Bildrechte: Torsten Gadegast

Gut im Improvisieren: Fat- Belly-Sänger Benny brachte beim Hoffest des Béi Chéz Heinz das Publikum auch mit einem Country-Klassiker in Stimmung.

Improvisieren und wohlfühlen ohne Bollerwagen

Das Hoffest vor dem Béi Chéz Heinz mit Musik und Spaß

11. Mai 2018, Von: Andreas Haug, Foto(s): Torsten Gadegast

Einige Hundert Besucher fanden sich am gestrigen Himmelfahrts-Donnerstag auf dem Gelände vor dem Béi Chéz Heinz in Hannover ein, um das diesjährige Hoffest friedlich, freudig oder auch feucht-fröhlich zu feiern. Die Schlechtwetterankündigungen zuvor konnten getrost vergessen werden. Kein Gewitter, nicht mal leichter Regen und die Windaktivitäten hielten sich in sehr engen Grenzen. Alles entspannt, kann man berichten und so hatten die Feiertagsausflüger und Musikfans ganz offensichtlich sehr viel Spaß mit Freunden, Bekannten und den Auftritten der Bands Fat Belly, LESTER, Kyles Tolone und Imperial Tunfisch. Improvisationen und kleine Pannen gerieten dabei zur spaßigen Abwechslung.

Spätestens gegen Mittag hatte die Nachricht die meisten erreicht: Das Hoffest vor dem Béi Chéz Heinz findet, wie geplant, als Open-Air statt. Der Plan B, aufgrund der im Vorfeld oft schon Besorgnis erregenden Wetterprognosen vom Vortag, die mögliche Gewitter, Windböen, Hagel und Starkregen für den Donnerstagnachmittag angekündigt hatten, die Bands in den Keller zu verlegen, muss nicht umgesetzt werden. Es ist mehr oder weniger stark bewölkt, im Vergleich zu den letzten Tagen ein wenig kühler, hier und da frischt der Wind auf, aber es bleibt trocken und gegen Abend klart es sogar mehr und mehr auf.

Eigentlich ganz angenehme Bedingungen, um auf dem Hof vor dem „Heinz“ Leute zu treffen ein paar Getränke zu nehmen, sich mit Bratwurst und Pommes zu stärken und sich von den Auftritten der vier Bands unterhalten zu lassen. Auf der Rasenfläche vor dem Hof ist für Kinder eine Hüpfburg aufgebaut und wer von den Großen möchte, macht es sich rundherum bequem. Die für Himmelfahrts- oder so genannte Vatertagsausflüge berühmt-berüchtigten Bollerwagen sind hier nicht unterwegs und Horden von Alkohol-Extrem-Konsumenten trifft man auch nicht. Wohl fühlen sich offensichtlich trotzdem so gut wie alle und haben ihren Spaß, möglicherweise auch gerade deswegen.
Vorschau Bild 1Vorschau Bild 2Vorschau Bild 3Fotostrecke (3 Bilder) -Foto(s): Torsten Gadegast
Nachdem die Göttinger Indie-Rock-Band Black As Chalk kurzfristig krankheitsbedingt ihren Auftritt absagen musste, startet das Live-Programm auf der Marke-Eigenbau-Holzbühne eine Stunde später als geplant. Das Ganze hier hat einen charmant-alternativen, improvisatorischen Charakter. Nicht nur Gaffa-Tape kann eine Allzwecklösung sein, um Musiker, deren Kleidung, Band-und sonstiges technisches Equipment spielfertig hinzubekommen, auch leere Bierkästen werden oft gern genommen, um, so wie hier, noch die P.A.-Boxen ein wenig zu erhöhen und dort wo der Boden uneben ist und Bierdeckel fehlen, leisten auch einige aktuelle Exemplare eines hannoverschen Stadtmagazins einen guten Dienst, um dem Boxenaufbau Standfestigkeit zu verleihen. Bühnenlicht gibt es nicht, dafür einen satten, ausgewogenen Ton.

Schon beim Set der ersten Band des Tages, der belgischen Progressive-Indie-Rocker von Imperial Tunfisch ist das Gelände gut gefüllt. Ein aufmerksames und mitunter staunendes Publikum lässt sich auf die intensive Musik der Band und deren vitale Bühnenshow ein. Nicht ganz so häufig hinterlässt eine Opener-Band einen so nachhaltigen Eindruck und erhält so kräftigen Applaus, wie Imperial Tunfisch hier vor dem Béi Chéz Heinz. Ein sehr gelungener Einstieg.

Kyles Tolone sorgen mit ihrem kraftvollen und melodischen Alternativrock für eine angenehme Atmosphäre im Anschluss, bis dann von den Münchner Indie-Emo-Punk-Rockern LESTER die Party losgetreten wird. Von Null auf Hundert und ohne Aufwärmphase preschen LESTER nach vorn. Das Publikum in Bühnennähe ist sofort da, es herrscht Bewegung und Sänger und Gitarrist Andy geht gleich auf Kontakt mit den Feiernden.

Von LESTER zu ESTER

Spaß, Spielfreude und das von einigen Indie-Punk-Rock-Hymen gespickte Programm der Band bringen einige im Publikum auf Hochtouren und lassen andere mindestens interessiert zuhören, rhythmisch mit dem Kopf nicken oder mitwippen.

Es herrscht Trubel rund um diese Show. Eine Kamera fällt zu Boden, eine an eine Gitarrenbox gelehnte Gitarre kippt auf die Bühnenbretter und der Bandname der in hellen Lettern an die nur wenig hellere Hauswand im Hintergrund geklebt wurde, ist auch bald nicht mehr vollständig. Der Buchstabe L hat dem Druck hier scheinbar nicht standgehalten und ist hinabgestürzt.

Aus LESTER wird für den Rest des Gigs „ESTER“. Macht alles nichts. Die Band sprüht vor Energie, viele Songs zünden. Am Ende gibt es vereinzelte Zugaberufe. Die Münchner haben hier im Béi Chéz Heinz in Hannover bestimmt neue Fans und Freunde gefunden und kündigen ihre ausführlichen Zugaben in Form von weiteren Hannover-Gigs an: Ende August beim Strangriede-Open-Air und Anfang Oktober erneut im „Heinz“.

Ist das hier jetzt noch Punk-Rock oder wird es das noch?

Die Melodic-Punk-Rock-Band Fat Belly fährt zu Beginn ihres Sets den zuvor aufgebauten musikalischen Druck erstmal eine Stufe runter und legt dafür eine kräftige Schippe Pop drauf. Für die ersten Minuten ein ziemlicher Kontrast zu der Band davor, vor allem gesanglich. Ging LESTER- Sänger Andy dunkel-rotzig fast bis an die Grenze, pflegt Fat Belly-Sänger Benny den gewohnt hellen, etwas höheren Ton und entlockt seiner Stimme warme Melodien. Ist das jetzt noch Punk-Rock oder wird es das hier vor dem Heinz noch? Ja und Ja! Spätestens beim zweiten Song, als die P.A. ihren Dienst zunächst vollständig, dann über einen längeren Zeitraum in Teilen versagt, ist das von den Spielbedingungen Punk-Rock.

Da zeigen Fat Belly, dass der Punk-Rock-Hase in dieser misslichen Lage nicht ängstlich weghoppelt, sondern Haltung, Spaß und Spielwitz zeigt: Ein routinierter Griff zur Bierflasche, allgemeines Gelächter und dann regelt das Benny mit einer Solo-Einlage. „Take Me Home, Country Road“ gehört zum improvisierten Kurz-Repertoire und damit er besser, respektive überhaupt im Publikum gehört wird, dreht Gitarrist Stephan den Gesangmonitor in Richtung der Fans, die inzwischen den Refrain lauthals mitsingen, denn mehr als Monitor und Gitarren-Verstärker funktionieren nicht.

So und so ähnlich gingen schon Punk-und Punk-Rock-Konzerte in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern über teilweise noch größere Bühnen. Als Holgi, in der Hannover-Szene als Techniker-Tausendsassa und seit vielen Jahren immer Lösungen findender Meister im Improvisieren, schließlich durch einen Gerätetausch das System wieder zum Laufen bringt, kann es mit dem regulären Fat-Belly-Programm weitergehen.

„Britpop-Mucke muss aufhör´n

Zunächst gibt es zum Wiederreinkommen eine Art Soundclash (auch Punk-Rock) und darüber ein beinahe markerschütterndes, schaurig-schief-schräges Gitarren-Solo (in dieser Ausführung auf jeden Fall Punk-Rock). Die Band packt im weiteren Verlauf des Gigs einen länger nicht präsentierten Klassiker aus: „Britpop-Mucke muss aufhör´n“ brüllt Stephan ins Mikro und auch der Rest der Band gibt dem imaginären Punk-Rock-Gaul kräftig die Sporen und hält die Zügel straff.

Die Stimmung steigt in der Folge stetig. Mit einem bunten Reigen aus ihrem großen Song-Fundus und geschickt eingestreuten Cover-Versionen wie etwa „Heaven Is A Place On Earth“ oder „99 Luftballons“, sorgen Fat Belly unter Besuchern, Fans und treuen Freunden für ganz viel Partystimmung. Konstellation und Dramaturgie scheinen in der fortschreitenden Dämmerung zu passen: Die richtige Band mit der richtigen Musik am richtigen Ort.

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