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Steht für besondere Kunst und Fiktion: Steven Wilson zeichnet auf seinem Konzeptalbum "Hand.Cannot.Erase" die mysteriöse Geschichte über das Verstecken und Verschwinden einer jungen Frau in London nach.

Verstecken und Verschwinden

Die Story hinter Steven Wilson´s „Hand.Cannot.Erase“

16.03.2015, Von: Andreas Haug

Konzeptalben, die menschliche Isolation, Desorientierung und Vereinsamung in der modernen Großstadt-Gesellschaft im Kern oder teilweise thematisieren, gibt es einige in der Musikgeschichte. „The Wall“ von Pink Floyd etwa oder auch „Brave“ von Marillion. Nun hat sich der Progressive-Rock-Musiker Steven Wilson ebenfalls dem Thema auf beeindruckende Weise gewidmet. Sein neues, international vielbeachtetes Album „Hand.Cannot.Erase“ ist von der Geschichte einer jungen Frau inspiriert, die über einen Zeitraum von drei Jahren tot in ihrer Wohnung lag, ohne, dass sie zuvor jemand vermisst hätte. Wir betrachten die Geschichte ausführlicher.

Steven Wilson hatte zuvor angekündigt, sich im Zusammenhang mit „Hand.Cannot.Erase“ die Messlatte selbst bewusst höher zu legen, als bei seinen vorherigen Werken. Das konnte man nach dem nahezu überragenden Vorgänger „The Raven Refused To Sing (and other stories)“ und der dazugehörigen, atemberaubenden Live-Produktion als durchaus ambitioniert betrachten. Konnte da in Sachen Musik und Präsentation überhaupt noch mehr gehen?

Musikalisch eher nicht und auch die ersten Eindrücke der abermals hochkarätigen Live-Produktion zeugen zwar von einem sehr hohen Niveau, das „The Raven (…)“-Projekt zu toppen, vermag „Hand.Cannot.Erase“ auf den ersten Blick nicht. Wäre da nicht die Deluxe-Version des Albums, ein aufwändig gestaltetes Fotobuch mit CDs, DVD und Blu-Ray, das optisch, wie textlich in markanten Ausschnitten das Leben einer jungen Frau nachzeichnet, die sich in dieser Geschichte augenscheinlich am 2.März 2015 das Leben genommen hat. Exakt am Veröffentlichungstag des Albums in Großbritannien. So ist die auf realen Begebenheiten basierende fiktive Story dramaturgisch in dem Buch aufgebaut.

Aufwändig gestaltetes Fotobuch mit CDs, DVD und Blu-ray

Das Buch enthält zu Fotos und Zeichnungen illustrierende Album-Songtexte und in loser Abfolge fiktive Tagebuch-Einträge der nicht namentlich näher genannten Protagonistin. Zusätzlich –und das hat es in dieser Form so noch nicht gegeben- liegen, über die Buchseiten verteilt, täuschend echt imitierte Zeitungsartikel über vermisste und verschollene Frauen, eine Geburtsurkunde, eine Postkarte, die Titelhülle einer Musikkassette, ein handgeschriebenes Tagebuch mit Zeichnungen ein Heft mit dem Titel „Key Of Skeleton“ mit wirren Skizzen und Texten sowie ein unvollendeter Brief an den Bruder der jungen Frau bei. Handgeschrieben. Im Buch abgedruckt findet man unter anderem noch ein Schulzeugnis, eine Verhaltensbewertung aus der Kindheit und weitere Zeitungsartikel über verschwundene Frauen.

Das Interesse an diesem in der Musikwelt bis dato außergewöhnlichen Werk war im Vorfeld so groß, dass es in Deutschland am Veröffentlichungstag so gut wie ausverkauft war. Für die limitierte Fassung von „Hand.Cannot.Erase“ in der beschriebenen Deluxe Version wurde ein regulärer Preis von rund 75 Euro aufgerufen. Bereits ein Tag nach der Veröffentlichung in Deutschland, am 28.Februar, kursierten Angebote im Bereich zwischen 100 und 200 Euro im Netz. In Großbritannien hatte bereits ein Internethändler das CD/DVD-Foto-Buch für einen sehr hohen Preis angeboten, obwohl das Werk dort erst am 2.März erscheinen sollte. Vorbestellungen bekam er dennoch schon.

Wahrnehmung auch ohne Präsenz auf Streaming-Diensten

Im Zusammenhang von Steven Wilson und „Hand.Cannot.Erase“ trifft die heutzutage oft zu hörende Meinung, Musik sei kommerziell kaum noch etwas Wert, die Leute würden immer weniger Geld für Veröffentlichungen und Konzertkarten ausgeben wollen, Bands und Künstler immer schlechter bezahlt werden, wohl kaum zu. Das Album stieg in Deutschland auf Platz 3 der Album-Charts ein, viele Konzerte von Steven Wilson sind hierzulande im Vorfeld ausverkauft, der Künstler ist Top-Thema in nahezu allen Musikmagazinen, die sich mit Rockmusik auseinandersetzen. Steven Wilson wird wahrgenommen, ohne dass seine Alben derzeit bei Streaming-Diensten wie Spotify zu hören sind. Das scheint in der heutigen Zeit besonders bemerkenswert.

Daraus lässt sich die These ableiten, dass Menschen für außergewöhnliche Musikkunst, verbunden mit inhaltlich spannenden Geschichten präsentiert in spezieller, hochwertiger Aufmachung bereit sind, namhafte Summen an Geld zu bezahlen.

Bei „Hand.Cannot.Erase“ einem auch für ein breiteres Publikum durchaus gut hörbares Progressive-Rockalbum, auf dem auf extreme Frickelei, übermäßige Härte oder besonders krumme Rhythmen wie instrumentelle Solo-Eskapaden weitgehend verzichtet wird, ist vor allem die Geschichte interessant.

Isolation und Vereinsamung

Die Protagonistin führt in loser Folge ein Tagebuch, dessen erster Eintrag auf den 8.Oktober 2008, ihren 30.Geburtstag, datiert. In kleinen und größeren Zeitsprüngen wird der Leser/Hörer beim Betrachten von zum Teil ungeheuer hochwertigen und stimmungsvollen Fotografien über fast sechseinhalb Jahre durch das Leben der jungen Frau geführt. Kurze markante Ereignisse, Begebenheiten und Gedanken werden in den Tagebucheinträgen wie Schnappschüsse dargereicht. Bis die Geschichte und das -zumindest irdische- Leben der Frau am 2.März 2015 endet.

Eine Geschichte über Isolation und Vereinsamung eines jungen Menschen in der Großstadt, in diesem Fall London. Was Steven Wilson so stark inspiriert hat, dass es hier nicht um einen hochbetagten Menschen geht, der ohne Angehörige und kaum soziale Kontakte in seiner Wohnung verstirbt und erst Tage oder Wochen später dort aufgefunden wird, sondern um eine junge Frau, die scheinbar mitten im Leben stand, einer Arbeit nachging, soziale Kontakte pflegte ohne diese allerdings zu vertiefen. Drei Jahre habe diese Frau tot in ihrer Wohnung gelegen und niemand habe etwas gemerkt. Diesen ungeheuerlichen Fall habe Wilson zu dieser Geschichte inspiriert, wie er im Interview der DVD-Dokumentation erklärt.

Isolation und Vereinsamung im Großstadtdschungel, werden bei „Hand.Cannot.Erase“ nicht von Drogenmissbrauch oder irgendwelchen düsteren Exzessen thematisiert. Das unterscheidet das Werk in der Ausarbeitung von etwa „The Wall“ von Pink Floyd oder „Brave“ von Marillion. Es sind vielmehr Ängste, wie die nach konsequenter Bindung an Menschen, die subtil das Leben und Verhalten der Protagonistin beeinflussen und schließlich bestimmen. Für sich allein zu sein, Zeit für sich zu haben, genießt sie zeitweilig bereits als junges Mädchen. Dass in diesem Zusammenhang später massive Probleme entstehen, erfährt man langsam aber sicher in dem von Oktober 2008 bis März 2015 geführten Tagebuch.

Ein freundliches Mädchen mit großer Phantasie

Sie sei ein freundliches, aufgewecktes intelligentes Mädchen mit einer großen Phantasie, sie halte sich lieber in einem kleinen Kreis von vertrauten Personen auf, als in größeren Gruppen, ihr Potenzial würde sie nicht vollkommen ausschöpfen, heißt es in einer Beurteilung in Kindheitstagen.

Die Mutter ist gebürtige Italienerin, der Vater, das geht aus der Geburtsurkunde hervor, Elektroingenieur. Das Mädchen hat einen Bruder und wird schon früh zur Selbstständigkeit erzogen, kocht für sich selbst und wäscht ihre Kleidung. Sie liebe ihre Eltern und ihren Bruder schreibt sie am 10.Januar 2009, was den Familienmitgliedern aber wirklich gemein sei, sei die DNA.

Im Alter von 13 Jahren adoptieren die Eltern ein 16-jähriges Mädchen. Die beiden Mädchen werden zwar keine Freundinnen, pflegen aber ein Verhältnis, was auf die Jüngere großen Eindruck macht. Man unternimmt Ausflüge, die Ältere zeigt Lieblingsbücher, man stellt ein gemeinsames Mixtape her, die jüngere raucht mit ihrer Adoptiv-Schwester ihre erste Zigarette.

Nach einem halben Jahr nimmt das Verhältnis ein jähes Ende. Die Eltern trennen sich, die Adoptivschwester zieht zu einer anderen Pflegefamilie, die Protagonistin der Geschichte ist allein und leidet zunächst unter der Trennung. Dann verschwindet ihre Schwester irgendwo in tieferen Schichten des Gedächtnisses, bis das junge Mädchen sich nicht mehr an das Gesicht, an die Stimme und noch nicht einmal mehr an den Namen ihrer Schwester erinnern kann. Das dazugehörige Stück „Perfect Live“ ist von einem stimmungsvollen, feinfühligen Video-Clip begleitet.

Das Mädchen widmet sich der Malerei, entschlüsselt in ihren Bildern die Welt so, wie sie diese sieht. Öfter will sie unsichtbar sein. Es sei für sie bemerkenswert, wie einfach es sei, in der Gesellschaft, speziell im College nicht wahrgenommen zu werden und schließlich zu verschwinden, obwohl man physisch anwesend ist, erklärt sie in am 14.Dezember 2009: „Be plain in sight, but don´t let anyone see you“.

Eine erste ernsthafte Beziehung bahnt sich im zweiten College-Jahr zu einem Fotografen auf. Zuviel Nähe und Bindung sind der jungen Frau aber unangenehm. Wenn sie mit ihrem Freund die Zeit verbringt, denkt sie bereits daran, bald wieder allein sein zu können. "Wo soll man hingehen, wenn man nirgends hingehört?", fragt sie am 28.September und beantwortet sich die Frage gleich selbst: In die Stadt. Dies sei der beste Ort, sich zu verstecken.

Dennoch mischt sie sich unter Leute, geht auf Partys, ist gut im Small-Talk, empfindet den Umstand, in London Partys zu besuchen aber eher wie ein Ritual, ähnlich dem, eine Kirche zu besuchen.

Laika und der Sternenhimmel

Die Frau geht einer Arbeit nach, arbeitet im Schichtdienst. Als sie spät nachhause kommt, sitzt vor ihrer Tür eine Katze. Sie nimmt das Tier bei sich auf und tauft es in einer Nacht, als sie gen Himmel zu den Sternen schaut auf den Namen Laika. Das ist im März 2011. Sie erinnert sich an die russische Hündin, die in den 1950er Jahren streuend in Moskau gefangen wurde um sie zu Versuchszwecken der Raumfahrt, per Rakete und Raumfahrtkapsel in das Weltall zu schicken. Man ging davon aus, dass die Hündin nicht überleben werde, aber da sie offenbar in der Stadt streunend ohne feste Bezugsperson war, griff man sie auf.

Sie liebt es, den Nachthimmel, die Sterne und Lichter zu beobachten und hat das Gefühl, dass „da oben“ noch etwas ist, das näher als Heimat ist.

Die junge Frau ist zunehmend im Internet aktiv, hat sich von einer Arbeitskollegin eine Facebook-Seite einrichten lassen. Zunächst nur zögerlich am Start, ist sie bald nächtelang im sozialen Netz unterwegs, diskutiert in Foren, bis sie nach sechs Monaten ihr Profil wieder löscht. Es fühle sich gut an, sich selbst wieder zu löschen, schreibt sie am 19.Juni 2011. „Me, the disappearer“.

Glück zwischen Abfahrt und Ankunft

Sie interessiert sich für Meldungen über verschwundene Frauen, sammelt Zeitungsmeldungen. In unregelmäßigen Abständen wird sie von „Besuchern“ befragt. Ob diese real sind oder im Geiste auftreten, wird in der Geschichte nicht ganz deutlich. Im September 2011 soll sie ihre bislang glücklichsten Momente beschreiben. Das sei im Alter von vier oder fünf Jahren gewesen, als sie mit ihrer Mutter an die See nach Wales gefahren sei. Die glücklichsten Momente seien für sie irgendwo zwischen Abfahrt und Ankunft.

Am 17.Oktober 2011 der Eintrag, dass ihre Katze Laika seit einer Woche verschwunden sei. Sie wirft das Tierfutter weg und resigniert: „Another Waste Of Time“.

Am 1.November 2011 notiert sie, dass sie im vergangenen Monat kaum 20 Worte gesprochen habe.

Ein Sprung auf den 28.März 2013: Sie findet eine mysteriöse Geschichte über das Verschwinden einer Frau Ende des 19.Jahrhunderts und deren plötzlichen Auftauchens und Todes durch einen Verkehrsunfall in den 1950er-Jahren des 20.Jahrhunderts.

Ende April 2014 verschlechtert sich der Zustand der jungen Frau zusehends. Sie malt ein Selbstporträt und reflektiert die Anonymität der Großstadt. Gegen 3.25 Uhr schaut sie aus einem dunklen Zimmer ihrer Wohnung auf eine weiter entfernte Bushaltestelle unten auf der Straße. Ein junges Mädchen scheint sie von dort aus gezielt anzustarren obwohl es sie eigentlich von dort aus nicht sehen kann. Direkt in die tief erschütterte Seele.

Am 24.November 2014 wacht sie eines Nachts auf und findet auf einem Tisch einen Umschlag mit der Aufschrift „A list of betrayels“, traut sich diesen aber nicht zu öffen.

Anfang Dezember 2014 stellt sie sich die existenzielle Frage: „Warum bleibe ich immer noch?“

Ein unvollendeter Brief an den Bruder

Die Vereinsamung ist weit fortgeschritten, es stellen sich offenbar Halluzinationen ein. Weil sie seit Monaten keine Anrufe mehr erhalten hat, will sie prüfen, ob der Anschluss überhaupt noch funktioniert. Sie steht mitten in der Nacht auf, zieht sich an, geht runter auf die Straße zu einem Münzfernsprechapparat an der Bushaltestelle und wählt ihre eigene Nummer. Freizeichen. Plötzlich nimmt sie am anderen Ende der Leitung eine Stimme wahr, im Hintergrund läuft Musik aus dem Mixtape ihrer ehemaligen Adoptivschwester.

Man würde auf sie warten, sagt die Stimme am anderen Ende der Leitung und im Übrigen sei die Milch aufgebraucht, sie möge neue mitbringen, wenn sie zur Wohnung zurückkehrt. Das tut die verwirrte Frau, stellt aber fest, dass niemand in der Wohnung ist und verbringt die Milch im Kühlschrank.

Am 21.Dezember 2014 erhält sie Nachricht von ihrem Bruder, der mit Frau und Kind lebt und sie über das Weihnachtsfest einladen möchte. Vier Jahre sei sie nicht mehr dort gewesen und sehe sich dieses Mal nicht in der Lage, dorthin zu reisen. Sie schreibt am 22.Dezember ihrem Bruder von finanziellen und anderen Problemen, dass sie Geschenke hätte, nun aber zu müde sei, den Brief zu beenden. Das wolle sie am nächsten Tag nachholen. Dieser handgeschriebene Brief in einem Umschlag ist die letzte Zugabe in diesem Buch.

Im Tagebucheintrag vom 28.Februar 2015 schreibt sie, dass sie bereit sei, zu gehen.

Auf den letzten Seiten des Buchs erblickt man einsame, nächtliche Landschaften mit einem gleiß-hellen Licht am Himmel, so, als ob ein Raumschiff gelandet wäre, auf das man sich zubewegt.

Der letzte Eintrag am 2.März 2015: „Ascendant Here On“ – Aufgang hier.

Steven Wilson hat kürzlich in einem Facebook-Post angekündigt, dass diese in limitierter Stückzahl produziert Deluxe-Version von „Hand.Cannot.Erase“ nicht mehr aufgelegt werde. Wenn sie vergriffen sei, sei sie vergriffen.

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externer Link www.stevenwilsonhq.com
externer Link www.handcannoterase.com

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