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Rammstein-Sänger Till Lindemann führte seine Band und die mehr als 40.000 Besucher im Stadion von Hannover durch einen stimmungsvollen, dunklen Abend.

In Beifall untergehen

Rammstein sehr laut und stimmungsvoll in Hannover

03. Juli 2019, Von: Andreas Haug, Foto(s): Jeff Kahra

Fast neun Monate hatten mehr als 40.000 Rammstein-Fans dem gestrigen Dienstagabend entgegengefiebert, sofern sie ein Ticket für das Stadion-Konzert in Hannover ergattern konnten. Diese Show war, wie auch die anderen Deutschland-Termine der Neue-Deutsche-Härte-Band, in Windeseile ausverkauft. Mit viel Pomp, Pathos, Knall, Feuer und Rauch drehten Rammstein in Hannover über fast zweieinhalb Stunden sehr laut auf und sorgten mit mehr als 20 Songs aus ihrer nun schon 25 Jahre währenden Karriere für Staunen und Begeisterung.

Seit ihrer Gründung im Jahr 1994 und ihrem Debütalbum „Herzeleid“ im folgenden Jahr waren Rammstein immer im Gespräch. Es wurde oft kontrovers über die Band, ihre Texte, Musikvideos und Plattencover diskutiert. Nicht selten gab es etwas zu überprüfen, etwa auf angeblich jugendgefährdende Inhalte. Man echauffierte sich, entrüstete sich, analysierte die Songs und Veröffentlichungen mit ihrer teils brachial-harten Bildsprache und Lyrik bis ins kleinste Detail. Kritiker befürchteten eine Art kulturellen Untergang und wähnten des Öfteren den Teufel vor der Tür.

In den Neunzigern und auch noch in den 2000ern waren Rammstein an der Spitze der Deutsch-Metal-Subkultur durchaus so etwas wie verrucht. Ihre Musik zu hören, ihre Konzerte zu besuchen, glich für jugendliche Anhänger beinahe einer Mutprobe. Hatten die Eltern, andere Erziehungsbeauftragte und moralisch Besorgte nicht etwa davor gewarnt oder es gar verboten?

Vorschau Bild 1Vorschau Bild 2Vorschau Bild 3Fotostrecke (5 Bilder) -Foto(s): Jeff Kahra

Es dauerte einige Zeit, bis eine breite Öffentlichkeit das Gesamtkunstwerk Rammstein, die Musik mit ihrem hintergründigen Humor, mit sozialkritischen Andeutungen begriff, die Band mit ihren vielen Hits zu einem Mega-Act für ein sehr großes, Generationen übergreifendes Publikum wurde, das letztlich nur eines im Sinn hatte: Zur Musik der Band zu tanzen, zu toben, mitzusingen, mitzustampfen und einen schönen, stimmungsvollen Abend zu haben.

Den sollen die laut Veranstalterangaben 44.000 Menschen im weiten Rund der HDI-Arena an diesem milden Dienstagabend auch erleben. Gegen 20.30 Uhr unterbricht ein brachialer Kanonenschlag mit Feuerblitz die Feuerwerksmusik von Händel, die zuvor lieblich aus den Boxen perlte.

Gespenstische Szenerie

Schwarzer Rauch steigt aus den Lautsprechertürmen auf und verdunkelt binnen kurzer Zeit die untergehende Abendsonne. Eine gespenstische Szenerie, aber genau das Ambiente für Rammstein und ihren ersten Song „Was ich liebe“. Dieser stammt vom neuen Album „Rammstein“ aus dem es heute noch viele weitere Stücke zu hören geben wird, wie „Tattoo“, „Zeig dich“, „Puppe“, „Diamant“, das zuletzt aufgrund eines missverständlichen Video-Trailers kontrovers rezipierte „Deutschland“, die Pop-Metal-Beat-Nummer „Radio“ und „Ausländer“.

Die Stimmung auf den Rängen und im Innenraum ist sofort da. Die Bässe sind wie sanfte Schläge in die Magengrube, die Stakkato-Gitarren kitzeln in den Gehörgängen, das Schlagzeug knallt unaufhörlich geradlinig den Beat. Dazu feine Keyboardmelodien, dicke Synthie-Sounds und über allem die unverkennbar tiefe und eindringliche Stimme von Sänger und Frontmann Till Lindemann.

Rammstein servieren neben neuem Material auch zahlreiche Klassiker bis hin zurück zu Songs wie „Heirate mich“, „Du riechst so gut“ und „Rammstein“ aus dem Debütalbum „Herzeleid“. Ein erster Höhepunkt, bei dem das Publikum richtig steil geht, ist Song Nummer sechs. „Mein Herz brennt“ schleudern Zehntausende Lindemann & Co. aus vollen Kehlen entgegen. Während die Bässe und Beats die Besucher auf den Tribünen fast schon in die Sitze pressen, entwickeln sich im Innenraum erste kleine Moshpits. Erst einer, dann zwei, dann drei, dann vier. Und dann ist da auch noch ein einsamer Crowdsurfer. Der Großteil reckt rhythmisch die Fäuste gen Himmel.

Band und Publikum sehr laut

Die Pyro-Effekte –ein Markenzeichen für Rammstein-Shows- werden ebenso gezielt eingesetzt, wie Lichteffekte. Obwohl die Band derzeit die ganz große Live-Sensation in Deutschland ist, dem Ticketanbieter Eventim einen neuen Verkaufsrekord beschert hat und kaum ein Stadionkonzert so schnell ausverkauft ist wie bei Rammstein, ist diese Produktion vergleichsweise dennoch überschaubar. Bands wie Genesis, Coldplay oder U2 haben vor Jahren in punkto Licht, LED-Wände und anderer Gimmicks wesentlich spektakulärer aufgefahren als Rammstein heute. Bei genannten Bands gab es aber auch mehr Publikumsinteraktionen und –wie bei Coldplay-  ganz viel bunte Party.

Nun kann man Äpfel aber nicht mit Birnen vergleichen und im Zusammenhang mit dem Gesamtkunstwerk Rammstein ist die heutige Produktion hier in Hannover ungeheuer stimmig und intensiv. Nicht nur die Band ist brillant laut, auch das Publikum jubelt nicht minder kraftvoll. Da muss man sich auch bei der Getränkebestellung im Inneren des Stadions lauter verständlich machen als sonst.

Die eine oder andere kurze Verschnaufpause gibt es aber auch, so, wie mit der Ballade „Diamant“. Ein weiterer Höhepunkt, der in Richtung große Romantik spielt, ist „Ohne dich“: Das Stadion gleicht einem Meer aus Feuerzeugen und Handy-Taschenlampen.

Puppenwagen in Flammen

Als mehr und mehr die Dunkelheit über Hannover hereinbricht und es kühler wird, zischen Feuersäulen in den Himmel, spenden für Sekundenbruchteile eine angenehme Wärme. Es dauert nicht lange, dann wird auf der Bühne das Theater-Spektakel eröffnet, das komisch-witzige Situationen offenbart, sofern man dem Humor folgen kann oder das Dargebotene als spaßige Unterhaltung wahrnimmt und versteht.

Zum Song „Puppe“ wird ein riesiger Kinderwagen aus den Tiefen unter der Bühne nach oben gehoben. Ein wahres Monstrum. „Und dann reiß ich der Puppe den Kopf ab, dann reiß ich der Puppe den Kopf ab, ja, ich beiß´der Puppe den Hals ab, es geht mir nicht gut“, schreit Till Lindemann den Wagen beinahe verzweifelt an, ohne jegliche Chance, der im Gefährt möglicherweise verborgenen Puppe habhaft zu werden. Plötzlich lodern Flammen aus dem Wageninneren die ein riesiges Feuer entfachen. Dann eben so.

Dampf unter dem Kessel

Als schließlich ein ähnlich überdimensionaler Kochtopf die Szenerie dominiert, wird es urkomisch. Lindemann besingt „Mein Teil“, im Topf ein gestikulierender Mensch im Glitzeranzug. Mit einem Flammenwerfer macht Lindemann Feuer und Dampf unter dem Kessel, bis das vermeintliche Opfer eine weiße Flagge schwingt und sich ergibt. Mit ein wenig Fantasie hat das was von einer Weiterentwicklung der Augsburger Puppenkiste, nur in Horror. Jeder Karnevalsverein würde Rammstein beim Rosenmontagsumzug um den Kinderwagen und den Kessel beneiden.

Konfettikanone mit sexueller Symbolik

Die eigentlichen Höhepunkte setzen Rammstein dann aber musikalischer Art mit einem für ihre Fans geschickt abgestimmten letzten Song-Block. Zu „Ohne dich“ wird mächtig gefeiert, bei „Pussy“ klemmt sich Lindemann eine riesige Kanone zwischen die Beine und schießt in dicken Wolken weißes Konfetti in die Menge. Die sexuelle Symbolik wird sich wohl den meisten erschlossen haben.

Richtig laut werden die mehr als 40.000 dann beim letzten Song „Ich will“. Die Begeisterung kennt kaum noch Grenzen, auf vielen Tribünen haben sich die Menschen von den Sitzen erhoben. „Ich will in Beifall untergehen“ schließt der Refrain. Band und Fans sind in diesem Moment nahezu vereint und falls Rammstein jemals in irgendeiner Form untergehen sollten, dann mit Sicherheit zusammen mit ihren Fans, erhobenen Hauptes und mit ohrenbetäubenden Applaus.

„Hannover, wer hätte das gedacht? Wahnsinn! Dankeschön!“ ruft Till Lindemann in die Menge. Die Band verabschiedet sich mit einem tiefen Kniefall. Nochmal ein letzter, großer Knall, dann war es das. Ein starkes Konzert!


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