Bildrechte: Lisa Eimermacher

Clueso erzählt von seinen Reisen in Song-Form.

“Für den Moment”

Clueso spielt im ausverkauften Capitol

30. November 2018, Von: Lisa Eimermacher, Foto(s): Lisa Eimermacher

Einfach mal weg: Koffer packen und verschwinden. Raus in die Welt. Diesen Wunsch oder diese fast schon instinktive Aufbruchstimmung packt so manchen im Laufe seines Lebens. Auch Clueso kann ein Lied davon singen. Er macht nicht einfach nur Urlaub, sondern reist. Das bringt Herausforderungen mit sich, aber auch Inspiration. Auf seinen Reisen an die verschiedensten Orte der Welt ist sein aktuelles Album „Handgepäck I“ entstanden. Diese Eindrücke brachte er am gestrigen Abend im ausverkauften Capitol in Hannover auf die Bühne.

Über einen Zeitraum von sechs Jahren hat Clueso an „Handgepäck I“ gewerkelt. Die Eins ist natürlich eine Vorausdeutung auf eine zweite Version und ein bewusstes Anhängsel – eine Art Motivation für sich selbst, damit der Songschreiber es auch in die Tat umsetzt.

Auf dem Album, das am 24. August erschienen ist, finden ganze achtzehn Songs im zarten Akustikgewand ein Zuhause. Songs von unterwegs und voller Sehnsucht, aufgenommen mit Equipment, das ins Handgepäck passt. „Es ist ein Album das nichts will“, so Clueso. „Es ist ein Fernweh-Album und ein Album für die Fans“. Auch live verhält es sich bewusst etwas reduzierter als sonst, wenn er mit einer großen Band auf der Bühne steht. Reduziert auf das Wesentliche – ganz im Sinne seiner Reisen. Abschalten und eintauchen in eine unbekannte und doch vertraute Welt.

Zwischen den Songs erzählt der Singer- Songwriter, wie er in neuseeländischen Plattenläden stöberte und sich von der australisch-neuseeländischen Rockband Crowded House um den Sänger und Gitarrist Neil Finn (der im Oktober übrigens als neues Mitglied von Fleetwood Mac auf der Bühne stand) für den Song „Vier Jahreszeiten“ inspirieren ließ.

Vorschau Bild 1Vorschau Bild 2Vorschau Bild 3Fotostrecke (5 Bilder) -Foto(s): Lisa Eimermacher
„Seltsam wie dieser Ausblick die Sicht auf alles verändert“ - wie wichtig ein Perspektivwechsel sein kann, besingt der Musiker aus Erfurt in „Wie versprochen“. Denn an dem vermeintlichen Klischee, auf Reisen ein Stück weit zu sich selbst zu finden, ist was dran. Das scheint sich auch für Clueso bewahrheitet zu haben. Wie auch das Album will auch er nichts Extravagantes, auch wenn er am Ende der Show einen beachtlichen Freestyle hinlegt, in dem es heißt: „Wenn ich für euch rapp` am Mikrofon, lass ich alles raus, denn ich leb` für den Applaus“.

Barfuß über Glas

Dass er spontan, sogar live auch mal die Setlist umwirft, kommt bei Clueso schon mal vor. Zum Beispiel, wenn Fans ihre Songwünsche reinrufen. Er liebt diese impulshaften Interaktionen mit dem Publikum. Auch wenn sich jemand ein Kind statt einen Song von ihm wünscht, kontert er frei von der Leber weg. Später wird seine Ansage unterbrochen, um ein Duett mit ihm zu fordern. „Ist das dieselbe Person, die auch ein Kind mit mir will? Ja, wenn du seit Monaten über sowas nachdenkst, dann Scheiße, mach’s doch!“, lacht er. „Probier` es einfach aus. Auch wenn jemand vielleicht `nein` sagt. Auch wenn man barfuß über Glas läuft. Man muss mit allem rechnen im Leben, auch mit dem Guten.“ Ein Duett gab es zwar nicht, aber einen Versuch war es wert.

Natürlich gibt es nicht nur neue Lieder auf die Ohren, sondern auch ältere Stücke und Fan-Lieblinge wie „Chicago“, „Achterbahn“, „Gewinner“, „Du und Ich“, „Zentimeter“ und „Freidrehen“. Durch Stücke wie „Achterbahn“, das gemischt wird mit dem Chorus vom Die Fantastischen Vier-Song „Zusammen“, nimmt die Show an Fahrt auf. In seine eingedeutschte Version von Bruce Springsteen’s I“m on Fire“ fädelt Clueso geschickt „Sex on Fire“ von Kings of Leon ein und beweist, dass er es auch etwas rockiger mag.

Die Chemie der Band stimmt. Es wird zusammen gejammt, gegroovt, improvisiert und gelegentlich auch gerockt. Besonders durch das Saxophon bekommt das Ganze ein fast schon jazziges Feeling. Ob ausgiebiges E-Gitarren-, Saxophon- oder Drum-Solo - jedes Bandmitglied bekommt im Laufe des Abends seinen eigenen Moment, um zu strahlen.

Zwischen Roboter-Dance-Moves, Beatbox-Einlagen, Späßen mit der Band und den Fans und lustigen Anekdoten macht er nebenbei noch auf Viva Con Agua aufmerksam, ein gemeinnütziger Verein, den er schon seit vielen Jahren gewissenhaft unterstützt.

Irgendwann schaut er auf sein Handgelenk. Zeit für einen Kurzen. Den kleinen Schnaps-Becher schmeißt er unbekümmert hinter sich und trifft dabei scheinbar seine Akustikgitarre, die er kurz abgestellt hat. Als wolle er sich entschuldigen, beugt er sich zu ihr runter und gibt ihr einen Kuss auf die hölzernen Rundungen. Die Gitarre ist stets sein treuer Begleiter. Die Musik begleitet ihn überall hin.

Vor wenigen Tagen beantwortete der Sänger Fragen der Fans auf instagram. Auf die Frage, ob es ein Livealbum zu „Handgepäck“ geben würde, antwortete Clueso, dass er sich nicht sicher sei. Denn einerseits wäre das schön, weil man als Band in dieser Livekonstellation mittlerweile gut zusammengewachsen sei, „da wär‘ es schon schön, das auch mal festzuhalten“, meint Clueso.

„In einer Zeit, in der alles immer zur Verfügung steht, finde ich es andererseits auch geil, wenn man sich auch mal kümmert um eine Clueso-Show, die nie gleich ist. Ich versuche wirklich, immer was anderes zu machen und ich finde es geil, wenn es für den Moment ist. Ich habe mit meinem Großvater ein Album aufgenommen und das gibt es gar nicht. Für keinen. Und ich finde es manchmal auch schön, wenn es nicht alle haben. Auch, wenn es ein bisschen schade ist. Da bin ich ein bisschen ambivalent (...). Vielleicht gibt es ja mal irgendwann so eine Art `Unplugged` von mir", so der Künstler.

In der „Unplugged“-Version performte Clueso vor einigen Jahren gemeinsam mit Udo Lindenberg dessen Song „Cello“. Seitdem haben sie ihn schon oft zusammen live gesungen. Als Kind war Clueso von dem Panik-Rocker schwer beeindruckt, weil sich in seinen Texten Worte wie „erregend“ fanden. Damals hätte er sich nie erträumt, einmal mit seinem Idol befreundet zu sein oder dass er ihm mit unzähligen Raketen-Emojis zum Platz eins in den deutschen Album-Charts gratulieren würde. Am gestrigen Abend darf das Stück nicht fehlen und wird vom Capitol begeistert mitgesungen. Dass er eine beeindruckende Udo-Impression drauf hat, hat der Erfurter schon oft bewiesen und er darf das: „Ey, Cluesn. Ey, keine Panik. Küsschen, Küsschen“, imitiert er Udo. Clueso mag man einfach.


INFO-BOX

Links
externer Link www.clueso.de/handgepaeck
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externer Link www.instagram.com/clueso
externer Link www.capitol-hannover.de
externer Link www.livingconcerts.de

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