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Reibung, Krach und Kreativität: Flo, Gianna und Matze (v.l.n.r.) von der Band Therapiezentrum standen im Rockszene.de-Interview Rede und Antwort.

Reibung, Wärme und reinigende Gewitter

Die Band Therapiezentrum im Interview

06.07.2015, Von: Andreas Haug, Foto: Therapiezentrum, Pressefreigabe

Es war ein schneller, offensichtlich teilweise harter und auch schmerzhafter Weg: In weniger als einem Jahr hat die Pop-Rock-Band Therapiezentrum ihr drittes Album geschrieben und aufgenommen. „Barfuss“, so der Titel, ist Ende Juni erschienen. Es hat schon mal ordentlich gekracht innerhalb der Band, es gab Reibungen, Tränen, Differenzen und dann kreative Höhenflüge, gute Stimmung und neue Entwicklungen. Wir trafen Sängerin Gianna Niemeyer, Gitarrist Matthias „Matze“ Lohmöller und Bassist Florian „Flo“ Breiner in Hannover zum Interview. Drummer Toby Jones hielt im heimischen Osnabrück die Stellung.

Nach Tagen der Schafskälte im Juni 2015 zeigt sich heute die Sonne. Es ist warm. Sehr warm. Gianna, Flo und Matze von der Osnabrücker Band Therapiezentrum sind nach Hannover gekommen. Wir sitzen entspannt in vor einem Café in der Innenstadt und während das Service-Personal zwischenzeitlich immer wieder auf Trab gehalten wird, Wasser, Bitter Lemon, Latte Macchiato, Kuchen oder Gemüse-Lasagne bringen muss, sprechen wir über das, was sich seit August 2014, als Therapiezentrum zuletzt in Hannover auf der Capitol-Bühne des Maschseefestes standen, rund um die Band getan hat. Es gibt einiges zu berichten.

Rockszene.de: Etwas mehr als ein Jahr nach eurem Album „Herz.Rhythmus.Störung“ schiebt ihr mit „Barfuss“ gleich ein neues Album nach. Das ist ungewöhnlich schnell. Die Arbeiten dazu begannen scheinbar schon kurz nach der Veröffentlichung des Vorgängers, während ihr viele Konzerte gespielt habt. Wie kam das?
Gianna: Wir haben im letzten Jahr soviel live gespielt, es ist soviel passiert und wir waren ständig zusammen. Das war eine wundervolle Zeit. Wir waren so motiviert und inspiriert, dass wir gleich weitermachen wollten und uns an neue Songs für das nächste Album gesetzt haben.

Matze: Es ist eben eine ganze Menge passiert, wir haben mit „Herz.Rhythmus.Störung“ einiges bewegt, haben viel in Promotion investiert, neue Kontakte geknüpft, mehr und größere Gigs auch in anderen Städten und Regionen gespielt und da wollten wir die Aufmerksamkeit nicht abreißen lassen und gleich mit neuem Material nachlegen. Das heiße Eisen weiterschmieden sozusagen. Es waren wahnsinnig viele Ideen da und da haben wir gleich wieder losgelegt.

Ihr habt euch zum Komponieren und für die Vorproduktion sogar extra an die Ostsee nach Travemünde zurückgezogen…

Matze: Das war im September letzten Jahres und wir wollten mal in einer anderen Umgebung jenseits der Heimat schauen, wie das Schreiben zu viert klappt. Es lagen noch einige Ideen rum, die haben wir in Form gebracht und auch komplett neue Songs geschrieben. Dort haben wir den Grundstein für das Album gelegt.

Wie war dieser Prozess für euch, ging euch das locker von der Hand? Ich habe irgendwo erfahren, dass auch Tränen geflossen sein sollen. Wie kann man sich die Zusammenarbeit in Travemünde vorstellen, hängt man da als Band viel ab und feiert oder war das eher eine anstrengende Angelegenheit?<

Gianna: Wie gesagt, wir waren im letzten Jahr viel zusammen, haben einander akzeptiert, aber vieles nicht ausgesprochen, was sich angestaut hatte. Das kam dann in Travemünde alles raus. Es hat dann tierisch gekracht, wir haben uns angeschrien, wir haben geweint, sind viel einzeln spazieren gegangen. Da war dann richtig gut, um neu anzufangen, produktiv und kreativ zusammenzuarbeiten. Das war absolut nötig. Ich bin froh, dass es so gekracht hat.

Matze: Es ging auch darum, Grenzen auszuchecken.

Flo: Wir wollen noch möglichst lange zusammen sein und da musste man diese Grenzerfahrung wohl auch einfach mal machen.

Hm, da möchte ich nochmal nachfragen. Ich hatte ja letztes Jahr auch einige Shows gesehen und hatte ich nicht das Gefühl, dass es Konflikte gibt. Es wirkte vieles wie aus einem Guss, eine harmonische Band, vieles war erfolgreich und dann habt ihr euch im Kreativprozess gefetzt? Darf ich mal ganz vorsichtig fragen, was da war?

Matze: Es ging halt um eine gesunde Reibung. Wir haben die musikalischen Differenzen geklärt…

Flo: …zwischenmenschliche Differenzen…

Matze: …genau, haben aber auch einen sachlichen Weg gefunden, wie wir miteinander arbeiten können. Wir haben das eben ausgetragen und ich denke, das ist ganz gesund für uns. Jetzt wissen wir, wo wir stehen und dass wir zusammen weitermachen wollen.

Gianna: Wenn du ein konkretes Beispiel haben möchtest, wovon ich erzählen kann: Ich bin die einzige Nichtraucherin in der Band. Auf dem Rückweg von einer Show, wenn alle müde im Bandbus sitzen kommt es dann mal vor, dass jemand auf die Idee kommt im Bulli zu rauchen. Da werde ich stinkwütend, will aber auch nicht der Spießer sein, zu sagen: Im Bulli wird nicht geraucht! Nun gibt es sogar ein Lied darüber auf dem neuen Album: „Sieben Meter“ . Darin verarbeite ich das auch nochmal und jetzt ist klar: Im Bulli wird nicht geraucht während der Fahrt. Das musste einfach mal sein (lächelt).

Und wie fühlt sich die Raucherfraktion dabei?

Flo: Wir brauchen halt ewig, um beispielsweise nach München zu fahren. Da müssen wir alle 20 Minuten anhalten, um zu rauchen. Aber geht. Solange wir noch „Bi-Fi“ essen dürfen… (schmunzelt).

Stichwort München. Da habt ihr kürzlich beim „Tunix-Festival“ gespielt. Ihr habt bislang hauptsächlich in Norddeutschland gespielt, München war da wohl euer bislang am weitesten entfernter Gig. In Süddeutschland gehen ja teilweise die Uhren kulturell ein wenig anders. Wie war da die Akzeptanz des Publikums auf euch und eure Musik?

Matze: Ist gut angekommen. Bei den Ansagen wurde einiges nicht verstanden oder wir haben deren Humorebene nicht erwischt. Aber alles in allem war das ziemlich cool. Da müssen wir wieder hin.

Gianna: Ja, am Ende habe ich die Leute gekriegt. Ich weiß nicht ob das Zufall war, aber als ich sie einmal beleidigt hatte, da sind sie vor die Bühne gekommen. Ich glaube, das hat bei den Münchnern funktioniert, warum auch immer (lacht).

Wie hast du das Publikum beleidigt, was hast du gesagt?

Gianna: Ich habe sie alle „faule Säcke“ genannt, weil sie alle an den Bierzeltgarnituren und auf Bierbänken saßen.

Flo: Genau. Aber mit so einem Liter Bier unter dem Arm, ist es auch schwierig zu tanzen (schmunzelt).

Gianna: Das ist wahr (lacht).

Ihr habt für dieses Album auch wieder Fabio Trentini, einigen wohl von seinen Arbeiten für und mit Guano Apes, H-Blockx oder Subway To Sally bekannt, als Co-Produzenten dabei gehabt. Er hat bei euch auch Songwriting-Credits. Gianna und Flo, ihr seid für einzelne Gesangs-und Bassaufnahmen extra nach Italien geflogen. Das wirkt relativ aufwändig für eine Band eures Status. Wie war Fabios Input in Sachen Songwriting und Produktion, wie lief die Zusammenarbeit genau?

Matze: Dass es die Aufnahmen in Italien gab, hatte zunächst einmal mehr pragmatische Gründe, weil mein Studio in Osnabrück belegt war. Wir hatten einen sehr engen Zeitplan und Fabio hatte die Möglichkeit, bei sich im Studio aufzunehmen. Ich glaube, es war auch für Gianna eine gute Erfahrung, mal mit jemandem anderes zu arbeiten und andere Inspirationen zu bekommen, zumal Fabio ein paar Jahre mehr Background hat und auf diesem Gebiet ein richtiger Crack ist. Das hat Gianna viel gebracht und auch mir als Produzent in Osnabrück viel gebracht, letztlich über die Erfahrung, die sie aus Italien mitgenommen hat.

Flo: Für mich war es besonders interessant, weil Fabio ja seit ungefähr 120 Jahren Bassist ist und mir helfen konnte. Wir haben viel herumprobiert und da sind einige coole Sachen für die Platte entstanden. So ein Bassist denkt ja nochmal ganz anders als beispielsweise ein Gitarrist, nicht wahr, Matze? (alle am Tisch schmunzeln d.-Verf.). Mir hat das auf jeden Fall eine Menge gebracht. Außerdem weiß ich jetzt, wie man mit Instrumenten reist. Das ist gar nicht so schlimm.

Gianna: Außerdem mögen wir Fabio sehr. Er passt einfach so gut zu uns. Ich weiß gar nicht, was es ist. Wir haben ihn alle total lieb und ich glaube, er hat uns auch lieb.

Matze: Ich wäre so gern mitgefahren…. nächstes Mal…

Hat er bei bestimmten Songs einen besonderen Einfluss gehabt, bestimmte Parts geschrieben, arrangiert oder sogar eingespielt, was war da genau?

Gianna: Bei „Unser Märchen“. Da hat er eine Basslinie im C-Part geschrieben, in die sich Flo auch erstmal reinfuchsen musste, weil die sehr speziell war. Die hat aber dem Song nochmal ganz viel gegeben.

Matze: Ansonsten waren es in erster Linie Arrangements. Da hat er ein unglaubliches Gespür für Dramaturgie und Längen.

Matze, du bist bei Therapiezentrum gleichzeitig Musiker, Produzent und Studioengineer. Ist das ein Vorteil für die Arbeit, weil man mit allem sehr vertraut ist oder fehlt einem da nicht doch manchmal die gewisse Distanz zur Musik, die man selbst geschrieben hat und spielt?

Matze: Distanz ist auf der einen Seite sicherlich ein Problem und Betriebsblindheit kommt dann schnell dazu, der Vorteil ist definitiv, dass ich Änderungswünsche beim Produzieren und Aufnehmen schneller umsetzen kann. Ich muss dann nicht einem anderen Gitarristen zeigen, wie ich es mir vorstelle, sondern spiele es einfach drauf.

Wie ist das für den Rest der Band? Ein Produzent ist in seiner Rolle ja eigentlich eine neutrale Person, die auch mal dazwischen geht. Ist es für euch da besser, eine vertraute Person, wie in diesem Fall Matze, zu haben oder entstehen wegen dieser Situation nicht auch mal leichter Konflikte?

Gianna: Mir kommt da eigentlich nur positiv vor, dass Matze beide Rollen hat. Wir haben ja schon zusammengearbeitet, wir haben einen Ton untereinander und wissen, wie wir miteinander funktionieren. Was die Außenansicht einer neutralen Person angeht, dafür hatten wir dann zusätzlich Fabio im Boot. Trotzdem haben wir alle, glaube ich, vollstes Vertrauen in Matzes Ideen und Entscheidungen.

Flo: Wir haben aber auch viel diskutiert…

Gianna: …ja, das ist ja klar, wir sind ja alle Bandmitglieder, dennoch hat dann Matze meist das letzte Wort und die besseren Argumente.

Ihr habt mit „1000 Mal so stark“ und „Wir stehen im Regen“ in einem Zeitraum von nur zwei Monaten vor Album-Veröffentlichung gleich zwei Singles nebst Videoclips veröffentlicht. Das sind Songs und Videos, die sich sehr voneinander unterscheiden. Wie waren die Resonanzen darauf, wie werdet ihr insgesamt wahrgenommen, als eher konservative Pop-Rock-Band mit balladeskem Einschlag oder als die positiv-aggressive, moderne, groovende Rockband mit Indie-Touch und tanzbaren Beats?

Gianna: Ja.(lacht)

Flo: Schöne Antwort.

Matze: Letztendlich hat die Platte eine sehr viel größere Bandbreite als „Herz.Rhythmus.Störung“. Mit der ersten Single knüpfen wir quasi an dieses Album an, zeigen dann aber mit der zweiten Single unsere Interessen und wo die Reise hingeht.

Gianna: Und bei „1000 Mal so stark“ war das ein erstes gemeinsames Gefühl. Als ich den Song eingesungen haben, waren wir uns einig: Das kann eine Single werden. So grob und unfertig sie da noch war. Daran haben wir einfach festgehalten.

Das heißt dann aber, Therapiezentrum wird dann zukünftig doch eher in die Schiene von „Wir stehen im Regen“ gehen, also eher härter, rockiger…

Matze: Wir bleiben da flexibel, werden aber sicher härter werden.

Gianna: Das hängt von den unterschiedlichen Einflüssen der einzelnen Bandmitglieder ab. Wir werden auch zukünftig Schnulzen wie „Sternenstaub“ dabei haben. (lacht)

Oh, der Klassiker. Die von Bands oft strapazierten unterschiedlichen Einflüsse der einzelnen Bandmitglieder. Wo liegen denn eure Einflüsse? Habt ihr Lieblingsbands?

Gianna: Bei mir sind das The Who aus den Sechzigern und Siebzigern die mich ganz stark geprägt haben, dann kommt die Grunge-Zeit. Ich mag halt gern handgemacht und dreckig. Ganz besonders Hole und deren Sängerin Courtney Love. Sie ist ein großes Idol von mir.

Matze: Wenn mich eine Band besonders geprägt hat, dann sind das Queen.

Das hört man dem neuen Album hier und da bei einigen Arrangements und von der Produktion ein ganz klein wenig an, finde ich. Und bei dir, Flo?

Flo: Meine absolute Lieblingsband ist Muse, dicht gefolgt von Bon Jovi….

Gianna: Echt peinlich! (alle lachen)

Flo: …Guns ´n´Roses… also eher so die „Dicke-Hose-Bands“

Und bei eurem Schlagzeuger Toby?

Gianna: Madonna…. Justin Timberlake findet er ganz toll (lacht)

Matze: Toby kommt eher so aus der Ecke Korn.

Flo: Er hört aber aktuell viel Popmusik. Das ist aber sehr gemischt.

Ihr veröffentlicht nun euer neues Album „Barfuss“, es gibt dazu aber keine Tour oder wenigstens mehrere Konzerte, nur ein paar sehr wenige verstreute Termine. Bei anderen Bands steht oft dann auch gleich eine Tour an. Was geht bei euch live?

Flo: Nix! (lacht). Nein, im Ernst: Wir kümmern uns was die Band angeht ums sehr, sehr vieles selbst und haben uns entschieden, jetzt über den Sommer und zur Veröffentlichung der Platte nur wenige, ausgesuchte Shows zu spielen. Wir werden dann sicher mehr zum Herbst-/Winter 2015/2016 machen.

Matze: Das ist auch der Plan. Wir sehen uns in erster Linie als Live-Band und wollen möglichst viel spielen. Dafür machen wir das. Nun ist die Platte fertig und wir schauen, was wir mittel-und langfristig planen können.

Gianna: Wir wollen spielen und wir werden spielen. Wir wissen nur noch nicht genau wann und wo.

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