Bildrechte: Jim Minchin

Die US-Nu-Metal-Band Linkin Park trauert um ihren Sänger Chester Bennington (im Bild vorne rechts)

Traurige Nachrichten und der Umgang damit

Gedanken zur Meldung vom Tod von Chester Bennington

22. Juli 2017, Von: Andreas Haug, Foto(s): Jim Minchin

Die Meldung vom Tod von Linkin-Park-Sänger Chester Bennington dominiert seit Donnerstagabend die Nachrichtenlage in vielen Medien. Einige Berichte legten sich früh fest: Bennington habe Selbstmord begangen, heißt es. Offizielle Stellungnahmen über die Hintergründe des Todes des prominenten Musikers standen am Freitag noch aus. In sozialen Netzwerken sind die Reaktionen zahlreich und unterschiedlich, sie reichen vom Ausdruck der Trauer und des Mitgefühls bis hin zu Kommentaren und Diskussionen zum Themenkreis Depressionen, Suizid und die Art und Weise der medialen Berichterstattung. Gedanken zum Umgang damit von Andreas Haug.

Wie soll man als Medium, insbesondere als im Schwerpunkt lokal und regional orientiertes, tagesaktuelles Musikmagazin mit der Nachricht vom Tod eines Künstlers oder einer Künstlerin umgehen? Diese Frage haben wir uns in der Redaktion schon häufiger gestellt. Was erwarten Leserinnen und Leser von einer Musik-Tageszeitung und was im konkreten Fall von Rockszene.de? Einen Nachruf? Einen Kommentar? Eine umfangreiche Recherche und Berichterstattung zu den Hintergründen oder eine nüchtern-sachliche Newsmeldung? Oder reicht es am Ende gar aus, einen externen Facebook-Post zu teilen oder einen Tweet auf Twitter zu retweeten?

Als vor Jahren ein in der hannoverschen Rockszene bekannter Sänger verstarb, erreichte uns eine E-Mail eines enttäuschten Lesers, der von uns einen umfangreichen Artikel, eine Würdigung des Lebenswerkes des Musikers erwartet hatte. Dieser Artikel war ausgeblieben.

„Es ist mal wieder ein prominenter Musiker gestorben“

Auch über den Tod von Chester Bennington, dem Leadsänger der überaus populären und stilprägenden NuMetal/Crossover-Band Linkin Park hatten wir am Donnerstagabend und am Freitag keinen Beitrag veröffentlicht. Warum, wenn es doch fast alle anderen Medien in irgendeiner Form und –wohl aus Aktualitätsgründen- nicht selten in höchster Eile tun oder bereits getan haben?

Es war gegen kurz nach 21 Uhr am Donnerstagabend, ich saß noch im Büro und legte den letzten Schliff an einen Artikel für unsere Freitagsausgabe an, als mich die Nachricht vom Tod Chester Benningtons erreichte. „Und es ist wieder mal ein prominenter Musiker gestorben“, so ungefähr war der Wortlaut meiner Erstinformation. Eine Schnell-Durchsicht verschiedenster Quellen und Medien ergab, dass fast alle in irgendeiner Form bereits erste Artikel, meist in Verbindung mit social-media-Posts veröffentlicht hatten. Die eigentliche Nachricht war im Prinzip „um die Welt“ gegangen, flankiert von emotionalen Bekundungen der Trauer vieler Fans und Musikinteressierter.

Das war aber noch nicht alles. Wie es im Zeitalter von Social Media so ist, verfassten Privatpersonen spontan Kommentare, initiierten Facebook-Diskussionen vor dem Hintergrund eines mutmaßlichen Suizids, den der Linkin-Park-Sänger laut aktueller Meldungs-und Spekulationslage vom Donnerstagabend begangen haben soll.

Eins und Eins gleich null komma fünf

Da wurden in der medialen Gemengelage Eins und Eins zusammengezählt und ergaben nach meinem Gefühl null komma fünf. Die Begriffe, die mit Chester Bennington in Zusammenhang gebracht wurden, rotierten wie Schlagwörter: Schwere Kindheit, sexueller Missbrauch, Traumata, Depressionen, Suchtkrankeiten, Selbstmord.

Wie geht man nun als verantwortlicher Medienmacher auf pietätvolle und angemessene Art und Weise mit der Nachricht vom Tod eines Menschen, in diesem Fall eines großen Rockstars um, deren Hintergründe anscheinend ein äußerst schwieriges und komplexes Themenumfeld vermuten lassen?

Erstmal gar nicht, war meine spontane Reaktion, ich fühlte mich auch ein Stück weit überfordert. Ich habe den Künstler nicht persönlich gekannt, mit ihm noch nie ein Interview geführt, zu der Band und ihrer Musik keine besonders innige Beziehung. Natürlich kenne ich Linkin Park, ein paar Songs und bin mir der Relevanz dieser Band bewusst. Sämtliche Möglichkeiten einer Recherche hätten aber auf „zweiten“ und „dritten“ Quellen basiert.

Berichten, aber wie?

Über den gestrigen Freitag gab es Empfehlungen an Medien und verantwortliche Redakteure, doch bitte einen Hinweis über Hilfsangebote für potenziell Suizidgefährdete einschließlich einer Telefonnummer in etwaige Artikel zum Thema zu integrieren. Das wirkte auf mich persönlich im konkreten, direkten Zusammenhang zu einer möglichen Nachrichtenmeldung über den Tod des Musikers sehr befremdlich.

Muss wirkliches jedes Musikmedium über den Tod des Sängers von Linkin Park und mögliche Hintergründe berichten, sogar mit formalen Empfehlungen? Muss Rockszene.de?

Es ist traurige Gewissheit, dass irgendwann Menschen aus verschiedenen Gründen sterben, auch aus dem Umfeld der lokalen, regionalen und internationalen Musikszene. Gefühlt haben sich Meldungen über den Tod prominenter und teils sehr einflussreicher Musiker vor allem in den letzten Jahren gehäuft.

Nicht im Fall von Chester Bennington, der nur 41 Jahre alt wurde; aber es ist der natürliche Lauf der Zeit und durchaus nicht unwahrscheinlich, dass noch sehr, sehr viele prominente Musiker mit Weltstarstatus, allein aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters, in nicht allzu ferner Zukunft sterben werden. Vielleicht erreichen uns neue, aktuelle Meldungen in nur wenigen Tagen, Wochen oder Monaten.Wie und in welcher Form soll man respektvoll und angemessen in der Berichterstattung über den Tod eines Musikers verfahren? In welchem Fall ist eine Kurzmeldung ausreichend, wo wird ein größerer Nachruf oder Hintergrundbericht erwartet? Kann man auf einen Beitrag ganz verzichten?

Inmitten eines Lichtermeers

Ich habe sogar einmal darüber nachgedacht, eine Rubrik mit Nachrufen auf verstorbene Musiker einzurichten, diesen Gedanken aber sofort wieder verworfen. Aber im Ernst: Wie viele prominente oder „relevante“ Musiker sterben pro Jahr, über die ein Nachruf angebracht erscheint und eine Kurzmeldung irgendwo nicht angemessen wäre? Sind es fünf, zehn, mehr als 20 oder noch mehr? Muss man nicht –wenn- dann konsequent berichten?

Linkin Park hat nach dem Tod ihres Sängers Chester Bennington bis zum Freitagabend noch kein offizielles Statement veröffentlicht. Die Band hat das Titelbild ihrer Webpräsenzen geändert. Zu sehen ist Chester Bennington bei einem Konzert inmitten von Fans in einer von Feuerzeugen und Handy-Lampen erleuchteten Arena. Das hat mich berührt.

INFO-BOX

Links
externer Link www.linkinpark.com

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