Bildrechte: Lisa Eimermacher

Im Moment: Anti-Flag-Sänger und Gitarrist Chris #2.

Punkrock-Gemeinschaft für die gute Sache

Anti-Flag, Silverstein und Friends im Pavillon

17. Oktober 2018, Von: Lisa Eimermacher, Foto(s): Lisa Eimermacher

Punkrock mag zwar für jeden etwas anderes bedeuten, eines der grundlegendsten Bestandteile, das für viele von enormer Wichtigkeit ist, ist das Gemeinschaftsgefühl; das Gefühl, nicht allein zu sein und gemeinsam etwas bewegen zu wollen. Dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit war auch am vergangenen Abend spürbar. Rund 700 Besucher fanden sich am gestrigen Dienstag im Kulturzentrum Pavillon ein, um zusammen mit Anti-Flag, Silverstein, Cancer Bats und Worriers abzugehen.

Vier Bands, ein Punkrock-Package der besonderen Art. Keine der vier Bands klingt wie die andere und doch passen sie perfekt zusammen. Für ihre gemeinsame Headliner-Show haben sich Anti-Flag und Silverstein mit Worriers und Cancer Bats musikalischen Support aus ihrer jeweiligen Heimat Nordamerika und Kanada ins Boot geholt.

Eröffnet wird der Abend um 19:30 Uhr von der US-amerikanischen Melodic-Punkband Worriers aus Brooklyn, New York. Die Band um Sängerin und Gitarristin Lauren Denitzio weist nicht nur Ähnlichkeiten im Sound mit Against Me! auf, sondern ließ auch ihr erstes Full-Length-Album „Imaginary Life“ von der Against Me!-Frontfrau Laura Jane Grace produzieren. „This Song is for all my queer friends. It’s about how I don’t understand the gender binary or why we need it. It is fucked up”, sagt Lauren Denitzio.

Der Abend ist noch jung, als die Cancer Bats die Bühne entern. “Thank you for coming so early and thank you for checking out our friends in the Worriers”, bedankt sich Frontmann Liam Cormier bei den früh erschienenen Besuchern und freut sich: “You guys are pitting already!”. Die kanadische Hardcore-Punkband prescht von einem Song in den nächsten, ohne auch nur einmal mit der Wimper zu zucken oder auf die Bremse zu treten. Cormier wütet auf der ganzen Bühne wie ein Wirbelsturm, schreit, kreischt und brüllt ins Mikrofon als sei er immun gegen Heiserkeit.
Vorschau Bild 1Vorschau Bild 2Vorschau Bild 3Fotostrecke (5 Bilder) -Foto(s): Lisa Eimermacher

“Shut up and sing!”

„Cancer Bats – voll geil!”, ruft ein Fan zwischen den Songs. Sänger Cormier hat ihn gehört und zögert nicht, mit einem charismatischen, frechen Grinsen zu erwidern: „Germany, you got it, baby!“. Bei ihrem Cover des Beasty-Boys-Stücks “Sabotage” braucht die Crowd keine Aufforderung, den Moshpit aufzumachen. Im gut gefüllten Pavillon ist dafür ausreichend Platz, während es im Kulturzentrum Faust im Vergleich dazu recht eng und schwitzig geworden wäre. Als der Sänger das Publikum auf die beiden Hauptacts heiß machen will, schreit es wieder aus der Menge: „Shut up and sing!“. Die Band fasst es mit Humor auf und lässt sich das nicht zweimal sagen. Um 21 Uhr ist ihr Set beendet.

Während das Publikum auf den ersten Hauptact wartet, kann man hinter dem schwarzen Vorhang neben der Bühne, der den Weg zum Backstage verdeckt, bereits hören, wie ein letztes Mal die Stimme aufgewärmt wird. - Vielleicht aber auch nur zum Spaß zu „Psycho Killer“ von The Talking Heads, das über die Lautsprechern läuft. Es wird dunkel. Über die Anlage wird nun eine Aufnahme einer Rede zu epischer Musik abgespielt. Dann schreiten Silverstein auf die Bühne.

Von ihrem aktuellen Album „Dead Reflection“, das im vergangenen Jahr erschienen ist, präsentieren sie eingangs einige Songs. „Germany, we’ve been here a number of times and we’ve seen what you are capable of. So far: Mediocre”, fordert Sänger Shane Told die Besucher zum Tanzen, Springen und Moshen auf. Die Crowd befolgt die Ansage und legt sich ins Zeug, spart ihre Kräfte aber heimlich ein wenig für den letzten Act auf.

Silverstein haben sich vor 18 Jahren im kanadischen Burlington (Ontario) gegründet. Die Musik, die sie machen, wird als Post-Hardcore, Emo, Screamo, Indie Rock und Hardcore-Punk beschrieben. Und das liefern die fünf Musiker souverän, melodisch und sauber ab.

Sänger Shane erklärt, dass er nun endlich die richtige Aussprache von „Dankeschön“ drauf habe. Zuvor habe er es immer „Dankeshane“ wie eine Mischung mit seinem eigenen Namen ausgesprochen. Anti-Flag habe er bereits selbst live gesehen als er noch zur High School ging. So führt alles zum Ausgangspunkt zurück, „full-circle“ sozusagen. Man sei froh, dass dieser Abend stattfindet, den man habe das schon länger vorgehabt. Anschließend kehrt Cancer-Bats Frontmann Liam Cormier auf die Bühne zurück, um mit Silverstein zu performen.

„We’re not exactly a punk band, but punk rock is where we came from. It’s what we believe in. No matter what kind of music you like, we’re all here for the same fucking reason today: To have a good time, to enjoy an amazing evening with some awesome, real, no-bullshit music”, resümiert Shane Told, bevor Silverstein “Smashed Into Pieces” aus ihrem Debütalbum spielen.

Neben älterem Material wie “Your Sword Versus My Dagger” und Fan-Favoriten wie „My Heroine“ und „Smile in Your Sleep” geben die fünf Kanadier die brandneue Veröffentlichung „Afterglow“ zum besten, welche Ende September im Rahmen einer EP veröffentlicht wurde. Doch die Menge ist bereits erstaunlich textsicher. Den Chorus von „My Heroine“ singt das Publikum im Chor und klatscht im Takt. „Louder!“ ruft Bassist Billy Hamilton lachend. Den scherzhaften Fanwunsch „Wonderwall“ spielen sie dann doch nicht mehr, obwohl Shane mit einem Augenzwinkern angedroht hatte, dass man lieber vorsichtig sein solle, was man sich wünscht, denn die Band habe den Song drauf.

Ein Kribbeln in der Luft

Es liegt so etwas wie ein Kribbeln in der Luft, bevor Anti-Flag um 22:30 Uhr auf die Bühne des Pavillon stürmen. Es ist dunkel. Zwei große Leinwände türmen sich auf jeder Seite der Bühne auf und zeigen Fotografien von einem Zusammentreffen von Demonstranten mit der Polizei. Auch hier dröhnt eine Soundcollage aus verschiedenen Reden und Stimmen durch die Lautsprecher. Dann geht es los.

Der Song „Die For Your Government” läutet das Set ein, wenig später gefolgt von dem unter Fans bekannten wie beliebten „Broken Bones“. Justin Sane und Chris #2 springen auf der Bühne um die Wette und animieren die Crowd, während Gitarrist Chris Nummer Eins eher an seinem Platz vor seinem Mikrofon bleibt und die Backing Vocals herauspresst.

Sänger und Gitarrist Justin Sane lässt nicht lange auf seine erste Ansprache warten. „We are Anti-Flag from Pittsburgh, Pennsyvania!”, begrüßt er die Leinestadt, in der sie schon so oft zu Besuch waren. Auch heute Abend sehe er viele bekannte, alte Gesichter. Menschen, die ihnen damals eine Chance gegeben haben und denen sie zu danken haben, an diesem Abend hier wieder zu stehen. „When we come out to a show like this and we see our punk rock family here with us, taking care of one another, respecting one another – I can’t tell you how much that means to us, my friends”, so Justin Sane.

“Personally, I got into punk rock because I found that it was a community of people who are willing to fight for those who cannot fight for themselves. Who are willing to give a voice to people who have no voice. And I feel like tonight, this should be a celebration of our community and it’s important because it let’s us - who stand against racism, sexism, homophobia, transphobia and bigotry, those of us who will fight for the welfare of our planet – it let’s us know that we are not alone in those struggles, my friends. We have each other and that’s a whole fucking lot”, erzählt Justin Sane, um den Song “Racists” einzuleiten.

Ein neues Gesicht an den Drums

Am Schlagzeug sitzt heute ein unbekanntes, junges Gesicht. Wo ist Gründungsmitglied Pat Thetic? Er ist zu Hause in Pittsburgh geblieben, denn er und seine Partnerin erwarten ihr erstes Kind, klärt Chris #2 auf. Seine Vertretung ist Erik Pitluga aus Pittsburgh, der vor ein paar Wochen als Drum Tech für Anti-Flag angefangen hat, wie Erik unserem Magazin nach der Show berichtet. Den ganzen Sommer lang hat er sich etwa 30 Anti-Flag-Songs beigebracht, um Pat Thetic würdig vertreten zu können, was ihm auch gelingt.

Zu den gespielten Songs an diesem Abend gehören unter anderem “American Attraction”, “The Criminals”, „Brandenburg Gate“, „1 Trillion Dollar$“, „Turncoat“, „Death of a Nation”, „The Press Corpse“, „This is the End (For You My Friend)“ und “Drink Drank Punk”.

„This music is more than stupid haircuts and fucking t-shirts. It’s about the relationships we forge in times like these. And that is where our optimism and positivity comes from”, verkündet Chris #2. Und so bitten Anti-Flag anschließend kurz vor dem Ende der Show zwei Aktivisten von Amnesty International auf die Bühne, die von ihrem Kampf gegen Folter erzählen und um Spenden bitten.

Als die Band kurz vor der Zugabe die Bühne verlässt, schallen abermals Reden aus den Lautsprechern. Es sind Ausschnitte aus Charlie Chaplins kontroverser Rede aus „The Great Dictator 1940“ und „We Shall Overcome“ von Martin Luther King zu hören.

Zum Abschluss gesellen sich Erik und Chris #2 in alter Anti-Flag-Tradition mit ihren Instrumenten zum Publikum. Das Schlagzeug wird inmitten der Crowd aufgebaut und Chris #2 steht mit seiner Gitarre und einem Mikrofon auf einem Riser. Näher und persönlicher geht nicht. Mit dieser Aktion verabschiedet sich die Band.

Direkt nach der Show bleibt Sänger Justin Sane noch im Saal, um sich mit den Fans zu unterhalten und Erinnerungsfotos zu schießen. Nachdem er sich für jeden einzelnen Fan, der ihn treffen möchte, ausgiebig Zeit genommen hat, bedankt sich Justin Sane herzlich bei allen helfenden Händen von „Kein Bock auf Nazis“, „Hardcore Help Foundation“, „Sea Shepherd“ und „Amnesty International“, die an diesem Abend mit ihren Ständen vertreten waren.

„Ich fand’s richtig gut“, sagt Konzertbesucher Patrick, der an der Show vom Rollstuhlfahrerplatz aus teilgenommen hat. "Die letzten beiden Bands fand ich am besten. Anti-Flag höre ich nicht so oft, aber Silverstein habe ich schon einmal in der Faust live gesehen. Cancer Bats fand ich auch richtig gut. Metal ist genau meine Musikrichtung. Die erste Band fand ich nicht so gut, aber zum Anheizen war sie ganz okay. Es war ein gutes Musik-Paket“.

INFO-BOX

Links
externer Link www.anti-flag.com
externer Link www.silversteinmusic.com
externer Link www.cancerbats.com
externer Link www.worriersmusic.com
externer Link www.pavillon-hannover.de

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