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Nach elf Jahren und einer längeren Bandpause zurück auf dem Fährmannsfest: Die Fun-Punker von Rotz auf der Wiese sorgten am frühen Samstagnachmittag für ordentlich Stimmung.

„Wir alle sind das Fährmannsfest“

So liefen die Auftritte der Szene-Bands aus Hannover

13. August 2019, Von: Heiko Mohr, Foto(s): Heiko Mohr

Das war es schon wieder, mit dem diesjährigen Fährmannsfest. In unseren Berichten konntet ihr schon viel über die allgemeine Stimmung und die Headliner erfahren. In diesem Artikel soll es um die Bands gehen, die das Fährmannsfest erst zu dem machen was es ist, die Szene-Bands aus Hannover. Um es mit den Worten von UrSolar-Frontfrau Nessa zu sagen: „Wir alle sind das Fährmannsfest".

Die Bands der hannoverschen Musikszene starten am Samstag in das Fährmannsfest. Schon früh gut besucht, beginnt der Nachmittag mit Die Postpunk, die seit 2012 aktiv sind. Ein eingespieltes Team und an diesem punkrock-lastigen Samstag eine gute Grundlage für alles, was noch folgt. Und das was folgt, ist seit 1994 eine Institution in Sachen Fun-Punk in Hannover.

Rotz auf der Wiese spielten nach zehn Jahren Bandpause im November letzten Jahres wieder das erste Festival in Hameln und feiern in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bandjubiläum. Dieses Jahr kommen sie dann zurück zum Fährmannsfest. Ihr letztes Gastspiel beim Fährmann liegt mittlerweile elf Jahre zurück. Ihre Fans sind treu, pünktlich und nach wie vor überaus textsicher. Fast, als wären Rasti, Hurricane Hardy und Dr. Puzzy Dreschplatz nie weg gewesen.

Vorschau Bild 1Vorschau Bild 2Vorschau Bild 3Fotostrecke (5 Bilder) -Foto(s): Heiko Mohr

Und weil das an Szene-Einschlag noch nicht reicht, betritt anschließend nun Volter die Bühne. Die Band um Frontmann Gregor, der aussieht und klingt wie ein verlorener Sohn des mächtigen Lemmy Kilmister, hat 2018 in Wacken gespielt und schießt mit lautem, dreckigen Rock ´n Roll der alten Schule direkt los. Gregor wird dabei von Jake an der Gitarre und von Anton an den Drums unterstützt. Als besondere Überraschung, betritt nochmals Hurricane Hardy von Rotz auf der Wiese die Bühne und spielt mit Volter zusammen den letzten Song. Hardy war bis vor kurzem noch bei Volter für die Saitenarbeit zuständig und die Chance nochmal mit dieser Band zusammen auf einer großen Bühne zu spielen, wird kurzerhand genutzt.

Das Publikum ist mittlerweile noch zahlreicher geworden und es scheint so, als würde es heute keine Headliner oder Support-Acts geben. Alle Bands haben den gleichen Stellenwert. Egal ob sie aus den Proberäumen Hannovers auf die große Bühne an die Leine kommen oder aus Berlin und Rostock, wie ZSK und Dritte Wahl, die an diesem Tag für den vollständigen Abriss gebucht sind.

Und während am späten Abend Dritte Wahl auf der Musikbühne spielt, passiert auf der kleineren Kulturbühne etwas Interessantes. Zwei Musiker betreten die Bühne und machen sich für Ihren Auftritt startklar. Zwei Musiker, Lars am Bass und Carlo am Schlagzeug. Mehr braucht es nicht für TLR, um wahnsinnig energetischen „Post-Punk-Core-Something“ zu spielen, wie sie es selbst beschreiben. Die Band ist eine echte Bereicherung und live können die beiden absolut überzeugen. Wer dabei war, weiß nun auch, was TLR heißt. Denn bei Ihrem zweiten Song flüstert Sänger Lars die magischen Worte „Wir sind Teller“ ins Mikro.

Vielseitiges Programm abseits von Genre-Schubladen am Sonntag

Der Sonntag ist musikalisch etwas breiter gefächert. Den Start macht die Post-Rock Band Lorimer Burst, die vor einigen Wochen ihr Debut Album „Dispersion“ veröffentlich hatte. (Wir berichteten) Das Publikum scheint den instrumentalen und verträumten Sound der Band gut aufzunehmen. Der freie Eintritt und das gute Wetter haben eine große Zahl vielseitig musikalisch Interessierter angelockt und Lorimer Burst ist der richtige Einstieg. Eine üppige Lichtshow und Videoinstallationen, wie auf ihrem Releasekonzert vor einigen Wochen im OSCO - Open Space Hannover, gibt es diesmal nicht. „Das wäre bei hellem Tageslicht auch nicht so imposant rübergekommen", erzählt mir Bassist Matthieu. Auf meine Frage, was ihnen hier beim Fährmannsfest am besten gefiel, lässt mich Drummer Arne wissen: „Wir kamen hier an und auf einmal standen da direkt vier Leute, die unser Zeug tragen, auspacken und aufbauen. Sowas sind wir nicht gewohnt und wir fühlen uns sehr gut aufgehoben hier.“

Den Anschluss an das verträumte Set von Lorimer Burst macht Martiste. 2014 in Hannover als Trio, geründet und heute als Quartett auf der Bühne, liefert Martiste Alternative Rock vom Feinsten. Raphael, Benni, Simon und Marc überzeugen  durch ihren tighten, geradlinigen Sound, obendrauf ist da das besondere Schlagzeugspiel von Simon Schröder, der alleine durch seine Art zu spielen und sich dabei zu bewegen, das Publikum zu entertainen weiß. Für ihre Produktionen hat sich das Martiste übrigens mit dem Produzenten Fabio Trentini zusammengetan, der bereits mit Bands wie den Guano Apes oder den Donots gearbeitet hat. Die Band aus Hannover hat großes Potenzial und hat ganz sicher noch viele spannende Stationen vor sich.

Während Martiste auf der Musikbühne eine Punktlandung hinlegt, starten auf der Kulturbühne The Wild Men Of Wongo, eine Tubes Coverformation aus Hannover. Mit einer witzigen und charmanten Art befreit sich Sänger Steven Brennan aus seiner Zwangsjacke und legt ein solides Fundament für die Kulturbühne am Sonntag.

Was nun folgt, ist etwas Besonderes. Mordslaerm betritt die Bühne und prescht mit ihrem „Captain-Future-Rock“ direkt nach vorne. Es fällt auf, dass die Kulturbühne lauter ist als in den vorigen Jahren. Sänger LichterLoh fragt aber zu Beginn, ob denn alle damit einverstanden seien, dass es jetzt noch etwas lauter werde. Die Reaktion des Publikums zeigt aber, dass alle sehr glücklich über diesen Umstand sind. Ein besonderer Gig ist es für die Band, weil Drummer Andy Charcoal heute sein Abschiedskonzert spielt. Er verlässt Mordslaerm und es wird für die Band in anderer Besetzung weitergehen.

Souveränität, Authentizität und wichtige Statements

Auf der Musikbühne macht sich langsam Emerson Prime spielfertig und bei dieser Band kommt das Gefühl auf, dass jetzt schon der unmittelbare Support-Act für MIA. die Bühne betreten hat. Die 2015 in Hannover gegründete Formation um Frontfrau Erika Emerson, überzeugt mit ihrer ganz eigenen Art von Progressive-Pop. Welcher Musiker kennt es nicht: Wenn auf der Bühne etwas schiefgeht, dann meistens während der ersten Songs. So auch hier, denn Gitarrist Jan muss eine Saite flicken. Souverän übernimmt Erika die kurze Zwangspause und überreicht einem der jüngeren Konzertbesucher das Mikrofon um einen Witz zu erzählen. Im weiteren Verlauf kann ihr Gig aber ohne weitere Probleme fortgesetzt werden und die qualitativ gute und authentisch vorgetragene Show, kommt bei allen Zuschauern sehr gut an.

Nach dem Gig treffe ich Erika, Jan und Simon und erkundige mich nach ihren eigenen Eindrücken. Alle loben sofort den guten Sound, sowohl auf der Bühne, als auch davor. „Es macht auch wahnsinnig Spaß auf einer so großen Bühne, mit so guter Organisation, gutem Wetter und freundlichem Publikum das mitgeht“ erklärt Erika. Auf meine Frage, ob denn neue Songs geplant sind, lässt mich Erika wissen: „Wir sind zurzeit im Studio und arbeiten an neuem Material. Deshalb konnten wir es leider auch Samstagabend nicht zu ZSK schaffen". Erika bestätigt mir, dass man natürlich auch wieder ein Video veröffentlich wird, sobald etwas Neues fertig ist. Das Video zu „Don´t Worry Now“ aus ihrem Debut Album „Wonderseed“ aus 2018, hatte durchweg gute Kritiken erhalten.

„Giraffen sind krass!“

Nach einer kurzen Verschnaufpause und einem leckeren afrikanischen Curry, mache ich mich wieder auf den Weg zur Kulturbühne. Denn da hat gerade Selli and the Guns damit begonnen, gut gelaunt eine angenehm groovige Mischung aus Disco, HipHop, Soul und Funk einer sehr gut gefüllten Faustwiese zu präsentieren. Frontfrau Selina besticht nicht nur durch ihre soulige Stimme und ihre Bühnenpräsenz, sondern auch durch ihre zusätzlich auflockernden Ansagen zwischen den Songs.

Der Platz vor der Bühne ist mit einigen unter zehnjährigen Mädchen besetzt, die alle sichtlich Spaß haben und mittanzen. Eines davon ist als Giraffe geschminkt. Selina nutzt die Chance um der Kleinen etwas über Giraffen zu erzählen. „Giraffen können ganz weit gucken, weil sie so einen langen Hals haben und warnen ihre Herde vor Gefahr. Giraffen sind krass!". Als Gastmusiker sind John Winston Berta an Percussions und Sänger Juan Fernandez dabei. Selli and the Guns machen Spaß und konnten an diesem Sonntag ganz bestimmt viele neue Ohren für sich gewinnen.

„Bunt statt braun!“

Mit UrSolar betritt nun auch ein weiteres Lindener Original die Kulturbühne und ein weiteres Mal, fühle ich Headliner Charakter. Die Band um Frontfrau Nessa wirbt mit Rock, Pop und Funk im polymorphen Gewand des Alternative. Was diese abstrakte Beschreibung bedeutet, wird schnell klar. Eine wahnsinnige Power in der Stimme, auf der Bühne und an den Instrumenten. Nessa ist eine Entertainerin, die es versteht, den Funken überspringen zu lassen. Janek, Malte, Philipp und Paul haben mit ihr sichtlich Spaß auf der Bühne.

Sie verteilt mal eben Lollis und springt herum, während bunte, selbstgebastelte Papierflieger ins Publikum geworfen werden. Bunt ist hier auch das Stichwort, denn Nessa nutzt die Bühne auch als Sprachrohr und lässt es sich nicht nehmen, einige wichtige Statements loszuwerden. Gemessen an der Anzahl der unter Zwölfjährigen, fallen bei UrSolar viele böse Wörter, aber das ist nun mal das Fährmannsfest -  hier wird keiner verschont. Außerdem sagt Nessa „Ich geb keinen Fick auf verdammte scheiß Nazis, verdammte Kackärsche!" auf eine so sympathische und charmante Weise, dass ihr die Wortwahl wohl kaum jemand übel nehmen dürfte.

„Bunt statt braun!“, schreit sie los und schon werden Farbkanonen in Richtung jubelnder Menge abgefeuert. Die Band versprüht unfassbar viel positive Energie. Nessa ist durchgängig am Tanzen und am Springen. UrSolar hat das Publikum ganz und gar für sich gewonnen.

Gute Organisation und ein angenehmes, familiäres Gefühl

Alle Bands, mit denen ich gesprochen habe, loben durchweg die gute Organisation des Fährmannsfestes, den absolut einwandfreien Monitorsound sowie die gute Bühnentechnik und fühlen sich rundum wohl und gut versorgt. „Es wird sich um uns gekümmert", höre ich von vielen Musikern. Mit Hochkarätern wie ZSK, Dritte Wahl, Kettcar oder MIA dieselbe Bühne teilen zu dürfen, ist für alle Hannoveraner Szene-Bands ein Highlight.

Zusätzlich konnten alle Bands viele neue potenzielle Fans erreichen, was sich auch an den jeweiligen Merchandise - Ständen der Bands abgezeichnet hat. Schön dass der Fährmann hier alle gleich behandelt und allen Beteiligten, egal ob megabekannt oder lokale Kellerband, ein angenehmes und familiäres Gefühl vermittelt.


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