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Bildrechte: Norbert Pfeifer

Auf der Bühne immer mit Vollgas: Andy Frasco.

Im gallischen Keller des Rock´n´Roll

Andy Frasco & The U.N. spielten in Hannover

03. August 2019, Von: Andreas Haug, Foto(s): Archiv/Norbert Pfeifer

Freitagabend, 2. August 2019 in Hannover. Wer sich für Rock-und Popmusik oder Live-Musik im Allgemeinen begeistert, ist angeblich bei Ed Sheeran auf der Messe, beim Maschseefest oder hängt woanders rum. Wirklich jeder? Ein motiviertes Völkchen, etwas mehr als 150 an der Zahl, macht das Béi Chéz Heinz heute zu einer Art gallischem Keller. Wie das Dorf bei Asterix und Obelix, mit dem Unterschied, dass sich hier kein Zaubertrank einverleibt wird, sondern ein Kräuterlikör aus Wolfenbüttel und das von Andy Frasco persönlich. Mit seiner sechsköpfigen Band The U.N. tritt er eine Rock´n´Roll-Soul-Blues-Off-Beat-Party los, wie sie der Keller in der Liepmannstraße wohl selten zuvor erlebt hat.

Für gewöhnlich wählen Veranstalter und Bands ihr Vorprogramm dahingehend aus, dass es stilistisch brav und eng in den Kontext des Abends, vor allem aber vermeintlich zum Hauptact passt. Man hätte hier im Béi Chéz Heinz durchaus mit einer Blues-Rock oder Soul-Band rechnen können oder mit einem Singer-/Songwriter, der rau-herzige Rock´n´Roll-Songs in den Club schmettert. Aber nichts dergleichen. Es gibt vorweg das totale Kontrastprogramm und das sitzt.

Totales Kontrastprogramm vorweg

Das Kölner Progressive-Post-Rock-Duo Snippet Upper Laser präsentiert leidenschaftlich- energetisch ausgefuchste alternative Instrumentalmusik und die kommt an. Und wie: Das Publikum tanzt, das Publikum applaudiert sehr lautstark und fordert sogar Zugaben, die postwendend von der Band geliefert werden. Die Show von Snippet Upper Laser ist ein sehr erfrischender Kickstart in einen Abend, der sich in Sachen Unterhaltung und Stimmung noch zu einem sehr außergewöhnlichen entwickeln soll.

Dass der US-amerikanische Act Andy Frasco & The U.N. ein sehr heißer ist, davon konnte man sich in Hannover bereits vor Jahren beim Fährmannsfest und im LUX überzeugen. Dass die heutige Show aber ein einzig krachendes und funkensprühendes musikalisches Feuerwerk werden würde, damit konnte man hier so nicht unbedingt rechnen. Der quirlige Sänger und Pianist Andy Frasco ist in großer Besetzung angerückt. Rock´n´Roll-Standard-Setting plus Bläsersatz, das macht sieben Leute auf der Bühne und ein Teil davon springt bereits beim ersten Song in die sofort feiernde Menge. Es benötigt hier keine Anlaufphase zum Aufwärmen. Grenzenloser Spaß und musikalische Freiheiten von der ersten Minute an.

Kopulationsbewegungen zu am Ende mindestens 160 bpm

Andy Frasco & The U.N. sind musikalisch tief in den 1960er und 1970er Jahren verwurzelt und man wähnt sich manches Mal bei einer handgemachten Rock-und Soul-Show in einem Club irgendwo in der Zeit zwischen 1974 und 1978. Mit allen schweißtreibenden Ritualen und Publikumsinteraktionen. Letztere werden dann aber doch in die Neuzeit transportiert. Sehr konsequent. Sex spielt auch eine Rolle. Schon früh im Set fordert Andy Frasco seine Fans in den ersten Reihen auf, die Beine zu spreitzen und das Becken rhythmisch zu bewegen. Die Band zieht das Tempo stetig an. Harte Kopulationsbewegungen zu am Ende mindestens 160 bpm. Band und Besucher singen „I don´t wanna be lonely“.

Kollektives Ausrasten auf und vor der Bühne mit zeitweise ekstatischem Ansatz. Es ist eine Art totales „Happy-Concert“ mit allem, was zum Feiern, Tanzen und Springen taugt. Auf Basis Soul-Rock und Rock´n´Roll biegt die Band auch mal schnell in Richtung Off-Beat oder Reggae-Groove ab. Munteres melodisches Gebläse bis plötzlich im allgemeinen Getümmel der Posaunist ein mächtiges Sousaphon auf die Bühne schleppt, um dann fix mitten im Saal ein Blues-Solo zu spielen.

Apropos: Wenn mal Blues angesagt ist, dann werden Andy Frasco & The U.N. zu einer Jam-Session Band. Man identifiziert vom Gesang ein vertrautes „When I woke up that morning…“ und wird Zeuge, dass anscheinend fast jeder in der Band mal jedes Instrument spielen möchte und kann. Ein lustiges Bäumchen-wechsle-dich-Spiel. Der Gitarrist ist plötzlich am Schlagzeug, einer aus der Bläser-Sektion an der Gitarre, Andy Frasco spielt Bass. So gut wie keine Verschnaufpause , sondern mehr als 90 Minuten Vollgas.

Ausflüge zu Pink Floyd über Bon Jovi bis zu Queen

Während im Saal munter zu  Ska-Soul-Blues-Rock´n´Roll-Versatzstücken gefeiert wird, wagt die Band urplötzlich kurze Ausflüge zu den unterschiedlichsten Klassikern der Rockmusik. Wie aus heiterem Himmel ertönt plötzlich die markante Saxofon-Melodie von Gerry Rafferty´s „Baker Street“, eine Strophe aus „Time“ von Pink Floyd, der Refrain von „Livin´On A Prayer“ von Bon Jovi, der vom Up-Tempo-Rock-Part von Queen´s „Bohemian Rhapsody“ abgelöst wird. Hier scheint alles erlaubt und alles möglich. Verrückt, im positivsten Sinn.

Wenn Andy Frasco ab und zu was anzukündigen hat, wie etwa die Besetzung seiner Band, lehnt er des Öfteren lässig an der Mittelsäule der Bühne, die Flasche des bereits erwähnten Kräuterlikörs in der Hand oder am Mund. Die wilde Party hat keine Durchhänger, die Luft scheint im „Heinz“ zu brennen, selbst ganz hinten, zwischen Mischpult und Theke, wird getanzt. Das Publikum ist bunt gemischt, Frauen, Männer, in den Zwanzigern bis weit in die Fünfziger. Hier heben sich sämtliche vermeintlichen Alters-und Szenegrenzen auf.

„…dann kann die Welt untergehen“

Ein stämmiger Mann, nach eigener Aussage Jahrgang 1982, bewegt sich hyper-euphorisiert mit funkelnden Augen freudetrunken durch den Saal und definiert eine Lebens-und Verhaltensstrategie zwischen später und sofort. Zu einer Frau sagt er: „Du musst Kinder machen, so wenig wie möglich fliegen, an der Bühne da vorn Ekstase, dann kann die Welt untergehen.“

Währenddessen geht der musikalische Party-Rausch da vorn weiter. Erkennen Sie diese Melodie? Ah, ja, die Bläser intonieren kurz „Cocaine“ von J.J. Cale.

Im Zugabenteil brechen im Béi Chéz Heinz alle Dämme. Band und Besucher ziehen in einer riesigen Polonäse durch den Club und als diese sich auflöst, tanzen und spielen überall verstreut die Musiker. Ein lustiges Toben und Durchdrehen. Es fehlen nur die Luftschlangen, die bunten Hütchen und Schlickertüten, wie man sie von Kindergeburtstagen kennt.

Als dann alle wieder irgendwie auf der Bühne vereint sind, gibt es den letzten musikalischen Ausflug von Andy Frasco & The U.N.. „We´re an american band“ schallt es in den Saal. Der Refrain vom alten Grand-Funk-Railroad-Klassiker setzt nochmals ein dickes Ausrufezeichen hinter diese außergewöhnliche Show und diesen außergewöhnlichen Abend.


INFO-BOX

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externer Link www.andyfrasco.com
externer Link www.facebook.com/snippetupperlaser
externer Link www.beichezheinz.de

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