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Musik aus vier Dekaden seiner Karriere: Joe Jackson gastierte mit seiner Band in Hannover im Theater am Aegi.

Die ganze Nacht hindurch

Joe Jackson auf musikalischer Reise in Hannover

28. Juni 2019, Von: Andreas Haug, Foto(s): Jeff Kahra

Musik aus vier Dekaden seiner Karriere hatte der britische Sänger, Pianist und Komponist Joe Jackson angekündigt und 900 Besucher waren am gestrigen Donnerstagabend der Einladung zur musikalischen Reise ins Theater am Aegi in Hannover gefolgt. Zuhörer mit einer guten Portion Fantasie konnten in den zwei Stunden des Konzerts das Gefühl bekommen, die Songs von Joe Jackson böten das akustische Ambiente für eine erlebnisreiche Fahrt über viele hundert, vielleicht mehr als 1000 Kilometer. Von Norden nach Süden und zurück. Im Zeitraffer. Die ganze Nacht hindurch, bis weit in den nächsten Tag.

Wer sich in den Achtzigerjahren oder noch früher mit dem eigenen Auto auf lange, womöglich sehr lange Urlaubsreisen begab, mag das besondere Gefühl der Aufregung und Vorfreude kennen, am frühen oder späteren Abend zu starten. In der Dämmerung, vielleicht schon in der Dunkelheit. Das Ziel: Ein warmer, sonniger, noch unbekannter Ort tief im Süden, den man irgendwann im Laufe des kommenden Tages erreichen würde. Aber zunächst einmal ist da eine sehr lange Fahrt. Die ganze Nacht hindurch.

Vorschau Bild 1Vorschau Bild 2Vorschau Bild 3Fotostrecke (3 Bilder) -Foto(s): Jeff Kahra

Als die Musik für solch lange Fahrten noch ausschließlich aus dem Autoradio kam, die Mainstream-Dudel-Hits des Tages von zuweilen anspruchs-, gefühl-und stimmungsvolleren Songs des Nachtprogramms abgelöst wurden, man überraschend auf einen zuvor noch nicht bekannten Sender stieß und alles passte, dann konnte man  hinter dem Steuer oder als Beifahrer in einen eigenen kleinen Film geraten. Moderner ausgestattet, war man mit der passenden Musikkassette auf der sicheren Seite, etwa einem Mitschnitt von Joe Jackson´s Auftritt in der Essener Grugahalle vom April 1983 oder eines seiner Alben, wie etwa „Night And Day“.

Liebesgeschichte oder Drama

Joe Jackson hat etliche Kompositionen kreiert, die in ihren Piano-dominierten Arrangements die Kraft von Filmmusik haben. Liebesgeschichte oder Drama. Für große und kleine Szenen mit Protagonisten und ihren unterschiedlichen Stimmungen und Gefühlen. Aufgekratzte Euphorie, Fiesta und lässiges Party-Flair mitten in Metropolen, einsame Abende in einfachen Bars am Rande der Glitzerwelt. Verliebt, enttäuscht, mit einem Kribbeln im Bauch, tausend Träumen im Kopf, der Faust in der Tasche oder einer Mischung aus allem.

All diese Facetten komprimieren am heutigen Donnerstagabend Joe Jackson und seine Band um Langzeit-Wegbegleiter Graham Maby am Bass, Teddy Kumpel an der Gitarre und den filigranen Doug Yowell am Schlagzeug,  zu einem sehr geschmackvoll abgestimmten Zwei-Stunden-Konzert, das mit dem Song „Alchemy“ aus Jackson´s neuem Album „Fool“ beginnt. Daraus gibt es heute unter anderem noch den Titelsong und „Big Black Crowd“.

Ein bisschen dauert es

Ein bisschen dauert es, bis man in der Show drin ist, sich für einige auch der Genuss einstellt. Der Klang ist hier im Theater am Aegi zunächst ungewohnt spitz und höhenlastig. Das wird sich im Verlauf der Show noch etwas verbessern. Für anspruchsvolle Hörer ist es dennoch nicht das Optimum. Man hat in Sachen Sound hier schon Besseres gehört.  Die Songs und die verschmitzt-coole Präsenz von Joe Jackson, der im blauen Anzug hinter seinen Keyboards Platz genommen hat, reißen die Besucher spätestens bei den folgenden Songs „Is She Really Going Out With Him?“ und „Another World“  mit. Graham Maby bekommt sogleich einen Spot für ein Bass-Solo.

Die Band harmoniert exzellent, groovt sich gekonnt durch das Programm und es ist vor allem Schlagzeuger Doug Yowell, der mit seinem ausgefuchsten, teils aufwändigen Spiel auch gleich den in dieser Besetzung fehlenden Perkussionisten ersetzt. Wer vor allem die Latin-geprägten Songs von Joe Jackson kennt, weiß, wie wichtig Percussions für den Bandsound sind.

Herzklopfen, Reisefieber, Radio lauter

Vor dem geistigen Auge gleitet man im gemäßigten bis flotten Tempo die Autobahn entlang, klopft den Rhythmus mit den Fingern aufs Lenkrad, sieht den voranfahrenden Wagen hinter dem nächsten Hügel verschwinden und hängt tiefenentspannt und gut gelaunt seinen Gedanken nach. Ein paar Kilometer weiter, nach der großen Kurve, geht es rasant einen Berg hinunter, voll auf die gleißenden Lichter der nächsten Großstadt zu. Herzklopfen, Reisefieber, Radio lauter.

Die Band spielt temporeiche Songs wie „You Can´t Get What You Want (Till You Know What You Want), das schwer und punktiert groovende „Sunday Papers“ oder –später im Set- die punkig angehauchte New-Wave-Nummer „I´m A Man”. Allesamt Klassiker von Jackson. „All The Same“ trägt der 64-Jährige heute solo am Piano vor erzeugt dabei eine knisternde Spannung. Steigerung an Steigerung, aber der von früheren Bestzungen gewohnte Einstieg der kompletten Band als Höhepunkt bleibt bei diesem Arrangement aus.

Es ist ein kurzweiliges Konzert, das gen Ende immer mehr an Dynamik gewinnt und gute Laune versprüht. Für den imaginären Autoreisenden dämmert schon der nächste Morgen. Von Müdigkeit aber keine Spur. Weiter geht´s. „King Of The World“, stammt im Original von Steely Dan. Walter Becker und Donald Fagan, gehörten zu den Songschreibern, die ihn sehr inspiriert hätten, erklärt Jackson den Besuchern im Aegi.

 Am späten Vormittag am Zielort angekommen, tummeln sich  viele fröhliche Menschen am Strand und in Bars. Man feiert noch oder schon wieder. Salsa, Calypso, Pop, Jazz. Aus einer unscheinbaren Nebenstraße aber, dort wo es in irgendeinem Laden noch ein spätes Frühstück geben soll, knallen Rock, Wave und Punk. An diesem fiktiven Ort herrschen so viel Leben und Abwechslung wie es die Musik beim realen Konzert von Joe Jackson in Hannover im Theater am Aegi beschreibt.

Wie vor fast 40 Jahren

Im Zugabenteil erscheint Jackson grinsend mit einer 40 Jahre Drummachine unter dem Arm. Diese habe er für die Aufnahmen von „Night And Day“ in den frühen Achtzigern benutzt, erklärt der Musiker. Man wolle den nächsten Song mit teils altem Equipment und so arrangiert spielen, wie seinerzeit im Original. Zum Hit „Steppin´Out“ bedient Bassist Maby ein Glockenspiel und Gitarrist Kumpel ein angeblich billiges Keyboard mit Ursprung Fernost.

Das Publikum hat sich längst von seinen Sitzen erhoben und hat Spaß. Dann wird die Bühne wieder in rotes Licht getaucht. Die Band stimmt erneut „Alchemy“ an und beendet diese musikalische Reise auf die gleich Weise genau dort, wo sie zwei Stunden zuvor begonnen hatte. Angekommen. Zeit jetzt für den Nachtfahrer, sich mal aufs Ohr zu hauen und zu schauen, was vielleicht so an Träumen angeflogen kommt.


INFO-BOX

Links
externer Link www.joejackson.com
externer Link www.hannover-concerts.de
externer Link www.theater-am-aegi.de

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