In Deutschland etwa haben auch Bands wie unter anderem Emil Bulls, Blackout Problems oder Itchy Poopzkid, die sich kürzlich in Itchy umbenannt haben, am Emergenza-Wettbewerb teilgenommen. Das ist teilweise schon ein paar Jahre her, aber das sind ad hoc Beispiele für Bands, die im Musikgeschäft weitergekommen und sich durchgesetzt haben.

Kann man demnach Emergenza als Karriere-Sprungbrett sehen?

Ja, das kann man durchaus, wenn man es will. Wir können aber keiner Band etwas versprechen, wir sagen nicht: „Wir machen euch groß“, das können wir nicht und das wäre auch eine unseriöse Werbung für Emergenza. Es hängt von vielen Faktoren ab, ob eine Band später Erfolg haben wird oder überhaupt den Wunsch hat, professionell an den Start zu gehen. Viele wollen Musik auch eher als ernstgemeintes Hobby betreiben. Ich sage immer: Man kann als Band Emergenza nutzen, wie man möchte, entweder als Plattform, wichtige Erfahrungen für eine spätere Karriere zu sammeln und eventuell auch gute Kontakte ins Musikgeschäft zu knüpfen oder aber als Möglichkeit, einige Gigs in professionellen Clubs unter technisch-organisatorisch guten Bedingungen zu spielen und Spaß zu haben und das auch mal außerhalb der eigenen Heimatstadt.

Außerhalb der eigenen Heimatstadt? Kannst du das näher erläutern? Mir ist in Hannover in den letzten Jahren übrigens aufgefallen, dass auch immer wieder Bands mit vom Lebensalter reiferen Musikerinnen und Musikern bei Emergenza auftreten, nicht, so wie oft früher, ausschließlich jugendliche Nachwuchsbands.

Genau, für diese Bands kommt vielleicht ein Sprung ins professionelle Geschäft nicht infrage, die nutzen dann Emergenza als Plattform, ein paar Gigs in Clubs zu spielen, auf deren Bühnen sie im Rahmen der eigenen, normalen Konzertorganisation nicht kommen würde, weil diese Clubs in der Regel Tourshows mit zugkräftigen Profi-Bands veranstalten. Man spielt dann in der Emergenza-Saison der jeweiligen Stadt ein paar Konzerte, präsentiert sich vor einem zum Teil neuen Publikum auf professionellen Bühnen und das meist ohne größeren Aufwand, denn die Backline wird ja von uns gestellt. Zum ersten Teil deiner Frage: Wir haben einen Emergenza—Artistpool, d.h. wir bieten engagierten Bands die Möglichkeit, auch Shows in Clubs anderer Städte zu spielen, was sonst besonders schwierig ist, wenn Bands, die noch nicht so bekannt sind, sich selber ihre Touren zusammenstellen.

Das organisieren wir dann. Im Hannover-Finale in der Faust wird beispielsweise die Band Lady Moustache aus Frankfurt und Berlin als special guest außer Konkurrenz vor einem hoffentlich großen Publikum auftreten. Das ist aber nur ein Beispiel. Ein anderes ist –und das ist noch relativ neu- dass wir bei jeder Vorrunde der Band, die die meisten Karten verkaufen konnte, einen Gig in einer anderen Stadt besorgen, als Dankeschön für das erfolgreiche Engagement der Band.

Welche Resonanzen bekommt ihr von den Bands, die bei euch auftreten? Emergenza ist ein großer Bandwettbewerb und traditionell gibt es nicht selten auch mal hitzige Diskussionen und es gibt Kritik am Wettbewerb und den Rahmenbedingungen, Stichwörter Anmeldegebühr, Votingverfahren.

Wir bekommen überwiegend sehr positive Rückmeldungen von den Bands, die meisten sind sehr zufrieden, haben Spaß und melden sich jedes Jahr wieder an. In Hannover habt ihr doch eine Band, die seit Jahren immer wieder mitmacht und für ihre sehr lebendigen, unterhaltsamen und auch witzigen Shows bekannt ist. Wie heißt die Band doch gleich?

Ich denke, du meinst die Band La Puta Cantina….

Richtig, genau. Daran erkennt man doch auch, dass es den Bands Spaß macht und sie sich auf unseren Veranstaltungen wohl fühlen, was vor allem auch an der Arbeit unserer regionalen Emergenza-Manager liegt. In Hannover war das ja viele Jahre Sabrina, in diesem Jahr hat die Organisation bei euch in der Stadt David übernommen.

Im letzten Jahr hat sich aber eine Band offensichtlich nicht wohl gefühlt. Die haben zwar in der Vorrunde ein großartiges Konzert gespielt, haben es mühelos in das Semifinale geschafft, haben dort aber ihre Teilnahme abgesagt. Größere Diskussionen und derbe Kritik gab es entsprechend auf Facebook….auch an Emergenza als Konzert-/Wettbewerbsmodell an sich.

Oh, das ist schade. Es läuft leider nicht immer alles perfekt, aber auch das passiert leider im Verlauf des Wettbewerbs, dass das Umfeld für einzelne Bands dann scheinbar nicht so passt, wie sie es sich vorstellen oder sie mit den Regeln nicht klarkommen, wie etwa Backline-Nutzung oder Umbaupausen. Das ist selten, aber das passiert leider manchmal. Es ist auch schon vorgekommen, dass sich Bands für Emergenza anmelden, erfolgreich durch die Vorrunde kommen und dann zum Semifinale aus Termingründen absagen.

Noch mal zurück zur Anmeldegebühr, zum Publikumsvoting. Es herrscht auch in Teilen der Hannover-Szene die Meinung, Emergenza sei eine „Pay To Play“-Veranstaltung und es hätten nur die Bands eine Chance, die viele Karten verkaufen und die meisten Fans mitbringen würden. Mit viel Qualität und wenigen Fans könne man bei Emergenza nichts erreichen…

Diese Schlagwörter fallen manchmal, das stimmt. Die Kritik war früher noch stärker, hat aber stark nachgelassen, was auch daran liegt, dass wir in den letzten Jahren immer an Emergenza und den Regeln gearbeitet haben. Wir setzen uns mit Kritik auseinander und verbessern den Wettbewerb ständig, wie ich finde. Ich denke, es sind oftmals uralte Vorurteile, die noch aus einer Zeit von vor 15 Jahren oder länger stammen. Einige, die in Foren oder auf Plattformen wie Facebook hart kritisieren, haben bei Emergenza selbst noch nicht mitgemacht, haben halbwissend irgendwo etwas gehört und verstehen die Zusammenhänge, auch, auf was es eventuell später im Musikgeschäft ankommt nicht wirklich.

Dann kläre uns doch bitte mal auf…

Die Anmeldegebühr ist als Deposit zu verstehen. Wir stecken uns dieses Geld nicht ein und verprassen es irgendwo. Die 39 Euro, um die es geht, fließen letztlich an die Bands zurück, sei es über Sachpreise oder aber als Refund von 1 Euro, wenn die Bands Tickets an ihre Fans verkaufen. Der Ticketverkauf ist aber nicht verpflichtend. Wir stellen den Bands Personal, Technik, Catering-Getränke, Backline, mieten die Clubs und kümmern uns um die Organisation. Es kommt vor, dass wir bei einigen Shows in manchen Städten in den Vorrunden finanzielle Verluste machen, die wir dann erst mit den Semifinal-oder Final-Konzerten auffangen.

Da wir zu Beginn von Emergenza das Problem hatten, dass uns Bands für Konzerte erst zugesagt, dann aber kurzfristig wieder abgesagt hatten, wir Einnahmeverluste hatten und auf Kosten hängen blieben, wollten wir mit einer Anmelde-oder Teilnehmergebühr eine Verbindlichkeit schaffen. Wir möchten die Bands auch motivieren, in Sachen Promotion mit uns an einem Strang zu ziehen und ihre Fans für die Shows zu mobilisieren, denn darauf kommt es auch später im Musikgeschäft an, auf die Fanarbeit seitens der Bands. Wer eine gute Fanbase aufbaut, der hat bessere Chancen an attraktivere Shows heranzukommen und später ggf. eine bessere Verhandlungsposition, was etwa Gagen angeht.

Die Fanbase, deren Aufbau und Pflege als wichtiges Kapital für Bands neben der Musik?

So sollte man das im Rock´n´Roll Geschäft sehen. Das Votingverfahren mit den einst etwas theatralischen Handzeichen aus dem Publikum haben wir übrigens abgeschafft. Dass hier früher eine leicht mögliche Ungenauigkeit beim Zählen kritisiert wurde, kann ich nachvollziehen, eine exakte Erfassung von Publikumsstimmen war uns wichtig und somit laufen die Abstimmungen seit diesem Jahr via Software. Man scannt im Club einen QR-Code ein, erhält über das Programm weitere Informationen zu Emergenza und kann direkt über sein Smartphone voten. Man muss hier auch zwingend für zwei unterschiedliche Bands stimmen. Somit haben wir exakte Zahlen. Wer kein Smartphone besitzt, dem helfen unsere Local-Manager mit Smartphones vor Ort.

Aber was ist mit Bands, die ein tolles Set liefern, aber nur eine Handvoll Fans mobilisieren können? Die fallen dann, trotz möglicherweise spannender Musik und toller Show raus?

Nein, das ist oft der Irrglaube. Diese Bands haben die Chance über die Jurystimme in die nächste Runde zu kommen, wenn sie musikalisch und von der Show überzeugen, auch wenn sie theoretisch nur eine, zwei, drei oder gar keine Stimme vom Publikum bekommen hat, wenn ich in Bezug auf die Zahlen mal etwas untertreiben darf. Seit einigen Jahren haben wir bereits in den Vorrunden eine unabhängige Jury. Außerdem ist immer wieder zu beobachten, dass Bands nicht nur mit den Stimmen ihrer eigenen Fans weiterkommen, sondern es auch über das Publikumsvoting schaffen, wenn sie gut oder besonders gut sind und ein neues, bislang fremdes Publikum mit ihrer Show begeistern können. Ich möchte den alten Spruch bemühen: Qualität setzt sich letztlich durch.

Was plant ihr für die Zukunft für Neuerungen und Weiterentwicklungen?

Wir entwickeln gerade ein neues Tool, das den Bands ermöglicht, sich im Wettbewerb gleich für bestimmte Showtage in den jeweiligen Städten fest einzubuchen. Wir wollen für jede Stadt frühzeitig die Termine veröffentlichen, so gibt es für die Bands bessere Planungs-und Steuerungsmöglichkeiten. Dieses neue Tool dürfte vieles weiter vereinfachen, ich hoffe, dass es im nächsten Jahr zur Verfügung steht.

Danke, Andrea für das Interview und weiterhin viel Erfolg

Gern, ich danke dir für das Interesse.

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